Wie werden die Flamingos im Mainzer Stadtpark flugunfähig gemacht?

Die Flamingos im Mainzer Stadtpark sind seit vielen Jahren eine beliebte Attraktion. Damit die Tiere nicht wegfliegen, müssen sie flugunfähig gemacht werden. Welche Methoden wendet die Stadt dabei an und ist diese überhaupt rechtens?

Wie werden die Flamingos im Mainzer Stadtpark flugunfähig gemacht?

Eigentlich sind Flamingos Flugvögel. Auf ihrer Suche nach Nahrung können sie bis zu 300 Kilometer zurücklegen. Ihre Heimat ist Amerika und Afrika, aber auch südliche Länder in Europa. Hier leben sie meist an salzigen Seen.

Bei uns in Deutschland sind sie meist in Zoos zu sehen, Ausnahmen sind lediglich „Gefangenschaftsflüchtlinge“, die sich aus der Tierhaltung heraus in die Wildnis befreit haben. Damit die Vögel in den Freianlagen der Zoos und Tierparks nicht wegfliegen, müssen sie vorher flugunfähig gemacht werden, ähnlich wie andere große Wasservogelarten, etwa Reiher, Pelikane, Schwäne, Gänse, aber auch Enten oder Kormorane. „Zum Einsatz kamen und kommen dabei entweder irreversible Methoden, unter anderem Teilamputation eines Flügels, oder reversible Methoden, zum Beispiel das Kürzen der Schwungfedern“, erklärt Denise Ritter vom Deutschen Tierschutzbund auf Merkurist-Anfrage.

Doch tatsächlich ist dieses Vorgehen inzwischen rechtswidrig, denn es verstößt gegen das geltende Tierschutzgesetz. In Paragraph 6, Absatz 1 heißt es: „Verboten ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen.“ So fragt sich auch Merkurist-Leser Rick: „Flamingos im Volkspark. Gestutzte Flügel und Federn, damit sie nicht wegfliegen?“

Werden den Mainzer Flamingos die Flügel rechtswidrig gestutzt?

Die Flamingo-Anlage im Mainzer Stadtpark gibt es bereits seit den 1960er Jahren. Damals, so berichtet der Pressesprecher der Stadt, Ralf Peterhanwahr, wurden die Tieranlagen anlässlich der 2000-Jahr-Feier gebaut und die unterschiedlichen Tierarten angeschafft. Aktuell leben im Stadtpark zwölf verschiedene Arten und insgesamt 130 Tiere, darunter auch Kanarienvögel, Zebrafinken, Diamanttäubchen, Ziegen – und neun Flamingos: Sechs Kubaflamingos, zwei Rosaflamingos und ein Chileflamingo.

Die meisten Tiere sind in den Vogelhäusern im Park untergebracht. Die Flamingos verbringen jetzt den Winter im Flamingohaus, das aus Spendengeldern finanziert wurde. Im Sommer und Herbst leben sie dann am Weiher, der aus einer Teichanlage und einem Futterplatz besteht.

Erworben aus anderen zoologischen Einrichtungen

Damit sie aus ihrem nach oben offen stehenden Gehege nicht wegfliegen können, wurden auch die Mainzer Flamingos flugunfähig gemacht. Laut der Stadt Mainz seien die Tiere zwischen 40 und 50 Jahre alt. Erworben wurden sie von anderen zoologischen Einrichtungen: Tierparks, Zoos und Züchtern. Die Flügel hätten sie bereits als Jungvögel in ihren Geburtseinrichtungen kupiert (amputiert) bekommen, „was zu dieser Zeit legal und üblich war“, so Stadtsprecher Peterhanwahr.

„Alle unsere Initiativen und Entscheidungen werden mit dem Grünamt der Stadt Mainz abgestimmt“ – Hans-Günter Mann vom Verein „Die schrägen Vögel“

Doch was ist heute die übliche Praxis? Mit welchen Methoden also werden neu angeschaffte Mainzer Flamingos flugunfähig gemacht? Von der Stadt Mainz kommt dazu keine Aussage. Zuletzt habe der Verein „Die schrägen Vögel“ Flamingos als Spende an die Stadt Mainz gegeben, ist von dem Pressesprecher zu erfahren. Dort jedoch wird der Ball wieder zurück zur Stadt gespielt: „Alle unsere Initiativen und Entscheidungen werden mit dem Grünamt der Stadt Mainz abgestimmt“, teilt der Vorsitzende des Vereins, Hans-Günter Mann, mit. Denn die Stadt Mainz sei Eigentümerin des Grund und Bodens wie auch der Aufbauten und dem Tierbestand. „Wir haben lediglich alle Projekte nach Abstimmung finanziell unterstützt, um die Stadt finanziell zu entlasten“, so Mann. Antworten zum Umgang mit den Flamingos und den angewandten Methoden solle man also dort in Erfahrung bringen. Auch beim Deutschen Tierschutzbund ist nichts zu den Methoden in Mainz bekannt.

Illegales Flugunfähigmachen wird von Behörden geduldet

Die Stadt Mainz betont, dass die Flamingos von zwei „voll ausgebildeten Zootierpflegern“ sowie einer angelernten Fachkraft betreut werden, Tierärzte immer wieder nach dem Rechten schauen und das zuständige Kreisveterinäramt als zuständige Aufsichtsbehörde kontrolliert. „Hierzu liegt der Stadtverwaltung selbstverständlich die Genehmigung zum Betreiben sämtlicher Anlagen nach § 11, Absatz 1 Nr. 4 des Tierschutzgesetzes vor“, erklärt Peterhanwahr.

Denise Ritter vom Tierschutzverein weiß, dass das illegale Flugunfähigmachen von den zuständigen Tierschutzbehörden überwiegend geduldet oder ignoriert werde. Dabei könnten in großen Freiflugvolieren erfolgreich selbst große Wasservogelarten gehalten werden, ohne dass sie flugunfähig gemacht werden müssen. „Dass die Einrichtung solcher Anlagen oft nicht möglich ist, etwa weil die finanziellen Mittel fehlten, kann aber kein Grund dafür sein, Tiere temporär oder dauerhaft zu verstümmeln und sie so an die Haltung anzupassen anstatt umgekehrt.“

„Für das Flugunfähigmachen von Flamingos gibt es keine rechtliche Grundlage“ - Denise Ritter

Doch warum ist es überhaupt so kritisch, dass große Wasservögel auf diese Weise am Wegfliegen gehindert werden? „Das Flugunfähigmachen stellt einen massiven Eingriff in das Wohlbefinden des betreffenden Tieres dar, weil es in seinem art- und verhaltensgerechten Bewegungsvermögen in vielerlei Hinsicht beeinträchtigt ist“, sagt Ritter. So könne vor allem das Gleichgewichtsvermögen gestört sein, auch könnten die Vögel zur Nahrungssuche nur schwierig den Standort wechseln. Ebenso sei das Balz- und Reproduktionsverhalten sowie das Flucht- und Drohverhalten der Tiere beeinträchtigt.

Beschneiden der Schwungfedern als gängige Methode

„Für das Flugunfähigmachen von Flamingos, aber auch anderer Vogelarten, um diese an die Haltung in Freianlagen anzupassen, gibt es unabhängig von der Methode des Eingriffes keine rechtliche Grundlage“, so Ritter. Inzwischen würden zwar keine Amputationen mehr durchgeführt, weil verschiedene Tierschutzorganisationen seit Jahren auf diese Problematik aufmerksam gemacht haben. „Doch das Beschneiden der Schwungfedern als reversible Methode ist nach wie vor gang und gäbe, obgleich dies aus unserer Sicht ebenfalls rechtlich problematisch ist“, sagt Ritter.

Ähnlich kritisch sieht der Tierschutzbund auch die Vogelhaltung in Volieren, die oft nicht an die Bedürfnisse der jeweiligen Arten angepasst seien. Oft seien sie, vor allem hinsichtlich der Anzahl der Tiere, zu klein und bieten keine Rückzugsmöglichkeiten. Auch würden in derartigen Gehegen zu viele Tiere gehalten, „teils werden Tierarten zusammen gebracht, die sich in der Natur nicht begegnen würden“, so Ritter. Zudem gebe es in einem frei zugänglichen Vogelhaus ohne Eintritt oft besonders viele Besucher. Das bedeute zusätzlichen Stress.

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