Mainzer Forscher entdecken Bandwurm in Ameisen als Jungbrunnen

Zehnmal länger kann eine bestimmte Ameisenart leben, wenn sie sich mit einem Bandwurm infiziert. Zu diesem Ergebnis ist jetzt eine Forschergruppe der Uni Mainz gekommen.

Mainzer Forscher entdecken Bandwurm in Ameisen als Jungbrunnen

Ameisen, die mit Bandwurmlarven infiziert sind, leben länger: Das hat nun eine Forschergruppe der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) herausgefunden. „Die Arbeiterinnen haben nach unseren Beobachtungen eine Überlebensrate, die denen von Königinnen gleicht“, erklärt Studienleiterin Prof. Dr. Susanne Foitzik. Während die Ameisenköniginnen bis zu 20 Jahre alt werden, vollenden die Arbeiterinnen selten das zweite Lebensjahr. In einer mehrjährigen wissenschaftlichen Studie hatten die Wissenschaftler beobachtet, dass der Organismus der befallenen Ameisen anders arbeitet und die Tiere infolge des Bandwurms besser von ihren Artgenossinnen versorgt werden.

Befallene Tiere werden besser versorgt

Das Geheimnis eines langen Lebens der Ameisen werde damit auf „drastische Weise“ deutlich: Während die Arbeiterinnen im fortgeschrittenen Alter auf riskante Futtersuche außerhalb ihrer Kolonie gehen müssen, genießen die Königinnen die Vorzüge des sicheren Nests. Hier werden sie von ihren Töchtern, den Arbeiterinnen, ein Leben lang umsorgt.

Hinzu kommt, dass die Bandwurmlarven im Ameisenkörper wie ein Jungbrunnen wirken. Es scheint, dass die befallenen Tiere dauerhaft in einem Jugendstadium verharren. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Larven Proteine mit Antioxidantien an die Ameisen abgeben, die das Altern in den Genen beeinflussen.

„Es ist außerordentlich spannend, dass ein Parasit eine so positive Veränderung in seinem Wirt auslösen kann“ - Prof. Dr. Susanne Foitzik

Für ihre Untersuchungen sammelten die Forscher Ameisen der Art Temnothorax-nylanderi in Wäldern bei Mainz ein. Anschließend verglichen sie über mehrere Jahre hinweg die infizierten mit den nicht-infizierten Tieren - so lange, bis fast alle Arbeiterinnen gestorben waren. Zu diesem Zeitpunkt lebten von den befallenen Arbeiterinnen noch deutlich mehr als die Hälfte. „Es ist außerordentlich spannend, dass ein Parasit eine so positive Veränderung in seinem Wirt auslösen kann. Die Verlängerung der Lebenspanne ist sehr ungewöhnlich“, sagt die Evolutionsbiologin von der JGU.

Die infizierten Ameisen erkennt man leicht an ihrer helleren Farbe. Sie sind außerdem weniger aktiv und lassen sich im Nest von ihren Artgenossinnen versorgen. Ein chemischer Signalstoff auf den befallenen Ameisen sorgt wohl dafür, dass sie mehr Zuwendung erhalten. „Die infizierten Tiere erhalten mehr Aufmerksamkeit, werden besser gefüttert, geputzt und umsorgt. Sie erhalten sogar etwas mehr Fürsorge als die Königin des Nests“, berichtet Prof. Dr. Foitzik. „Die infizierten Tiere leben im Schlaraffenland, aber die gute Versorgung alleine kann die hohe Lebenserwartung nicht erklären.“ Die Wissenschaftler wollen nun weiter daran forschen, welche Faktoren auf molekularer und epigenetischer Ebene eine Rolle spielen.

Die untersuchte Ameisenart ist mit einer Körperlänge von zwei bis drei Millimetern relativ klein. Dem Bandwurm Anomotaenia brevis dienen sie als Zwischenwirt, eine einzelne Ameise kann jedoch von bis zu 70 Larven des Wurms befallen werden. Die Parasiten leben dann in deren Körperflüssigkeit. Ihren Lebenszyklus können sie nur beenden, wenn sie in einem Specht weiterleben, der zuvor die befallene Ameise verzehrt hat.

Zum Forschungsteam gehören, neben den Wissenschaftlern der Uni Mainz, auch Forscher des Max-Planck-Instituts für Biologie des Alterns und der Universität Tel Aviv.

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