„Die Mainzer Gastronomie könnte es, so wie sie jetzt ist, im Herbst nicht mehr geben“

Große Freude bei vielen Gästen der Mainzer Gastronomie: Die Lokale dürfen seit dem 13. Mai wieder öffnen. Allerdings folgte dann die Ernüchterung, denn viele Mainzer Lokale bleiben weiterhin geschlossen. Doch warum ist das so?

„Die Mainzer Gastronomie könnte es, so wie sie jetzt ist, im Herbst nicht mehr geben“

Eigentlich müssten sich die Mainzer Gastronomen freuen: Seit Mittwoch, den 13. Mai, dürfen sie unter strengen Auflagen wieder öffnen. Doch diese Lockerungen sorgen nicht bei allen für Freude. Denn: Für Mainzer Lokale mit kleinen Flächen sind die Hygieneauflagen nicht umsetzbar. Warum das zum Problem wird, erzählt Vera Kohl, die Inhaberin von „Dicke Lilli, gutes Kind“ und „Marlene“. Sie ist wie viele Mainzer Gastronomen von der Krise betroffen - eine Perspektive sieht sie aber auch trotz der Lockerungen gerade nicht.

Gerade keine Perspektive

Wer schon einmal im Café „Dicke Lilli“ auf einen Kaffee oder ein Stück Kuchen zu Gast war, der weiß, dass es nur ein paar Tische gibt. Der Platz ist begrenzt. Doch das macht auch den Charme aus. Jetzt wird Vera Kohl diese Größe aber zum Verhängnis. „Die Lage ist dramatisch. Die Lockerungen sind für uns und ganz viele andere Mainzer Gastronomen mit dieser Ladengröße unwirtschaftlich“, erzählt Kohl. Sie hat seit der vergangenen Woche am Eingang ihres Cafés einen Straßenverkauf aufgebaut. Dort bietet sie Kaffee, Kuchen, Mittagessen und Getränke auch zum Abholen und Mitnehmen an.

„Wir haben lange überlegt, wie wir die Auflagen umsetzen können, aber der Aufwand ist einfach zu groß. Denn die 1,5 Meter Abstand müssen in einem Radius rund um Tische und Stühle gegeben sein. Und ich bräuchte auch eine Person mehr, die nur Gäste platziert, Tische und Karten desinfiziert und auf die Hygieneregeln achtet. Das ist nicht wirtschaftlich.“ Und genau das ist das Problem: 100 Prozent Kosten für Lebensmittel, Mitarbeiter und Miete, aber nur etwa 50 Prozent der Einnahmen.

„Die Mainzer Gastronomie könnte es so wie sie jetzt ist schon im Herbst nicht mehr geben.“ - Vera Kohl

Aktuell ist das Öffnen deshalb für sie keine Option: „Das würde nicht einmal die Kosten decken. Ich habe deshalb großen Respekt vor jedem, der wieder aufmacht. Das kann ich mir nur bei den großen Läden vorstellen“, erzählt die Mainzerin. Sie hat mit Kollegen über die aktuelle Situation gesprochen - vielen geht es so wie ihr: „Wir müssen schauen, wie wir den Kopf über Wasser behalten. Da würde ich mir irgendeinen Rettungsschirm oder Unterstützung aus der Politik wünschen.“ Doch auch wenn die Situation gerade ausweglos und schwierig erscheint, ein positiver Effekt der Krise ist Kohl wichtig: „Ich bin super begeistert, wie kreativ alle geworden sind und freue mich für alle, bei denen es trotzdem gut läuft.“

Mit anderen zusammen tun

Weil sie weiß, dass es vielen anderen Kollegen auch so geht, hat sie gemeinsam mit Jan Appeltrath vom Willems im Altstadt Café und Ata Delbasteh vom Restaurant Bergschön etwas überlegt: „Es muss eine Kommunikation geben, einen Zusammenschluss zwischen den Mainzer Gastro-Besitzern. Wir müssen gemeinsam eine Allianz bilden und öffentlich machen, dass es für uns gerade keine Perspektive gibt.“ Auf diese Initiative setzt auch Jan Appeltrath, Besitzer des Altstadt Café und des Gasthaus Willems.

Auch er ist mit seinem Café von der Problematik betroffen: „Die Auflagen sind auf jeden Fall sinnvoll, aber uns sind die Hände gebunden. Wenn man nicht die Möglichkeit hat, eine große Außenbestuhlung aufzubauen, ist es schwierig.“ Er sieht das Problem auch darin, dass besonders in Cafés der Pro-Kopf-Umsatz eher klein ist. „Wir wollen unsere Läden ja so führen, dass sich die Kosten nicht am Ende des Jahres überschlagen. Wir denken deshalb langfristig, weil wir auch für unsere Gäste da sein wollen.“ Genau wie Vera Kohl hat auch er vor dem Café einen Straßenverkauf aufgebaut.

„Wir bieten Kuchen und Heißgetränke, Bagels und zur Mittagszeit zwei bis drei warme Gerichte.“ Doch auch wenn der Straßenverkauf gut anläuft, hofft Appeltrath auf eine positivere Zukunft: „Wir würden gerne wieder öffnen, sobald es sich rechnet. Das Restaurant öffnen wir nächste Woche wieder, das allerdings nur, weil wir da eine große Außenbestuhlung aufbauen können.“ Eines wünschen sich beide Gastronomen: eine Perspektive. (df/pk)

Logo