18-Jähriger stürzte im Volkspark fünf Meter in die Tiefe

Lebensgefährliche Verletzungen und heftige Spätfolgen: Der 18-jährige Alexander fiel im Mai im Mainzer Volkspark mindestens fünf Meter ungebremst in die Tiefe. Doch hätte der Sturz verhindert werden können?

18-Jähriger stürzte im Volkspark fünf Meter in die Tiefe

Die Nacht vom 15. auf den 16. Mai 2019 wird Claudia wohl nie wieder vergessen. Gegen 0:30 Uhr standen Beamte der Polizei Hofheim vor ihrer Tür: Es ginge um ihren Sohn Alexander. „Ich dachte erst, er hätte etwas angestellt“, sagt sie fünf Monate später im Gespräch mit Merkurist. Stattdessen sollte Claudia in der Intensivstation der Mainzer Uniklinik anrufen. „Der zuständige Arzt sagte mir, dass ich so schnell wie möglich kommen soll – und man nicht weiß, wie lange Alexander noch leben wird.“ Danach sei sie zusammengebrochen.

Auch Alexander ist beim Gespräch mit Merkurist im Café Vivo im Mainzer Volkspark dabei. Der Hofheimer erzählt ruhig, was am Abend des 15. Mai, nicht einmal hundert Meter vom Café entfernt, passierte: Alexander war mit etwa zehn Freunden an der Grillstelle im Volkspark. Eine Woche vorher hatte er sein Abitur gemacht, jetzt feierte ein Freund Geburtstag. Alexander saß an diesem Abend die meiste Zeit mit drei Freundinnen auf einer rund 80 Zentimeter hohen Mauer mit Sitzfläche, die sich am Rande der Grillstelle befindet. Direkt hinter der Mauer beginnt ein etwa drei bis vier Meter langer Abhang mit Waldboden, der an diesem verregneten Maitag matschig war. Was Alexander nicht wusste: Am Ende des Abhangs folgt die eigentliche Gefahr. Dann geht es an der Stadtmauer mindestens fünf Meter senkrecht nach unten.

Freunde vermuteten Scherz

Kurz nach 22 Uhr suchten sich seine Freundinnen ein Gebüsch auf dem Gelände, weil die Toiletten neben der Grillstelle zu diesem Zeitpunkt schon verriegelt waren. Als sie wiederkamen, war Alexander plötzlich weg. An das, was in der Zwischenzeit passierte, erinnert er sich nur noch bruchstückhaft. Alexanders letzte Erinnerung: Er stand auf, machte den Schritt über die Mauer und wollte ebenfalls pinkeln gehen. „Ich dachte, ich kann ein bisschen runtergehen und mir ein Gebüsch suchen. Dann ist die Erinnerung weg.“

Was in den nächste Minuten passierte, erfährt man aus dem Polizeibericht, der Merkurist vorliegt: „Man habe kurz darauf Rascheln gehört und einen kurzen Schrei des VA*. Die Freunde vermuteten einen Scherz, den sich der VA erlauben wollte.“ Doch nach einigen Minuten war er immer noch weg. Die Freunde suchten Alexander auf dem Gelände und fanden ihn schließlich regungslos neben der Mauer liegen. Alexander war kopfüber nach unten gestürzt. Ein Freund leistete Erste Hilfe, dann kam der Rettungsdienst. „Zu diesem Zeitpunkt sei der VA noch ansprechbar gewesen, jedoch habe sich der Zustand derart verschlechtert, dass man ihn intubierte.“ Später heißt es im Bericht: „Nach telefonischer Rücksprache mit dem behandelnden Arzt sei noch ungewiss, ob mit dem Ableben zu rechnen sei.“

Folgen des Unfalls

Diese Ungewissheit hatte auch Alexanders Mutter Claudia. „Die Ärzte sagten mir, dass ich jede Stunde damit rechnen muss, dass er verstirbt“, sagt sie mit Tränen in den Augen. „Erst nach drei, vier Tagen war klar, dass er überleben wird.“ Alexanders Verletzungen waren gravierend: Hirnblutungen, Schädelbasisbruch, sechs Rippen gebrochen, von denen sich eine in den Lungenflügel bohrte. Auch am „Rückgrat/Wirbelsäule wäre etwas ‘nicht in Ordnung’“, heißt es im Polizeibericht. Erst ein MRT konnte den Verdacht ausräumen, dass er querschnittsgelähmt ist.

Insgesamt verbrachte Alexander zehn Tage im Krankenhaus. Das Schlimmste überstand er, doch mit den Unfallfolgen muss er wohl für immer leben: Auf einem Ohr ist er taub, hat Gleichgewichtsprobleme, einen dauerhaften Tinnitus, seinen Geschmacks- und Geruchssinn hat er verloren. „Ich bin aber auch erleichtert. Es hätte sein können, dass ich mein Leben lang im Rollstuhl sitze“, sagt er.

Mutter Claudia habe in dieser Zeit „einfach funktioniert“, wie sie sagt. Seit dem Abend, als die Polizei bei ihr klingelte, habe sie panische Angst, wenn Alexander das Haus verlässt. „Ich möchte sowas nie mehr erleben.“

Stadt Mainz sieht keine Schuld bei sich

Ruben Goldmann, der Anwalt der Familie, wirft der Stadt eine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht vor und fordert sie in einem Schreiben auf, eine Absturzsicherung oder Hinweisschilder anzubringen. „Nichts deutete daraufhin, dass in diesem Bereich hinter der Sitzbank bei Verlassen in Richtung Grünfläche absolute Lebensgefahr besteht“, so Goldmann in seinem Schreiben. „Die ungesicherte Stadtmauer ist bei Dunkelheit nicht zu erkennen.“ Außerdem fordert er von der Stadt Schmerzensgeld für seinen Mandanten. Zum Zeitpunkt des Sturzes hatte Alexander laut eigener Aussage ein Bier getrunken, der Promillewert betrug 0,3.

Die Stadt Mainz beauftragte ihren Haftpflichtversicherer, die GVV Kommunalversicherung, ein Gutachten zu erstellen. Das Ergebnis der GVV: „Eine zum Schadensersatz führende Verkehrssicherungspflichtverletzung seitens der Stadt Mainz liegt völlig eindeutig nicht vor.“ Die 80 Zentimeter hohe Mauer sei Absturzsicherung und zugleich Begrenzung der Grillstelle. Für jeden Besucher sei klar, dass er den geschützten Bereich verlasse, wenn er über die Mauer klettert und sich im Dunkeln in die Grünanlage begibt. Ein solches Verhalten geschehe stets auf eigenes Risiko. „Die in der Grünanlage vorhandenen Trampelpfade sind illegal und von der Stadt Mainz nicht geduldet.“ Auch ein Sprecher der Stadt verweist nach Merkurist-Anfrage auf das Gutachten, das eindeutig keine Schuld der Stadt sehe.

Kam es zu weiteren Vorfällen?

Anwalt Goldmann will die Stadt nun verklagen. Entscheidend dürfte dabei die Frage sein, ob auch vorher schon Volkspark-Besucher an dieser Stelle abrutschten oder zumindest kurz davor waren. Laut Anwalt der Familie ist es bereits in der Vergangenheit zu „ähnlichen Vorfällen“ gekommen. Ein Mann aus Budenheim sei vor etwa vier Jahren beinahe an der Mauer hinuntergestürzt, habe sich aber noch festhalten können. Der Versicherer GVV sieht es anders: Den Mitarbeitern der Stadt Mainz sei nicht bekannt, dass es in der Vergangenheit an der Unfallstelle zu gefährlichen Situationen gekommen sein soll.

Alexanders Mutter Claudia sagt, dass sie vor allem eines will: dass es in Zukunft zu keinen gefährlichen Situationen mehr an der Grillstelle kommt. Zumal sich ein Kinderspielplatz in der Nähe befindet. Sie sagt: „Ich hoffe, dass die Stadt wenigstens ein Schild aufstellt: ‘Achtung, Lebensgefahr’. Das wäre doch ganz einfach zu machen.“

*Die Abkürzung VA steht bei der Polizei für „Verantwortlicher für den Einsatz“. Gemeint ist keine moralische oder juristische Verantwortung, sondern die Person, die ursächlich für den Einsatz war. (df)

Logo