„Ich erinnere mich so gut an den ersten Tag, wie ich da auf diesem Sofa sitze und mich hier so umgucke“, erzählt Silke Müller und deutet auf ihren Lieblingsplatz vor dem großen Schaufenster mit Blick auf die Neubrunnenstraße. Elf Jahre ist es her, dass sie die Buchhandlung, die unter ihrer Führung den Namen „Erlesenes & Büchergilde“ erhalten hat, übernommen hat.
Seit mehr als 60 Jahren werden dort die Veröffentlichungen der „Büchergilde Gutenberg“ verkauft, einer 1924 gegründeten Verlagsgenossenschaft mit Fokus auf kunsthandwerklich illustrierte Bücher – bis heute als einzige Buchhandlung in Mainz. Es sei ihr daher wichtig gewesen, das Wort „Büchergilde“ weiterhin im Namen ihres Geschäfts zu führen. „Aber ich möchte auch zeigen, dass wir eine „normale“ Buchhandlung sind. Dieses ‘Erlesenes’ soll zeigen, dass wir Bücher haben, die wir selbst gelesen haben und gut finden. Und auch die schönen Sachen sind handverlesen.“
Buchhandel statt Vorlesungssaal
„Seit über 30 Jahren mache ich Büchergilde“, sagt Müller mit Blick auf die 17 Jahre, die sie zuvor in leitender Position in der Büchergilde-Buchhandlung in Frankfurt verbracht hat. Für diese Position hatte sie ihr Studium der Buchwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre an der Johannes Gutenberg-Universität abgebrochen.
„Ich war lieber in der Buchhandlung als in der Uni“, erinnert sich die ausgebildete Buchhändlerin, die auch schon während des Studiums in der Neubrunnenstraße gejobbt hatte. Irgendwann sei ihre Vorgängerin Margunde Schenk auf sie zugekommen und habe sie auf eine potenzielle Übernahme angesprochen. „Sie wusste, dass ich das in Frankfurt mit Leib und Seele mache.“
Unabhängige Verlage im Fokus
Als neue Betreiberin hätte sie den Mainzern zunächst klar machen müssen, dass nicht nur die Mitglieder der Büchergilde im Geschäft willkommen sind. „Und dann macht man so etwas Banales, wie ein Schild vor die Tür zu stellen: Wir bestellen ihre Bücher über Nacht.“ Diese Maßnahme sei erfolgreich gewesen, Müller habe auf Grund der hohen Nachfrage kurz darauf ihr Team erweitern müssen. Heute liegt der Schwerpunkt des Ladens abseits der Büchergilde-Büchern auf Literatur, Kinderbüchern und ausgewählten Sachbüchern. Dabei sei Müller wichtig, unabhängige Verlage wie den „Mairisch Verlag“ nicht nur im Sortiment zu integrieren, sondern auch für Buchvorstellungen in das Geschäft einzuladen: „Die kriegen in den großen Buchhandlungen oft nicht so eine Bühne.“
Im hinteren Bereich des Ladens – neben dem großen Holztisch, an dem Teammeetings und regelmäßig Events wie Buchclubs und Workshops stattfinden – befindet sich ein kleiner Young-Adult- und Fantasy-Bereich sowie ein Angebot an Geschenkartikeln. „Wegen unserer tollen Kartenauswahl kommen viele extra hierher“, so Müller.
Erholung zwischen Bücherregalen
An ihrer Arbeit schätze sie insbesondere die Beratung der Kunden, freue sich, wenn sie ihnen ihre „Herzensbücher“ empfehlen könne – aktuell unter anderem der Roman „Magisch“ von Annika Büsing. „Wenn die Leute einem vertrauen, ist das natürlich richtig schön“, sagt Müller und erinnert sich an ein sehr offenes Gespräch mit einem Vater über ein Kinderbuch, welches sich mit dem Thema Tod auseinandersetzt.
Nicht nur für sie und ihre Mitarbeiter sei der Laden ein Ort der Erholung, auch ihre Kunden zeigten ihr immer wieder, dass sie die entspannte Atmosphäre zu schätzen wüssten. „Wir haben manchmal schon beim Einkaufen unsere Kunden vor Augen, für die wir ein bestimmtes Buch oder einen bestimmten Artikel bestellen“, erklärt Müller. Ihre Kundschaft sei eine „bunte Mischung aus jungen Familien, älteren Leuten oder jungen Leuten, die sich oft für feministische oder queere Themen interessieren.“
Leseförderung als Grundlage für Empathieentwicklung
Mit dem „Deutschen Buchhandlungspreis“ sind Müller und ihr Team bereits fünf Mal ausgezeichnet worden, zuletzt 2025. Für den Fokus auf Leseförderung von Kindern hat die Buchhandlung das Gütesiegel „LeseLust“ erhalten. Sie kooperiert dazu mit Schulen und organisiert regelmäßig stattfindende Veranstaltungen nur für Kinder.
Für sie habe das Lesen seit frühester Kindheit dazu gehört, erzählt Müller und erinnert sich an die wöchentlichen Besuche in der Gemeindebibliothek ihres Heimatortes. „Mit stolz geschwellter Brust bin ich dann mit meinen ausgelesenen Büchern dahin und mit meinem Stapel wieder zurück.“
Sie bedauere es, wenn Kinder zu früh an Smartphones herangeführt werden, betont die Wichtigkeit der Leseförderung für die Entwicklung von Empathie. „Indem ich mich in diese Person, in diese Welten hineinversetze, lerne ich, mich in andere Menschen hineinzuversetzen. Und das ist das, was unser Zusammenleben im Grunde braucht. Und dann kann man ganz groß den Bogen zu einer diskussionsfähigen, und damit demokratischen Gesellschaft ziehen.“