Der erschütternde Fall der Josefine S.

Zeit-„Verbrechen“ ist einer der bekanntesten deutschen Podcasts. Die Journalisten Sabine Rückert und Andreas Sentker stellen bekannte Kriminalfälle vor. Die Folge „Tödliche Mutterliebe“ handelt von einem großen Unglück, das sich in Mainz ereignete.

Der erschütternde Fall der Josefine S.

Kaltblütige Taten, Justizirrtümer, ungelöste Fälle: Der Kriminalpodcast „Verbrechen“ des Magazins „Zeit“ zählt zu den beliebtesten Podcasts bei Spotify. Die Journalisten Sabine Rückert und Andreas Sentker stellen in der Audio-Serie frühere Kriminalfälle vor. Einer von ihnen: Der Fall Josefine S. aus Mainz.

Die Geschichte ereignete sich im Jahr 2002. Sentker beschreibt die junge Frau (24) als „durchaus ehrgeizig und am Beginn ihrer Karriere als Buchhändlerin“. Mit einem Laden in Mainz hat sich S. damals selbständig gemacht, hat regelmäßig 14-Stunden-Tage. „Eine Person, die anpackt und tüchtig ist“, so Rückert.

Schwangerschaft verändert ihr Leben

Ein Jahr nach Eröffnung des Buchladens wird S. schwanger. Ihrer Mutter teilt sie daraufhin mit: „Ich bin jetzt Mama, wir verkaufen den Buchladen.“ Und zunächst ist alles gut: Die Schwangerschaft läuft ohne große Komplikationen, S. hat einen netten Mann, den sie schon aus Schulzeiten kennt, und beide freuen sich auf das Kind. „Doch dann passiert etwas Schlimmes“, sagt Rückert.

S. leidet an einer Gestose, einer Schwangerschaftsvergiftung. Die führt dazu, dass der Blutdruck ansteigt, sich Eiweiß in der Lunge sammelt und das Ganze „gefährliche Formen annimmt für Mutter und Kind“, so Rückert. Die Tochter muss mit einem Notkaiserschnitt geholt werden, hat eine schlechte Verfassung, auch die Mutter ist laut Arzt noch nicht über den Berg. „Durch diesen brutalen Einbruch in ihr Leben wird sie konfus. Sie verliert regelrecht den Verstand“, erklärt Rückert.

Schon auf der Kinderstation merkt man, dass Josefine S. Angst vor ihrem Kind hat. Sie vergisst, ob sie es schon gestillt hat. Sie glaubt, dass alle über sie lachen würden, sie beobachtet werde. Sogar den Namen ihrer Tochter vergisst sie. Kurzum: Josefine S. entwickelt eine Psychose. Doch niemand stellt diese Diagnose. Auf eigenen Wunsch verlässt S. die Klinik. Ihr Mann glaubt, dass „sich schon wieder alles richten wird“. Dann kommt der 1. September 2002.

Kind ist sofort tot

Das Paar sitzt zuhause, Josefine S. hat das Kind auf dem Arm, brabbelt kaum verständliche Sätze wie „Ich kann das nicht, ich bin eine schlechte Mutter“. Ihr Mann sagt: „Das ist doch Blödsinn. Siehst du denn nicht, dass alles gut ist?“ Dann eskaliert die Situation. Rückert schildert es so: „Mit dem Laut eines Tieres springt sie auf und schleudert das Kind zu Boden – mit aller Gewalt.“ Mutter und Vater sind fassungslos, das zwei Wochen alte Kind ist sofort tot.

„Diese Frau hat mich sehr, sehr beschäftigt“ - „Zeit“-Journalistin Sabine Rückert

„Ich war das nicht, es war ein schwarzer Schleier über mir“, sagt S. verzweifelt. Sie wird in die Psychiatrie gebracht, will niemanden sehen. Sabine Rückert berichtete damals für die „Zeit“, sie sagt: „Diese Frau hat mich sehr, sehr beschäftigt und sehr, sehr angefasst. Ich glaube, dass Josefine S. die größte Hölle durchlebt hat, die man durchleben kann. Sie hat mir von Herzen leid getan.“ Doch was dann kommt, habe der Sache noch die Krone aufgesetzt.

Die Staatsanwaltschaft wird tätig und beauftragt den berühmten Mainzer Sachverständigen Professor Johann Glatzel mit der Untersuchung von S. Dessen Gutachten aus dem Februar 2003 schildert eine Frau, „die mit der leibhaftigen Josefine S. nicht das Leiseste zu tun hat“, so Rückert. Sie sei eine ehrgeizige Frau, die keine Lust hatte, ein Kind zu bekommen und ihre Karriere als Buchhändlerin zu verlieren. Das Kind habe sie auf den Boden geschleudert, weil es ihr auf den Wecker gegangen sei. Es entsteht das Bild einer „monströsen Karrieristin“.

„Teufelsmutter mit dem Engelsgesicht“

Plötzlich lautet der Vorwurf: Mord. Am ersten Geburtstag ihrer Tochter wird sie auf dem Friedhof verhaftet. Doch ihr Anwalt merkt schnell: Mit der Karrieristin aus dem Gutachten hat S. nichts zu tun, sie kann zu diesem Zeitpunkt keinen geraden Satz mehr sprechen. Er beauftragt einen Gutachter, der das gleiche Ansehen hat wie Glatzel: den Berliner Psychiater Hans-Ludwig Kröber. Der stellt fest: Bei Josefine S. liegt eine klassische Wochenbettpsychose vor.

In die erste Hauptverhandlung wird dennoch nur Glatzel als Sachverständiger geladen. Nach einem Krach mit der Verteidigung bricht man die Verhandlung ab. In der zweiten Hauptverhandlung lädt der neue Richter Hans E. Lorenz schließlich alle Gutachter ein. Auch immer mehr Zeugen verstärken den Eindruck, dass Josefine S. zum Zeitpunkt der Tat schwer psychisch krank war. Auch Glatzel macht plötzlich eine „180-Grad-Wende“, so Rückert. Ja, es handle sich um eine Wochenbettpsychose und S. sei nicht schuldfähig.

Das Mainzer Gericht spricht Josefine S. schließlich im Mai 2006 frei. Doch nicht nur der Prozess setzt ihr zu, auch einige Medienberichte. „Die Teufelsmutter mit dem Engelsgesicht“, soll die „Bild“-Zeitung laut Sentker damals getitelt haben. Doch Sabine Rückert sagt: „Ich glaube, es geht ihr heute gut. Es ist noch einmal alles gut gegangen.“

Die ganze Folge könnt Ihr hier oder bei Spotify nachhören. (ms)

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