Großer Mittelalter-Friedhof mitten in der Mainzer Neustadt entdeckt

Auf einer Baustelle in der Mainzer Neustadt graben Archäologen aktuell einen großen Friedhof aus. Hier wurden über die Jahrtausende unzählige Menschen beerdigt.

Großer Mittelalter-Friedhof mitten in der Mainzer Neustadt entdeckt

Lange graben mussten die Archäologen nicht, als sie auf die ersten Skelette stießen: In der Wallaustraße in der Mainzer Neustadt befand sich wohl über die Jahrtausende ein großer Friedhof. Die Allgemeine Zeitung berichtete zuerst. Bald soll hier ein Mehrfamilienhaus gebaut werden, wo vorher eine Lackfabrik aus dem 19. Jahrhundert stand.

Alles deutet darauf hin, dass zuvor in der Nähe etwa 1000 Jahre lang die Kirche Sankt Theonest gestanden hatte, mitten im damaligen „Gartenfeld“, am Ende der ehemaligen „Zwetschgenallee“. Sie war wohl auch Pfarrkirche von Mombach und wurde im Jahr 1595 abgerissen. Ihre Überreste wurden zwar bis heute nicht gefunden, stattdessen aber unzählige Gräber in der näheren Umgebung. „Urkundlich erwähnt wurde die Kirche erstmals im Jahr 791“, erklärt Simon Mensing gegenüber Merkurist. Er ist Gebietsreferent in Mainz der Direktion Landesarchäologie. Gesichert sei es nicht, doch wahrscheinlich hatte sich hier eine größere Siedlung von der Zeit der Römer bis zum Mittelalter befunden. „Das Bild verdichtet sich“, so Mensing.

Es könnten Tausende Gräber sein

Denn nach und nach graben die Archäologen hier die sterblichen Überreste von Menschen aus, die über die Jahrhunderte bestattet wurden. „Es können Tausende sein“, erklärt der Grabungstechniker Thomas Dederer bei einem Vor-Ort-Gespräch. Auf einzelnen Parzellen entdecken die Archäologen Knochen und teilweise komplett erhaltene Skelette, eng beieinander, teils auch übereinander angeordnet. Auch etliche Kinderskelette wurden gefunden. Von älteren Gräbern sind die Knochen beiseite geschoben oder zu einem Haufen geschichtet worden, um Platz für neue Gräber zu schaffen. Die Särge jedoch seien komplett verschwunden. „Manche wurden auch in einfachen Leichentüchern bestattet“, so Dederer.

Untersuchungen sollen genaues Alter feststellen

Als die Menschen im Mittelalter hier beerdigt wurden, herrschte bereits das Christentum. Grabbeigaben waren daher nicht üblich. „Deswegen ist schwer zu sagen, in welcher Zeit genau die Bestattungen stattgefunden haben“, so Dederer. Bisher könne man sie lediglich auf die Zeit vom 6. bis zum 16. Jahrhundert eingrenzen.

Anthropologische Untersuchungen sollen aber nun Hinweise darauf geben, außerdem eventuell zum Alter der Menschen, zu ihrer Herkunft, der Todesursache und zu Berufen. „An bestimmten Merkmalen lässt sich zum Beispiel erkennen, ob es sich um einen Soldaten oder einen Handwerker handelte.“ Lediglich einem fränkischen Grab aus dem 6. Jahrhundert, das die Archäologen im hinteren Teil des Grundstücks entdeckten, wurde ein sogenanntes Sax beigelegt, also ein kurzes Schwert.

Römische Ausgrabungen nur punktuell möglich

Tiefer graben als in die mittelalterliche Schicht können die Archäologen kaum, da das künftige Haus ohne Keller gebaut werde, so Dederer. „Die römische Schicht können wir uns nur punktuell anschauen – dort, wo für das Fundament des Hauses gebohrt wird.“ Vermutetet wird, dass sich hier ein größeres „Cannabae“, also ein ziviles römisches Lager, befunden hat. „In der ganzen Umgebung wurden schon römische Überreste von verschiedensten Bebauungen entdeckt“, erklärt der Grabungstechniker.

Die Funde aus dem Gräberfeld in der Wallaustraße werden nun sorgfältig geordnet und dokumentiert, auch 3-D-Modelle werden angefertigt. Dann werden sie nach und nach abtransportiert. Bis Ende Juni haben die Archäologen noch Zeit, die Zeugnisse der Vergangenheit zu sichern. Dann bekommt das Grundstück eine spezielle Matte und eine feste Schotterschicht, bevor der eigentliche Bau losgeht. So würden die darunter liegenden Gräber und andere Überreste vor der Zerstörung bewahrt, erklärt Dederer. „Wer weiß, vielleicht können in 100 Jahren die nachfolgenden Archäologen dann auch die römische Schicht sichern.“