Psychische Krankheiten auf Instagram: Mainzer Studenten klären auf

Sind depressive Menschen nur charakterschwach? Machen Medikamente abhängig? Ist mein Verhalten normal? Mit ihrem Instagram-Profil klären Mainzer Studenten über psychische Krankheiten auf.

Psychische Krankheiten auf Instagram: Mainzer Studenten klären auf

Der psychologischen Psychotherapeutin Eva Elisa Schneider begegnen sie regelmäßig: Fehlannahmen über mentale Gesundheit. „Viele Menschen verlassen sich nur auf das, was sie zufällig aufschnappen oder wissen schlicht nichts über ihre Psyche.“ In der Therapie klären Schneider und ihre Kollegen auf. Doch nicht nur dort: Mit einem Kurs zur klinischen Psychologie hat die Dozentin an der Mainzer Uni ein Aufklärungsprojekt gestartet.

Auf Instagram haben die Studenten einen eigenen Account: „@psychemalanders“. Ohne Fachbegriffe und mit Emojis beantworten sie hier häufige Fragen rund um die menschliche Psyche. Kurz und einfach klären sie über den Nutzen bestimmter Emotionen auf und stellen psychische Krankheiten vor.

Da sieht die Dozentin Eva Elisa Schneider den größten Aufklärungsbedarf. „Menschen mit psychischen Erkrankungen leiden oft unter dem Vorurteil, dass sie einen schwachen Charakter hätten. Ihnen wird unterstellt, sie hätten keinen Bock oder würden sich anstellen. Das stimmt einfach nicht!“

Ob Depression, Angst- oder Essstörung, psychische Krankheiten seien ein eher unsichtbares Problem. „Dabei gibt es viele Betroffene“, sagt Schneider. Das Projekt solle Tabuthemen entstigmatisieren und aufklären. „Wie eine digitale Broschüre für mentale Gesundheit.“

Dabei sei „@psychemalanders“ aus der Not heraus entstanden. Kontaktbeschränkungen und Corona-Auflagen hätten die aktive Lehre für den Kurs unmöglich gemacht. „Deswegen habe ich mir ein neues Konzept überlegt, in dem die Studierenden Theorie und Praxis verbinden“, sagt die Doktorandin der Mainzer Universität.

Peer-Review für Posts und Stories

Referate und Hausarbeiten aus dem analogen Semester sind den Instagram-Posts und Stories gewichen. Mit Umfragen fanden die 27 Studenten heraus, worüber Fachfremde am wenigsten wissen. Diese Themen bereiten sie nun in kleinen Gruppen auf, Instagram-gerecht natürlich. Bevor gepostet wird, schaut aber nicht nur Dozentin Schneider über die Inhalte, sondern auch die anderen Kursteilnehmer. „Durch diese Peer-Review sehen die Studenten ihre Texte aus der Erstellersicht und setzen zusätzlich auch die Brille der Empfänger auf“, sagt die Dozentin.

Psychologie-Studentin Vivienne Czech gefällt das: „Komplexe Störungen für jemanden zu erklären, der noch keine fünf Bücher dazu gelesen hat, ist schwieriger als eine Präsentation vor den Kommilitonen zu halten. Man reflektiert das eigene Wissen und kommt vom hohen Ross runter.“ Texte, Bilder und Videos für Instagram zu erstellen, sei eine kreative Abwechslung. „Etwas Ähnliches haben wir im Studium noch nie gemacht“, sagt die Mainzerin.

„Etwas Ähnliches haben wir im Studium noch nie gemacht“ - Vivienne Czech

Viviennes Gruppe hat das Thema Schlaf. „Dafür haben wir näher beleuchtet, warum manche Menschen Alpträume haben. Und warum andere zu viel schlafen, also vielleicht unter Hypersomnie leiden und wieder andere gar nicht schlafen. Das wäre dann Insomnie“, erklärt die Studentin.

Ende April setzten sie den ersten Post ab. Einen Monat später folgen dem Profil schon 570 Abonnenten (Stand: 22. Mai). Dozentin Eva Elisa Schneider betreut Kommentare und Nachrichten an den Account. „Wir haben schon viel positives Feedback bekommen.“ Der hochwertige Content komme bei den Nutzern gut an, sagt sie.

Junge Menschen besonders betroffen

„Klar funktioniert Instagram primär über Bilder, aber viele Nutzer sind auch auf der Suche nach Informationen. Besonders junge Menschen.“ Und die seien ihre Hauptzielgruppe. „Ungefähr 30 Prozent der lebenslangen psychischen Erkrankungen manifestieren sich vor dem 24. Lebensjahr“, sagt die Psychologin. Die Reichweite sei aber nur Nebeneffekt des Uni-Projekts.

Die behandelnde Psychotherapeutin weiß auch um die Gefahren für die psychische Gesundheit, die von der Plattform Instagram ausgehen können. „Wer schon an einer psychischen Erkrankung leidet, bei dem können soziale Medien auch zu einer Verschlimmerung der Symptomatik führen. Zum Beispiel wenn Patienten mit Essstörungen oder Körperschemastörungen den ganzen Tag bestimmte Körper präsentiert werden.“

Dabei könne der Nutzer selbst steuern, welche Inhalte und somit welche Körperformen er sich auf der Bild-Plattform anschaue. „Gerade beim Thema Körperwelten gibt es viel Auswahl in alle Richtungen, man muss nur aufpassen, was davon man konsumieren möchte“, sagt Eva Elisa Schneider. Der Account ihres Uni-Kurses sei ein Gegengewicht und Anlaufstelle für Informationssuchende.

Die Ergebnisse des Kurses können Instagram-Nutzer auf dem Profil @psychemalanders verfolgen. (rk)

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