Wie die Berliner Siedlung den Ruf als Problemviertel losgeworden ist

Problemviertel - das ist wohl ein Titel, den sich Bewohner für ihre Siedlung am wenigsten wünschen. Die Berliner Siedlung in der Oberstadt hatte diesen Ruf lange. Doch das hat sich geändert.

Wie die Berliner Siedlung den Ruf als Problemviertel losgeworden ist

Er ist das Wahrzeichen der Berliner Siedlung in der Mainzer Oberstadt. An der Einkaufsmeile an der Geschwister-Scholl-Straße grüßt eine Skulptur des Berliner Bärs die Bewohner und Besucher. Hochhaus reiht sich an Hochhaus. Dazwischen Spielplätze, ein Fußballplatz und die besagte Einkaufsmeile mit Bäcker, Friseur und Apotheke. Die Berliner Siedlung kann auf eine mehr als 50-jährige Geschichte zurückblicken. Lange war sie als Problemviertel verschrien, galt als eine der gefährlichsten Ecken. Mittlerweile hat sich das aber gewandelt. Doch woran liegt das?

Dass das Viertel seinen schlechten Ruf größtenteils losgeworden ist, hat auch Ortsvorsteher Daniel Köbler (Grüne) beobachtet. Er wuchs in der Oberstadt auf. Im Gespräch mit Merkurist erklärt Köbler, auch er erinnere sich noch zurück an die Zeit, als die Berliner Siedlung als heißes Pflaster galt. Über das Viertel sagt er heute: „Man kann das mittlerweile eigentlich nicht mehr mit früher vergleichen.“

Vor mehr als 15 Jahren hat Köbler mit der Kommunalpolitik angefangen. „Damals war die Berliner Siedlung Teil des Projektes ‘Soziale Stadt’“, berichtet er. Und genau das habe dort gefruchtet. So sei beispielsweise eine Nachbarschaftshilfe entstanden. Die Gemeinde rund um St. Jakobus habe sich außerdem stark engagiert. „Dort ist heute die ökumenische Flüchtlingshilfe angesiedelt. Deren Angebot ist natürlich stark auf Flüchtlingskinder ausgerichtet, aber dort werden Kinder nicht gefragt, ob sie einen Flüchtlingsstatus haben. Wenn sie Hilfe brauchen, Deutsch lernen müssen oder Nachhilfe benötigen, dann werden sie auch unterstützt,“ sagt der Ortsvorsteher.

Seit 2003 ist auch das Jugendzentrum „Berliner Treff“ ein Anlaufpunkt. Leiter Andreas Brunner arbeitet dort seit 15 Jahren und kennt viele Generationen von Kindern und Jugendlichen. Die Initiative hilft bei verschiedensten Herausforderungen, unter anderem bei Gewalt- und Drogenproblemen. Der Mitarbeiter des Treffs klären auf und fungieren als externer Ansprechpartner. Einmal pro Woche Fußballtraining, Brettspiele, Billard, Tischkicker, gelegentlich Hausaufgabenbetreuung, Jobvermittlung, Bewerbungshilfe. „Die Jugendlichen wissen: Ich darf in den Raum kommen und sein, wer ich sein will und wie ich bin, ich muss keine Maske aufziehen.“ Durch verschiedene Spielangebote werde das Miteinander gestärkt. „Auch die Durchmischung der Generationen ist förderlich für das soziale Klima.“

Durchmischtes Viertel

Wie durchmischt die Berliner Siedlung ist, zeigt sich auch in der Sozialraumanalyse, die die Stadt 2017 zuletzt veröffentlichte. 12,8 Prozent der Bewohner sind unter 18 Jahre alt, 72 Prozent sind 18 bis 60 und 15,2 Prozent älter als 60 Jahre. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund stieg innerhalb von sieben Jahren von 1.994 auf 3.085 Personen. Überhaupt wächst die Berliner Siedlung: Lebten 2009 noch 4.927 Menschen hier, waren es 2016 schon 6.069.

Wie genau allerdings die Kriminalitätsrate in der Siedlung aussieht, lässt sich schwer ausmachen. Es gebe nämlich keine Statistik, die sich spezifisch auf die Berliner Siedlung oder die Oberstadt beziehe, sagt Polizeisprecher Matthias Bockius. Die Polizei hat für Merkurist dennoch Zahlen von Januar 2018 bis Juni 2019 zusammengestellt: 2018 gab es in der Siedlung insgesamt 126 Delikte, davon die meisten Vermögens- und Fälschungsdelikte sowie Diebstahl und Sachbeschädigung. Bis Ende Juni 2019 gab es 43 Delikte, darunter mehrere Raube und Körperverletzungen.

Die Bewohner verschiedenster Nationalitäten lebten in der Umgebung des „Berliner Treffs“ friedlich zusammen, sagt Leiter Andreas Brunner. Der Migrationsanteil ist laut der Statistiken nach wie vor recht hoch, aber die Bewohner seien zufriedener, viele fühlten sich wohl. „Der Ruf der Siedlung ist besser geworden, es gibt weniger Gewalt- und Drogenprobleme, es ist ruhiger und angenehmer geworden. Es ist wie bei einem Vorgarten: Man muss erstmal das Unkraut raus machen und dann auch weiterhin pflegen, damit es nicht wieder kommt.“ Abschließend meint er: „Für mich ist das Berliner Viertel eine der schönsten Siedlungen in Mainz, ich fühle mich sehr wohl hier.“ (rk)

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