Lebensgefährlicher Sturz im Volkspark – Stadt Mainz muss Schmerzensgeld zahlen

Vor zwei Jahren verunglückte ein 18-Jähriger im Mainzer Volkspark schwer. Nach einem fünf Meter tiefen Sturz starb der junge Mann beinahe. Hätte die Stadt Mainz dieses Unglück verhindern können? Der Fall landete nun vor Gericht.

Lebensgefährlicher Sturz im Volkspark – Stadt Mainz muss Schmerzensgeld zahlen

Die Nacht vom 15. auf den 16. Mai 2019 ist mittlerweile mehr als zwei Jahre her, doch immer noch geht es Claudia „scheiße“, wenn sie an die Ereignisse von damals zurückdenkt. In jener Nacht standen gegen 0:30 Uhr Beamte der Polizei Hofheim vor ihrer Tür: Es ginge um ihren Sohn Alexander. Ihr erster Gedanke war, dass er etwas angestellt haben müsse. Stattdessen sollte Claudia in der Intensivstation der Mainzer Uniklinik anrufen. Ein Arzt sagte ihr damals, dass sie so schnell wie möglich kommen soll – und man nicht weiß, wie lange Alexander noch leben wird. Dann brach sie zusammen.

Mehr als zwei Jahre später, Ende August 2021, treffen wir Claudia und ihren Sohn Alexander im Café Vivo. Etwa 100 Meter von hier entfernt war Alexander am Abend des 15. Mai 2019 mit etwa zehn Freunden an der Grillstelle im Volkspark unterwegs. Eine Woche vorher hatte er sein Abitur gemacht, jetzt feierte ein Freund Geburtstag. Alexander saß die meiste Zeit mit drei Freundinnen auf einer rund 80 Zentimeter hohen Mauer mit Sitzfläche, die sich am Rande der Grillstelle befindet. Direkt hinter der Mauer beginnt ein etwa drei bis vier Meter langer Abhang mit Waldboden, der an diesem verregneten Maitag matschig war. Was Alexander nicht wusste: Am Ende des Abhangs folgt die eigentliche Gefahr. Dort ging es an der Stadtmauer mindestens fünf Meter senkrecht nach unten.

Freunde vermuteten Scherz

Kurz nach 22 Uhr suchten sich seine Freundinnen ein Gebüsch auf dem Gelände. Die Toiletten neben der Grillstelle waren zu diesem Zeitpunkt schon verriegelt. Als sie wiederkamen, war Alexander plötzlich weg. Seine letzte Erinnerung: Er stand auf, machte den Schritt über die Mauer und wollte ebenfalls pinkeln gehen.

Was in den nächsten Minuten passierte, erfährt man aus dem Polizeibericht von damals: „Man habe kurz darauf Rascheln gehört und einen kurzen Schrei. Die Freunde vermuteten einen Scherz.“ Doch nach einigen Minuten war Alexander immer noch weg. Die Freunde suchten ihn auf dem Gelände und fanden ihn schließlich regungslos neben der Mauer liegen. Alexander war kopfüber nach unten gestürzt. Ein Freund leistete Erste Hilfe, dann kam der Rettungsdienst. „Zu diesem Zeitpunkt sei er noch ansprechbar gewesen, jedoch habe sich der Zustand derart verschlechtert, dass man ihn intubierte.“ Später heißt es im Bericht: „Nach telefonischer Rücksprache mit dem behandelnden Arzt sei noch ungewiss, ob mit dem Ableben zu rechnen sei.“

Folgen des Unfalls

Diese Ungewissheit hatte auch Alexanders Mutter Claudia. Die Ärzte sagten ihr damals, dass sie jede Stunde damit rechnen müsse, dass ihr Sohn verstirbt. Erst nach drei, vier Tagen war klar, dass Alexander überleben wird. Seine Verletzungen waren gravierend: Hirnblutungen, Schädelbasisbruch, sechs Rippen gebrochen, von denen sich eine in den Lungenflügel bohrte. Auch am „Rückgrat/Wirbelsäule wäre etwas ‘nicht in Ordnung’“, heißt es im Polizeibericht. Erst ein MRT konnte den Verdacht ausräumen, dass er querschnittsgelähmt ist.

Insgesamt verbrachte Alexander zehn Tage im Krankenhaus. Das Schlimmste überstand er, doch mit den Unfallfolgen muss er für immer leben. Auch im Sommer 2021, als wir Alexander wieder treffen, ist er auf einem Ohr taub, hat Gleichgewichtsprobleme, einen dauerhaften Tinnitus, seinen Geschmacks- und Geruchssinn verloren. Er sagt: „Mir geht es soweit ganz gut. Ich habe mich an einige Einschränkungen mittlerweile gewöhnt.“

Doch dass der Sturz von damals sein Leben für immer verändert, merkt Alexander nicht nur an den direkten Einschränkungen. Weil er Probleme hat, lange vor dem Computer zu sitzen und sich zu konzentrieren, musste er sein Studium abbrechen. Auch die Suche nach einem Ausbildungsplatz sei schwierig gewesen. „Es gab viele Absagen.“ Auch die führt er auf seine Einschränkungen zurück – wie die Konzentrationsprobleme oder das taube Ohr. Doch seit kurzem hat er einen Ausbildungsplatz als Mechatroniker.

Stadt weist Schuld von sich

Schon im Oktober 2019 hatte Merkurist Claudia und Alexander im Volkspark getroffen. Damals erzählten sie uns zum ersten Mal von dem Unfall im Sommer und den harten Wochen danach. Der Claudia sagt: „Der Merkurist-Artikel damals hat vieles ins Rollen gebracht, wir sind sehr dankbar, wie sich die Dinge danach entwickelt haben.“

Ruben Goldmann, der Anwalt der Familie, warf der Stadt damals eine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht vor und forderte sie in einem Schreiben auf, eine Absturzsicherung oder Hinweisschilder anzubringen. „Nichts deutete daraufhin, dass in diesem Bereich hinter der Sitzbank bei Verlassen in Richtung Grünfläche absolute Lebensgefahr besteht“, so Goldmann in seinem Schreiben. „Die ungesicherte Stadtmauer ist bei Dunkelheit nicht zu erkennen.“ Außerdem fordert er von der Stadt Schmerzensgeld für seinen Mandanten. Zum Zeitpunkt des Sturzes hatte Alexander laut eigener Aussage ein Bier getrunken, der Promillewert betrug 0,3.

Die Stadt Mainz beauftragte daraufhin ihren Haftpflichtversicherer, ein Gutachten zu erstellen. Das Ergebnis: „Eine zum Schadensersatz führende Verkehrssicherungspflichtverletzung seitens der Stadt Mainz liegt völlig eindeutig nicht vor.“ Die 80 Zentimeter hohe Mauer sei Absturzsicherung und zugleich Begrenzung der Grillstelle. Für jeden Besucher sei klar, dass er den geschützten Bereich verlasse, wenn er über die Mauer klettert und sich im Dunkeln in die Grünanlage begibt. Ein solches Verhalten geschehe stets auf eigenes Risiko. „Die in der Grünanlage vorhandenen Trampelpfade sind illegal und von der Stadt Mainz nicht geduldet.“

Fall landet vor Gericht

Daraufhin verklagte Anwalt Goldmann die Stadt. In der Zwischenzeit hatte sich eine junge Frau bei Merkurist gemeldet, die ebenfalls im Sommer 2019 an derselben Stelle schwer stürzte und sogar vorübergehend im Rollstuhl landete. Über diesen Fall berichtete Merkurist im Dezember 2019.

Dann reagierte auch die Stadt. „Der Unfall des jungen Mannes im Sommer 2019 im Umfeld der Grillstelle im Volkspark ist ein sehr tragisches Ereignis“, sagte ein Stadt-Pressesprecher damals gegenüber Merkurist. Auch wenn die Prüfung des städtischen Versicherers ergeben habe, dass keine Pflichtverletzung der Stadt vorliege. Aber: „Unabhängig davon haben wir vor Ort provisorisch Bauzäune mit Hinweisen auf die Absturzgefahr aufgestellt. Im Frühjahr werden dann feststehende Schilder installiert werden.“

Der Fall von Alexander wurde schließlich im April 2021 vor dem Landgericht Mainz verhandelt. Das Ergebnis: Die Stadt Mainz wurde zur Zahlung eines Schmerzensgelds von 8000 Euro verurteilt. Doch die Stadt legte Berufung ein – und der Fall landete im August vor dem Oberlandesgericht (OLG) Koblenz.

„Mauer problemlos zu überwinden“

Das OLG wies die Berufung der Stadt Mainz schließlich zurück. „Eine ca. 70 bis 80 Zentimeter hohe Mauer stellt kein Hindernis dar und ist völlig problemlos zu überwinden, vor allem wenn man – und hierfür war die Mauer ausdrücklich vorgesehen – ohnehin auf der Mauer sitzt und sich nur auf die andere Seite drehen muss.“ Dies dürfe für Besucher des Grillplatzes „weitaus naheliegender sein als das Gelände zu verlassen, um sich – wie von der Beklagten vorgeschlagen – außerhalb, eventuell in der Dunkelheit und alleine, irgendeinen anderen Platz zum Austreten zu suchen“. Die Toiletten neben der Grillstelle waren ja zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen.

Deshalb kommt das OLG zum Fazit: „Die Beklagte war daher verpflichtet, die Besucher des Grillplatzes vor der Gefahr des Abrutschens auf dieser von dem Grillplatz aus mühelos erreichbaren Böschung zu bewahren.“

„An dieser Stelle wird niemand mehr verunglücken“

Doch warum musste der Fall überhaupt vor Gericht landen? Hatte die Stadt nicht mit dem Aufstellen des provisorischen Bauzauns ihre Schuld eingeräumt? Stadt-Pressesprecher Ralf Peterhanwahr sieht es anders. „Nach Bekanntwerden des Unfalls erfolgte die Aufstellung des Schildes, um etwaigen weiteren tragischen Unfällen an dieser Stelle vorzubeugen, obwohl die Stadt Mainz nicht der Auffassung war, dass eine Verkehrssicherungspflicht verletzt wurde.“ Die Entscheidung, nach dem Urteil in Berufung zu gehen, habe der Haftpflichtversicherer getroffen. Dieser sei „zur Prozessführung bevollmächtigt und trägt auch die Kosten des Verfahrens“, so Peterhanwahr.

Alexanders Mutter Claudia ist jedenfalls glücklich über das Urteil des OLG Koblenz, auch wenn sie nicht von einem Happy End sprechen will. „Der Unfall wird meinen Sohn für den Rest seines Lebens begleiten. Aber wichtig ist, dass wir jetzt eine angemessene Entschädigung für die vielen Kosten erhalten haben. Und noch wichtiger: Jetzt wird niemand mehr an dieser Stelle verunglücken.“ Denn mittlerweile wurde der provisorische Bauzaun durch einen festen Metallzaun ersetzt. Außerdem stehen mehrere Warnschilder an der Grillstelle: „Nicht überklettern! Absturzgefahr!“

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