Lehrer-Aufstand gegen Landesregierung

Kritik an Selbsttests und fehlenden Impfungen: Gegenüber Merkurist findet ein Gymnasiallehrer deutliche Worte in Richtung Bildungsministerium. Doch was sagt das Ministerium?

Lehrer-Aufstand gegen Landesregierung

Thomas Streich* möchte nicht, dass wir seinen richtigen Namen nennen. „Weil ich Angst um meinen Job habe“, sagt er gegenüber Merkurist. Der Gymnasiallehrer aus dem Landkreis Mainz-Bingen ist wütend über die aktuelle Situation an den Schulen in Rheinland-Pfalz. „Es ist ein unfassbarer Mist, das geht gegen unsere Grundrechte. Man lässt uns Lehrer allein.“

Streichs konkrete Vorwürfe: Vom Bildungsministerium sei die Anweisung gekommen, dass die Schüler in der Schule zwei Mal wöchentlich getestet werden sollen. „Die Schüler kommen allerdings schon in vollen Zügen oder Bussen an. Wahrscheinlich sind positive Fälle dabei. Und dann testet man erst, wenn alle zusammensitzen“, so Streich. Außerdem: „Was machen wir, wenn jemand positiv ist? Sollen wir vor der Klasse sagen, wer jetzt nach Hause gehen muss? Die Schule ist nicht der Raum für so etwas. Wir Lehrer sind dafür nicht ausgebildet.“

Nicht alle Lehrer werden geimpft

Zwar seien auch die Lehrer grundsätzlich dafür, dass die Schulen offen sind. „Aber die Schule muss ein sicherer Raum werden“, so Streich. In Hessen würde man als Lehrer auch an weiterführenden Schulen geimpft – in Rheinland-Pfalz nicht. Schon zu Beginn der Pandemie habe man als Lehrer keine Masken bekommen, später dann Masken ohne CE-Kennung. „Es wird in Rheinland-Pfalz viel dafür getan, dass die Schulen wieder öffnen, aber wenig für den Gesundheitsschutz“, sagt Streich.

Bei den Selbsttests in den Schulen würden mehrere Personen in einem Raum gleichzeitig die Masken abnehmen, dabei Husten- und Niesreiz bekommen. Das infektiöse Material müsse dann von Lehrern oder Schülern beseitigt werden, so Streich. In einem viel kritisierten Video, das Bildungsministerin Stefanie Hubig und Ministerpräsidentin Malu Dreyer (beide SPD) in einer Schule zeigt, passiere genau das, was die Lehrer befürchteten: Viele Schüler husten und niesen in einem anscheinend kaum belüfteten Raum (zum Video). Für Streich ist klar: Entweder müssen die Tests von professionellen Teams außerhalb der Klassenzimmer oder zu Hause durchgeführt werden. „Und nur, wer negativ getestet ist, kann dann am Unterricht teilnehmen.“

Auch der Hauptpersonalrat, der für die staatlichen Lehrkräfte an Gymnasien zuständig ist, teile die Kritik. In einem Brief an Bildungsministerin Hubig forderte er eine Alternative zur Testung im Klassenzimmer und eine frühere Impfung für Lehrer an weiterführenden Schulen. Das Land müsse Verantwortung für Schulen in Hochinzidenzgebieten übernehmen. Im Hauptpersonalrat gehe ein „Tsunami an Beschwerden“ ein, vom Ministerium sei man aber nicht an der Teststrategie beteiligt und vor vollendete Tatsachen gestellt worden.

Was das Ministerium sagt

Doch was sagt das Ministerium? Sprecher Henning Henn teilt auf Merkurist-Anfrage mit: „Das Bildungsministerium ist im ständigen Austausch mit Hauptpersonalräten und Lehrer-Verbänden – es gibt Kritik in Einzelpunkten, zunächst begrüßen die Allermeisten aber, dass es ein Testangebot gibt.“ Das Testen schütze Schüler und Lehrer, weil damit infektiöse Personen erkannt werden könnten, die ansonsten unerkannt an den Schulen wären. Zudem seien die Selbsttests für die Schüler einfach durchzuführen. Dennoch gäbe es auch in Rheinland-Pfalz Schulen, „die besonderes Engagement zeigen und über die Selbsttestungen hinaus im Rahmen des ‘Testens für alle’ zusätzlich mobile Testteams in die Schule holen“.

Das Testen in der Schule habe Vorteile gegenüber dem Testen zuhause, so Henn. „In einem überwachten Setting in der Schule können die Tests sicher und richtig durchgeführt werden. Es wäre nicht in jedem Fall sichergestellt, dass Kinder zuhause eine entsprechende Anleitung durch die Eltern erhalten. In der Schule kann dagegen festgestellt werden, ob die Tests regelmäßig stattfinden.“ Zudem sei in der Schule sichergestellt, dass im Falle einer positiven Testung unmittelbar entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Außerdem: „Die Testkits werden in größeren Chargen geliefert und sind nicht einzeln verpackt. Andere Testkits waren zurzeit auf dem Markt in solch großen Mengen nicht verfügbar.“

Den Wunsch nach einer früheren Impfung für alle Lehrer könne man im Ministerium gut verstehen, so Henn. „Die Reihenfolge beim Impfen gibt aber der Bund vor. Wir haben schon erreicht, dass wir die Lehrkräfte an Grund- und Förderschulen und die Erzieherinnen und Erzieher priorisieren konnten und haben in Rheinland-Pfalz bereits die Mehrheit von ihnen geimpft.“ Wenn es aber nicht genug Impfstoff gebe, würde das bedeuten, Gruppen mit schweren Erkrankungen oder altersbedingten Risiken zugunsten der Lehrkräfte zurückzustufen. „Das ist eine schwierige ethische Frage.“

*Name geändert

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