Sinti auf dem Hartenberg: „Wir sind ein Teil dieser Stadt“

Seit fast 70 Jahren leben Sinti-Familien in der Wallstraße auf dem Hartenberg. Doch in den letzten Jahrzehnten sind immer mehr von ihnen weggezogen. Wir haben mit einem Bewohner gesprochen.

Sinti auf dem Hartenberg: „Wir sind ein Teil dieser Stadt“

Eine verfallene Baracke hinter einem Bauzaun erinnert noch an die Zeit, als es auf dem Hartenberg ein richtiges Sinti-Dorf gab. „Damals haben hier noch mindestens 500 Menschen in Baracken gelebt“, erzählt Christoph, 41, und deutet auf den letzten Bretterverschlag. Damals, das war nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Herrschaft, als die überlebenden Mainzer Sinti aus den Ghettos und Vernichtungslagern zurückkehrten. Darunter auch Christophs Vater. „Die Überlebenden haben sich 1945 zunächst in der Rheinallee versammelt und in der Wallstraße dann ihr Zuhause gefunden“, sagt Christoph.

Nur wenige Meter von den Baracken entfernt errichtete die Stadt Mainz in den Sechzigerjahren zwei Wohnblöcke für Obdachlose. Nach und nach zogen in den folgenden Jahren die Sinti aus den Baracken in die frei werdenden Wohnungen, um sich vor den kalten Wintern zu schützen. „Wir waren schon immer Überlebenskünstler“, sagt Christoph.

Probleme mit den Wohnungen

Er selbst lebt schon sein ganzes Leben lang in der Wallstraße. Und mit ihm derzeit nur noch rund 40 Familien. Denn das sei das Problem: Viele Sinti sind in den letzten Jahrzehnten weggezogen, weil die Wohnungen nicht für Großfamilien ausgelegt seien. „Es ist einfach zu wenig Platz da.“ Christophs Wunsch ist es, dass der Platz rund um die Häuser genutzt wird, um neuen Wohnraum zu schaffen. Doch das scheint unrealistisch. „Deshalb wünschen wir uns zumindest kleinere Verbesserungen: einen Wohnwagenplatz, modernere Wohnungen.“ Vor rund 20 Jahren hatte der Vermieter Wohnbau die Wohnungen umfassend saniert.

Auch jetzt sei man mit der Wohnbau in guten Gesprächen, sagt Christoph. Das bestätigt auch Claudia Giese, Pressesprecherin der Wohnbau. Die Mieter habe man bereits dazu befragt, welche Änderungen sie sich wünschen. So sei auf der unmittelbar angrenzenden Fläche geplant, Wohnwagenstellplätze zu errichten, die von den Bewohnern angemietet werden können. Außerdem werde man Wohnungen gegebenenfalls zusammenlegen, um größeren Wohnraum für Familien zu schaffen. Ein weiterer Punkt: die Verschönerung des Umfeldes. „Auch hier prüfen wir verschiedene Möglichkeiten, die sich allerdings auf kleinere Maßnahmen wie zum Beispiel den Neuanstrich der Treppenhäuser beziehen“, so Giese.

Wunsch nach Anerkennung

Doch Christoph und die anderen Bewohner wünschen sich mehr als nur bauliche Änderungen – nämlich Anerkennung. „Wir sind ein Teil dieser Stadt“, sagt er. Doch manchmal fühle man sich allein gelassen. So wurden die Bewohner bis Ende der Neunzigerjahre von der Caritas betreut. „Viele unserer älteren Bewohner brauchen zum Beispiel Hilfe bei Post-Angelegenheiten.“ Auch die Kinder hätten damals von der Caritas-Hilfe profitiert. „Man merkt schon, dass die Caritas nicht mehr da ist“, sagt Christoph. Doch warum wurde die Hilfe überhaupt eingestellt?

Stadt-Pressesprecherin Ellen König teilt auf Merkurist-Anfrage mit, dass „eine ‚selektive‘ Betreuung speziell einer bestimmten Bevölkerungsgruppe der integrativen Intention von sozialer Betreuung widersprach“. Vielmehr sollten soziale Angebote allen Bewohnern eines Stadtteils zugänglich sein – unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen, religiösen oder kulturellen Gruppe. Generell sei die Stadt aber offen, die Bewohner zu unterstützen. „Wir greifen die Anregungen der Bewohner gerne auf.“

Doch auch jetzt werden die Sinti nicht allein gelassen. Zwar gibt es die Caritas-Hilfe nicht mehr, doch Romeo Marquardsen leistet mit seinem Team seit mehr als zehn Jahren ehrenamtliche Sozialarbeit, hilft den Bewohnern zum Beispiel bei bürokratischen Angelegenheiten. Auch der Musiker Django Reinhardt und der Landesverband Deutscher Sinti und Roma in Landau setzen sich für die Belange der Bewohner ein.

Große Feiern im Sommer

Christoph sagt: „Wir sind deutsche Sinti, Mainzer mit Herz und Seele. Gerne würden wir den anderen Mainzern mehr von uns erzählen.“ Im Sommer werde der Hartenberg zum großen Treffpunkt von rund 100 Sinti aus der Region. „Wir tanzen, sitzen am Lagerfeuer, geben alte Geschichten an die jüngeren Generationen weiter“, sagt Christoph. „Wir sind ein lebensfrohes Volk.“ Im nächsten Sommer steht eine besondere Feier an: Dann leben die Sinti seit 70 Jahren auf dem Hartenberg.

(pk)

Logo