Mainzer Psychotherapeut veröffentlicht Buch über Hilflosigkeit

Kamiar K. Rückert, ärztlicher Psychotherapeut an der Universitätsmedizin Mainz, hat jetzt sein zweites Buch mit dem Titel „Aussichtslos? Eine kleine Psychologie der Hilflosigkeit“ veröffentlicht.

Mainzer Psychotherapeut veröffentlicht Buch über Hilflosigkeit

Kamiar K. Rückert arbeitet als Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und leitet die Ambulanz der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Mainz. In seinem neuen Buch widmet er sich dem Phänomen der Hilflosigkeit und beschreibt anhand von Patientenbeispielen, wie Hilflosigkeit entstehen und überwunden werden kann.

Arbeit in der Psychotherapie

Bereits in seinem Studium in Lettland hat Rückert zu Depression und Angst deutscher Medizinstudierender in Bulgarien, Ungarn, Lettland und Polen geforscht. Jetzt arbeitet der Arzt in Mainz und erzählt im Gespräch mit Merkurist: „Wir behandeln vor allem Menschen mit Schmerzstörungen, Traumata, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Angststörungen. Im Zuge dessen haben wir viel mit Hilflosigkeit zu tun, mit Menschen, die mit ganz vielen einschränkenden Symptomen kommen, die auf der Psyche beruhen. Aber wir behandeln zum Beispiel auch Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen, die in Folge dieser Erkrankungen psychisch eingebrochen sind.“

„Aussichtslos? Eine kleine Psychologie der Hilflosigkeit“

Der Arzt betrachtet Hilflosigkeit als diagnosenübergreifend. Das bedeute, dass sowohl Menschen mit Depressionen oder Panikattacken als auch Patienten mit Persönlichkeits- oder Essstörungen häufig ein Gefühl von Hilflosigkeit erleben würden, erläutert er. Aber konkrete Studien zur Hilflosigkeit über einzelne Krankheitsbilder hinweg gebe es nicht. „Das, was es gibt, ist veraltet, und eigentlich gibt’s dazu kaum etwas“, erklärt Rückert. Daher entschied er sich dazu, das Buch „Aussichtslos? Eine kleine Psychologie der Hilflosigkeit“ zu schreiben.

„In dem Buch versuche ich herzuleiten, warum wir eigentlich Hilflosigkeit in uns haben, wie wir uns als Menschen entwickeln und wie wir als Menschen aus Hilflosigkeit rauskommen“, erläutert der Arzt und führt fort: „Es ist ein sehr praktisches Buch. Einerseits für Therapeuten und Ärzte zur Gesprächsführung, andererseits für Angehörige und Betroffene, die ein bisschen reinlesen können und für sich überlegen können: ‘Bin ich jetzt gerade real hilflos oder mache ich mich gerade ein Stück hilflos?’“. Dabei unterscheidet der Autor zwischen einer objektiven Hilflosigkeit, die auf realen und unveränderbaren Ursachen gründet, und einer subjektiven Hilflosigkeit. Letztere beschreibt das subjektive Erleben von Unfähigkeit, wodurch das eigene Handeln einschränkt werde, erläutert er.

Häufig werde Hilflosigkeit als etwas Persönliches betrachtet, beschreibt der Arzt und sagt: „Mein Buch ist der Appell, dass Hilflosigkeit immer in einer Beziehung stattfindet. Wenn wir zum Beispiel hilflos sind, dann wird die Hilfe bei jemand anderem gesucht.“ Auch in seiner persönlichen Erfahrung als Therapeut erlebe er Hilflosigkeit, wenn er seinen Patienten gegenübersitzt. Und er sei damit nicht alleine.

Hilflosigkeit in Krisenzeiten

„Wir stehen ganz vielen hilflosen Situationen gegenüber, zum Beispiel der Klimakrise. Das zeigt sich schon im Namen“, so Rückert. „Wir sprechen nicht mehr von einem Klimawandel. Und vielleicht ist dann der nächste Schritt ‘Klimakatastrophe’ zu sagen. Und das ist ja etwas, bei dem wir glauben es nicht bewältigen können und Hilflosigkeit entsteht.“ Und er ergänzt: „Wenn Menschen hilflos werden, geht die Wut entweder nach innen und man fängt an sich selbst fertig zu machen, sich selbst zu entwerten und sich selbst einzureden, dass man unfähig ist, oder die Wut geht nach außen“.

Hier vermutet Rückert einen Zusammenhang zwischen dem Gefühl von Hilflosigkeit und dem Anstieg an Extremismus. Diese Vermutung kann er zwar nicht belegen, aber Themen wie die aktuellen Flüchtlingsdebatten und Kriege seien auch vor dem Hintergrund einer realen Bedrohung und dem akuten Gefühl von Hilflosigkeit zu betrachten, so der Arzt.

Gemeinschaft überwindet Hilflosigkeit

Die wichtigste Botschaft seines Buches sei „Gemeinschaft überwindet Hilflosigkeit“. Denn auch wenn es Situationen gibt, die einen Psychotherapeuten erfordern, könnten Menschen auf ihr soziales Umfeld zurückgreifen, um sich selbst zu helfen, erläutert Rückert. Ein wichtiges Gespräch mit einem Freund könne das Gefühl von Hilflosigkeit reduzieren, führt er weiter aus und fügt hinzu: „Wir sind hier in Mainz. Es gibt die Fastnacht und Vereine, in denen man von Menschen umgeben ist. Hier entstehen Freundschaften und Gemeinschaft.“

Wenn es Situationen gibt, die nicht durch die Gemeinschaft der Familie und Freunde bewältigt werden können, steht die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz zur Verfügung.