„Der Klimawandel ist in Mainz angekommen“

Im Lennebergwald sterben die Bäume: Das trockene und heiße Klima der vergangenen Jahre hat vor allem den Buchen so zugesetzt, dass Revierförster Stefan Dorschel Teile des Walds absperren musste – da Lebensgefahr durch herabfallende Äste besteht.

„Der Klimawandel ist in Mainz angekommen“

Wer im Lennebergwald spazieren geht, wandert nicht auf typischem Waldboden – sondern auf Sand. Der Wald befindet sich auf einem Dünengebiet, einem Relikt der nacheiszeitlichen Steppenlandschaften. Daher wachsen hier vor allem Eichen und Kiefern, die der Trockenheit und den hohen Temperaturen des Oberrheintals besser standhalten. Doch der Wald leidet, Bäume sterben großflächig ab. Stefan Dorschel ist seit mehr als 30 Jahren Revierförster des Lennebergwalds. Er warnt: „Es wird sehr lange dauern, bis wieder Wald entsteht – und er wird wahrscheinlich ganz anders aussehen als der Wald vor dem Klimawandel.“ Im Interview mit Merkurist erklärt er, wie es dem Wald aktuell geht und welche Auswirkungen der Besucherandrang in Pandemiezeiten hat.

Merkurist: Herr Dorschel, wie steht es um den Lennebergwald?

Stefan Dorschel: Der Klimawandel ist bei uns in Mainz und Rheinhessen angekommen, das ist deutlich spürbar. Vor allem der Buche geht es schlecht, obwohl Deutschland von Natur aus Buchenland ist. Die Bäume sterben ab, der Boden ist nicht mehr vor Sonnenlicht geschützt. Statt kleiner Buchen wachsen Gras und Sträucher. Es entsteht eine Steppenlandschaft. Es wird sehr lange dauern, bis wieder schattiger Wald entsteht. Unterhalb des Lennebergturms mussten wir wegen der absterbenden Bäume eine größere Fläche absperren, um die Waldbesuchenden zu schützen.

Das Frühjahr war bisher nass und kühl. Haben Sie Hoffnung, dass der Wald dieses Jahr weniger leiden muss?

Ja, die Startbedingungen sind deutlich besser als in den letzten drei Jahren, denn der Winter brachte ordentlich Feuchtigkeit. Die drei Trockenjahre haben dennoch ihre Spuren hinterlassen und die Bäume, die noch leben, werden auch mindestens so lange brauchen, um sich wieder zu erholen und zu stabilisieren.

Gibt es denn Maßnahmen, die den Wald noch retten können?

Wir versuchen, den Wald naturnah umzubauen, fällen nur noch dort Bäume, wo es unbedingt notwendig ist. Totholz darf im Wald liegen bleiben, da dadurch die Artenvielfalt erhalten wird und sich der Wald natürlich verjüngen kann. Außerdem säen wir Eicheln, da Eichen sehr gut mit trockenem und warmem Klima zurechtkommen. Die Saaten müssen wir allerdings mit Zäunen vor Wildschweinen und Rehen schützen und in den ersten fünf Jahren intensiv pflegen.

Was wird noch getan?

Wir pflanzen zum Beispiel selten vorkommende Baumarten, die Trockenheit ertragen, wie Elsbeere und Speierling. Daneben fördern wir die krautige Vegetation, also Pflanzen, die auf Sandboden spezialisiert sind. Wir müssen für jeden Bereich eigene, unterschiedliche Antworten finden: 70 Jahre alte Kiefernflächen lösen sich gerade völlig auf, die wertvollen Steppenpflanzen werden von Brombeeren, Landreitgras und Weißdorn überwuchert, in anderen Bereichen sterben die Buchen ab.

Der Lennebergwald und der Ober-Olmer Wald sind die einzigen größeren grünen Naherholungsgebiete für die Mainzer. Wie kommt der Wald mit dem pandemiebedingten Besucherandrang zurecht?

Der Besucherandrang ist aktuell verständlicherweise enorm, da viele andere Freizeitmöglichkeiten geschlossen sind. Die Wälder können und wollen wir nicht schließen. Beide sind Naturschutzgebiete, in denen das Verlassen der Wege zum Schutz der empfindlichen Tier- und Pflanzenwelt verboten ist. Dies wird aber leider oft nicht eingehalten. Probleme machen auch querfeldeinfahrende Mountainbiker und freilaufende Hunde. Das Betreten der Wälder ist außerdem sehr gefährlich, da wir abseits der Wege ja das Totholz stehen lassen. Auch wird der Wald momentan regelrecht als billiger Ort der Müllentsorgung missbraucht. Unsere Forstwirte müssen regelmäßig die Reste von Renovierungen und Ausmisten mühsam wieder aufsammeln und entsorgen.

Vielen Dank für das Gespräch, Stefan Dorschel.

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