Warum Adolf Hitler bis 2002 Ehrenbürger von Gonsenheim und Hechtsheim war

Vor 20 Jahren schaffte es die Stadt Mainz mit unrühmlichen Schlagzeilen in deutsche Medien: Adolf Hitler war noch als Ehrenbürger geführt. Doch der Fall war komplizierter, als es die Schlagzeilen zunächst vermuten ließen.

Warum Adolf Hitler bis 2002 Ehrenbürger von Gonsenheim und Hechtsheim war

Im Jahr 2002 war vieles noch anders als heute in Mainz: Statt in die Mewa Arena gingen Fußballfans ins Bruchwegstadion, Straßenbahren fuhren noch nicht bis auf den Lerchenberg, und Adolf Hitler war noch Ehrenbürger von Gonsenheim und Hechtsheim. Doch wie konnte das über 50 Jahre nach Kriegsende überhaupt noch sein?

Kein Handlungsbedarf gesehen

Anfang November 2002, so erklärte ein Stadtpressesprecher 2017 dazu gegenüber Merkurist, sei das Thema um Hitlers Ehrenbürgerschaft erstmals öffentlich diskutiert worden. Auf dem Gonsenheimer SPD-Forum „Leben unter Nationalsozialismus Mainz/Gonsenheim von 1933 - 1945“ habe ein größeres Publikum davon erfahren, dass Adolf Hitler 1933 zum Ehrenbürger von Gonsenheim ernannt worden war. „Nach ausführlichen Recherchen und nochmaliger Prüfung konnte das Stadtarchiv die Tatsache, die einigen Historikern bereits bekannt war, bestätigen: Hitler war von Gonsenheim sowie von Hechtsheim die Ehrenbürgerschaft verliehen worden.“ Allerdings, so der Sprecher, habe das nicht für Mainz und die anderen später eingemeindeten Vororte gegolten.

Die Mitarbeiter aus dem Mainzer Stadtarchiv sahen vor der öffentlichen Diskussion um Hitlers Ehrenbürgerschaft keinen Grund zu handeln. Paragraf 23 der Gemeindeordnung von Rheinland-Pfalz besagt nämlich, dass Ehrenbürgerschaften mit dem Tode erlöschen. Demnach war Hitlers Ehrenbürgerschaft schon seit dem 30. April 1945 nicht mehr gültig. Öffentlich entzogen wurde sie ihm aber nicht.

Symbolischer Akt

Mit der Zeit wuchs der Druck auf die Stadt Mainz weiter an. Und so entschied man sich, in einer Stadtratssitzung kurz vor Weihnachten 2002 unter dem Tagesordnungspunkt 31 Hitlers Ehrenbürgerschaft symbolisch zu tilgen. In der Ratssitzung, in der sich normalerweise Politiker, Zuschauer und einige Lokaljournalisten aufhalten, saßen auch überregionale Medienvertreter wie Spiegel-Redakteur Alexander Smoltczyk.

In seinem Text aus dem Dezember 2022 berichtet er, wie Josef Hofmann – inzwischen verstorbener Bürgermeister a. D. – während Tagesordnungspunkt 31 plötzlich aufstand und darum bat, im Protokoll als „nicht anwesend“ aufgeführt zu werden. Im Anschluss an die Sitzung habe Hofmann dann gesagt: „Ich bin 75 Jahre alt, Kriegsgeneration. Dieser Kerl hat mir meine Jugend geraubt. Es ist unerträglich, wenn ein Verbrecher auf der Tagesordnung eines frei gewählten Parlaments auftaucht und ihm die Ehre einer Beschlussfassung zuteil wird.“

Punkt 31 mit dem Titel „Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers in Gonsenheim und Hechtsheim; hier: Tilgung“ wurde ohne weitere Kommentare einstimmig vom Mainzer Stadtrat verabschiedet. Damit entzog die Stadt Mainz Hitler öffentlich die Ehrenbürgerschaft, die schon 57 Jahre zuvor ihr Ende genommen hatte. Oder wie es ein Stadtsprecher im Mai 2017 formulierte: „Die Tilgung war ein symbolischer Akt.“

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