Shitstorm gegen vegane Pizzeria

Dass eine vegane Pizzeria in Mainz eröffnet, löst in den sozialen Medien heftige Reaktionen aus. Aber warum eigentlich?

Shitstorm gegen vegane Pizzeria

Eigentlich eröffnet Yannik Wild, 21, im September nur eine Pizzeria in der Mainzer Innenstadt. Wie Merkurist am Samstag berichtete, folgt in der Franziskanerstraße „Noahs Restaurant“ auf den Steinzeit-Imbiss „Ursprung - Real Food“. Liest man allerdings die Reaktionen, die der Artikel auf Facebook hervorrief, gewinnt man eher den Eindruck, es gehe um eine Staatsaffäre.

Der Grund: Die Pizzen in dem Restaurant werden alle vegan sein. „Das ist der nächste Laden in Mainz der schneller wieder zumacht als die Umbauarbeiten gedauert haben. Vegane Pizza....sorry aber langsam hört es doch auf !!!“, kommentiert ein User und bekommt dafür mehr als 40 Likes. Ein anderer schreibt „Vegane Pizza? Wer erlaubt sowas?“ und unterstreicht die Aussage mit Kotz-Emojis.

Insgesamt wird der Post mehr als 180 Mal kommentiert, den negativen Reaktionen stehen auch viele positive gegenüber. Doch wie kommt es, dass Veganer und vegane Restaurants immer noch so polarisieren?

Möhren Milieu und Metzger Peter

„Ich war schon ein bisschen überrascht“, sagt Yannik Wild, als wir ihn auf die Facebook-Reaktionen ansprechen. Es sei aber eine natürliche Sache, dass Menschen Ungewohntes erst einmal von sich weghalten statt darauf einzugehen. Im persönlichen Gespräch mache er dagegen wenig schlechte Erfahrungen. „Wenn ich deutlich mache, dass ich niemanden missionieren will und die Gründe für meine Ernährung erkläre, laufen die Diskussionen meistens sachlich ab.“ Auch dass manche User sich fast zu wünschen scheinen, dass „Noahs Restaurant“ schon bald wieder schließen muss, macht Wild nichts aus. „Jeder hat seine eigene Meinung. Und jeder kann sich gerne von der Qualität der Pizzen überzeugen.“

„Es gibt einfach intolerante Menschen“ - Daniel Kalbfuß, „Möhren Milieu“

Daniel Kalbfuß ist seit neun Jahren Veganer, seit vier Jahren betreibt er das „Möhren Milieu“ in der Adam-Karrillon-Straße. Er sagt: „Ich beurteile Menschen nicht nach ihren Essgewohnheiten.“ Weil er seinen Veganismus selten zum Thema mache, habe er auch kein Problem mit Anfeindungen. In seinem Café wolle er gutes veganes Essen für alle anbieten. „Zu uns kommen ganz unterschiedliche Menschen, nicht nur Veganer oder Vegetarier.“ Weder Fleischesser noch Veganer seien per se intolerant. „Es gibt einfach intolerante Menschen - manche davon sind eben Veganer, andere essen Fleisch.“

Ähnlich sieht es auch der bekennende Fleischesser und Metzger Peter Leussler („Metzgerei beim Peter“). Zwar findet er, dass es langsam genug vegane Restaurants gebe und der Hype langsam abnehme, aber: „Es ist genug Platz für alle da“, so Leussler. Auch er glaubt, dass beide Seiten Verständnis zeigen sollten. „Veganer und Fleischesser sollten mehr Toleranz füreinander aufbringen.“

Fleischesser fühlen sich angegriffen

Doch warum schafft das nicht jeder? „Das Thema wird selten auf der Sachebene diskutiert, sondern meistens emotional“, sagt Dr. Tamara Pfeiler vom Psychologischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität. Sie forscht unter anderem zur Psychologie des Ernährungsverhaltens. Die Kommentare auf der Merkurist-Facebookseite zeigten sehr gut, dass nicht nur Veganer, sondern auch Fleischesser Überzeugungen haben. Obwohl der Artikel zur Pizzeria-Eröffnung keinen Appell gehabt habe, fühle sich mancher Fleischesser von ihm angegriffen. „Deshalb waren manche Reaktionen sehr emotional und beinhalten auch eine Bekräftigung, warum Fleischkonsum seine Berechtigung hat.“

„Eine Art der Diskriminierung“ - Dr. Tamara Pfeiler, Psychologisches Institut der JGU

Vielen sei nicht bewusst, dass fleischessende Menschen in Deutschland die Mehrheit darstellen und vegan lebende Personen die Minderheit. „Die abwertenden und manchmal auch feindseligen Kommentare gegenüber Veganern können somit auch als eine Art der Diskriminierung angesehen werden, wie es auch bei anderen Minderheiten-Themen vorkommt“, so Pfeiler. Diese diene unter anderem dazu, den Status Quo aufrechtzuerhalten, also die soziale Akzeptanz des Konsums von Tieren. Wachse die Verfügbarkeit von veganen Alternativen, würden diese Angebote immer selbstverständlicher - und die Frage, warum überhaupt Fleisch gegessen wird, immer lauter.

Manche Fleischesser könnten dann befürchten, dass ihre Ernährung irgendwann nicht mehr als die „normale“ gelten könnte. „Dabei ist es die erste vegane Pizzeria, die im Rhein-Main-Gebiet eröffnet“, sagt Dr. Pfeiler. Weder müsse dafür eine andere Pizzeria schließen noch würde jemand gezwungen, vegan zu essen. „Für Nicht-Veganer gibt es in Mainz immer noch genug Auswahl.“

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