Hechtsheimer Ortsvorsteherin: „Der Verkehr im Ortskern ist eine Katastrophe“

Seit diesem Sommer ist Tatiana Herda Muñoz die neue Ortsvorsteherin von Hechtsheim. Was sie an ihrem Stadtteil schätzt und wie ihr Verhältnis zu Jan Böhmermann ist, darüber hat sie mit Merkurist gesprochen.

Hechtsheimer Ortsvorsteherin: „Der Verkehr im Ortskern ist eine Katastrophe“

Nach mehr als 40 Jahren CDU fand in diesem Jahr in Hechtsheim ein politischer Wandel statt. Tatiana Herda Muñoz, SPD-Politikerin, wurde zur neuen Ortsvorsteherin gewählt. Im Merkurist-Interview erzählt sie, wie sie ihren Stadtteil wahrnimmt, was sie ändern möchte und wie sie ihre erste Zeit im neuen Amt geprägt hat.

Frau Herda Muñoz, was mögen Sie an Ihrem Stadtteil?

Hechtsheim hat ganz viel Dorfcharakter und ist total bodenständig - das finde ich sehr schön. Wir haben eine sehr enge Gemeinschaft sowohl über die Vereine als auch in der Nachbarschaft. Wenn ich durch den Ort laufe, brauche ich mittlerweile mehr als zwanzig Minuten, weil ich an jeder Ecke Menschen treffe und mit ihnen rede. Man kennt sich. Wir sind der Mainzer Stadtteil, der die meisten Winzer hat. Wir haben viel Gastronomie, viele Weinstuben, viele Bauernläden. Seit ich in Hechtsheim wohne, bin ich immer weniger in der Stadt, denn ich bekomme alles vor Ort in Hechtsheim. Es lebt sich hier gut.

Zum Feiern geht man aber eher in andere Stadtteile, oder?

In Hechtsheim gab es beispielsweise an Fastnacht legendäre Freitagspartys im Bürgerhaus. Das ist ja derzeit geschlossen, aber ich hoffe, dass es die Party dann wieder gibt, wenn es wieder eröffnet. Dann gibt es ja noch die „Pyramide“. Ansonsten sind es aber tatsächlich eher Möglichkeiten zum gemütlichen Beisammensitzen.

Apropos Beisammensitzen: Das Weinfest im Kirchenstück ist ja auch so eine Hechtsheimer Institution.

Ich liebe es. Früher war das mal ein Geheimtipp. Es ist einfach etwas ganz Besonderes. Ich glaube, ich war vor acht Jahren das erste Mal dort, da habe ich noch in der Oberstadt gewohnt. Im Kirchenstück ist es aber auch ohne Weinfest sehr schön. Dort sind aber auch viele Hundebesitzer unterwegs, was grundsätzlich schön ist. Daher gibt es aber auch viele Hinterlassenschaften, einige wenige Leute schmeißen diese kleinen Beutel leider in den Wingert. Es gibt auch eindeutig zu wenige Mülleimer dort.

Gibt es Sehenswürdigkeiten?

Die Dragoner-Statue am Schinnergraben, da fängt man meistens an. Es gibt aber eigentlich nicht DIE großen Sehenswürdigkeiten. Die Geschichte versteckt sich in den Mauern und in den Erinnerungen der Menschen. Es ist nicht so offensichtlich wie andernorts. Ich mag diese Geschichten, auch weil es immer noch Bewohner gibt, die zum Beispiel die Eingemeindung miterlebt haben.

Welche Probleme gibt es in Hechtsheim?

Der Verkehr im Ortskern ist ein Problem, das ist eine Katastrophe. Die Alte Mainzer Straße ist unsere Hauptstraße, dort sind alle Geschäfte. Sie wird aber auch immer mehr zur Durchfahrtsstraße. Und sie ist nicht fahrrad- und fußgängerfreundlich. Gewohntes Parken möchte man natürlich nicht so schnell aufgeben, das muss noch in die Köpfe. Ob die Straße zur Einbahnstraße wird oder Parkplätze wegfallen, das wird man sehen. Da geht es um Sicherheit und Klimaschutz, dafür braucht es eine breite Akzeptanz. Und das kostet natürlich auch Geld. Wir müssen den Ortskern umgestalten, ihn attraktiver machen. Sonst verkommt er zur Durchfahrtsstraße, in der sich letztlich niemand wohl fühlt oder einkaufen geht.

Ist Hechtsheim gut an den ÖPNV angebunden?

Wir sind sehr gut angebunden. Mit der neuen Umstellung sogar noch besser. Das Problem ist aber, dass wir Satellitenteile haben, die nicht an den Ortskern angebunden sind, zum Beispiel die Frankenhöhe. Hier könnte man zum Beispiel Bürgershuttles einsetzen, mehr „On Demand“-Angebote, Lastenräder. Ich bin ein sehr pragmatischer Mensch, ich gucke, welche Projekte auf Ehrenamtsbasis schon anderswo laufen. Mir ist klar, dass ich nicht einfach bei den Stadtwerken anrufen kann und sich dann sofort etwas ändert. Aber es gibt schon einige Ideen, bei denen ich auf Unterstützung hoffe.

Kommen wir zu einem komplett anderen Thema: Wie ist denn Ihr aktuelles Verhältnis zu Jan Böhmermann?

Wir folgen uns gegenseitig auf Twitter. Ich finde aus kultureller Sicht spannend, was er mit seiner SPD-Neustart-Kampagne gerade macht. Und auch was das mit der Partei macht. Ich bin aber kein Teil davon.

Sie haben neulich in Hechtsheim einen politischen Pop-Up-Store eröffnet. Haben Sie weitere Ideen für den Stadtteil?

Ich würde gerne eine Stadtteil-Tour mit dem Fahrrad machen und einfach mal gucken, wem ich da so begegne. Mein Vorteil ist, dass ich Englisch und Spanisch spreche, da kann ich auf viele Leute zugehen. So eine Art mobile Sprechstunde also. Außerdem würde ich gerne ein Netzwerk aufbauen. Dafür würde ich gerne auch eine digitale Plattform schaffen, bei der die Menschen sich schnell engagieren können. Diese Nachbarschaftsgruppen gibt es ja schon, wir müssen nur einen Zugang dazu finden.

Wie fühlen Sie sich nach der ersten Zeit als Ortsvorsteherin?

Es ist viel Arbeit, aber es macht auch sehr viel Spaß. Ich muss aber noch eine gesunde „Politics-Life-Balance“ finden, da bin ich gerade dabei. Ich möchte da auch ein Vorbild sein für junge Menschen, damit sie in die Kommunalpolitik gehen. Für die Hechtsheimer war es sicherlich ein krasser Wechsel nach so langer Zeit mit der CDU. Ich bin genau das Gegenteil von dem, was Hechtsheim sonst kannte: Frau, jung, mit Migrationshintergrund, seit fünf Jahren im Stadtteil. Doch ich wurde überwiegend positiv aufgenommen.

Gab es auch negative Reaktionen?

Es gab auch rassistische und sexistische Kommentare. Und ich glaube, dass das vor allem mit einer Angst vor Veränderung zu tun hat. Ich bin auch jemand, der das gerne selbst klärt. Viele Menschen sind sich dessen auch nicht bewusst, was sie schreiben.

Beschreiben Sie Hechtsheim in drei Worten.

Solidarisch, komplett, divers.

Das Interview führten Ralf Keinath und Michael Meister. (rk)

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