Die Neustadt – das Mainzer In-Viertel

Trendkultur und arme Studenten, Zuwanderer und Alteingesessene: Die Neustadt vereint so viele gesellschaftliche Gruppen wie kaum ein Mainzer Stadtteil. Die Bewohner und ihr Ortsvorsteher sind stolz darauf. Und wollen auch, dass das so bleibt.

Die Neustadt – das Mainzer In-Viertel

Die Gonsenheimer Ortsvorsteherin Sabine Flegel fährt im Cabrio mit dem Redakteur durch die Straßen; der Neustädter Ortsvorsteher Johannes Klomann kommt mit dem Fahrrad zum Gesprächstermin. Typisch Neustadt eben. „Das ist einfach immer schneller“, sagt er und muss erst mal durchatmen.

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Wir treffen uns am Goetheplatz, dem größten und weitläufigsten Platz in der Mainzer Neustadt. Mit dem Auto hierher zu kommen, ist fast unmöglich. Parkplätze sind in der Neustadt rar, die Verkehrsführung mit den verwinkelten Einbahnstraßen und den vielen Hindernisse treiben dem Autofahrer den Schweiß auf die Stirn.

„Die Diagonalsperre ist natürlich Absicht“, sagt Johannes Klomann. So komme nämlich niemand in Versuchung, im Berufsverkehr eine Abkürzung durch die Neustadt zu nehmen, wenn sich auf der Rheinallee mal wieder Autos und LKW stauen. Mit dem Fahrrad allerdings kommt man überall durch, die Einbahnstraßenregelung ist für Radfahrer (fast) immer aufgehoben.

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Junge Familien, Hipster und Alteingessene

Die Neustadt ist das In-Viertel von Mainz, immer mehr junge Familien ziehen hierher, daneben natürlich Studenten und Singles, junge Paare und die berühmten „Hipster“. Manche Stellen, wie der Gartenfeldplatz, entwickeln sich zu einem Klein-Berlin, coole Läden und Start-up-Cafés mit unüblichen Konzepten siedelten sich gerade in den vergangenen Jahren zuhauf an. Daneben gibt es natürlich weiterhin die „Alteingessenen“: Die älteren Leute, die seit Jahrzehnten hier leben, zahlreiche Familien mit Migrationshintergrund und Menschen mit einem eher geringen Einkommen.

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"Die Neustadt soll auch für Menschen eine Heimat bleiben, die nicht so viel Geld haben.“ – Johannes Klomann, Ortsvorsteher

Doch die Mieten steigen, der Wohnraum wird immer knapper – das große Mainzer Problem spitzt sich vor allem in der Neustadt immer mehr zu. „Wir halten weiterhin an unserem Ziel fest, mehr Sozialwohnungen und bezahlbaren Wohnraum für die Leute zu schaffen“, sagt Johannes Klomann. Denn niemand solle verdrängt werden, dieses Nebeneinander mache den Stadtteil ja gerade aus. „Die Neustadt soll auch für Menschen eine Heimat bleiben, die nicht so viel Geld haben.“

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Dass sich die Mainzer Neustadt mal zu einem Trendviertel entwickeln würde, hat vor 50 Jahren wahrscheinlich niemand geglaubt. 1872 als Wohlstandviertel im Rahmen der Stadterweiterung entstanden, wurden im Zweiten Weltkrieg 80 Prozent der Baustruktur zerstört.

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Nach Kriegsende bestand das vorwiegende Ziel darin, schnell günstigen Wohnraum für die Menschen zu schaffen. Lange Zeit hatte die Neustadt einen schlechten Ruf, „Indianer-Viertel“ nannten es die Mainzer. Hier wohnten vor allem die Arbeiter, die Studenten und die Einwanderer. Wer Geld hatte, zog so schnell wie möglich weg.

Großes Engagement zur Verschönerung ihres Viertels

Erst 1989 bekam die Neustadt eine eigene Stadtteilvertretung. Vorher gehörte sie einfach zur Innenstadt dazu. So entwickelte sich nach und nach eine eigene Identität, die Menschen widmeten sich ihrem Umfeld und engagierten sich immer mehr für „ihr“ Viertel.

"Wenn in den Sommermonaten die Blumenbeete so schön blühen, freuen sich die Leute“ – Irmela Teuffel, Blumenpatin der Leibnizstraße

Etwa zu dieser Zeit haben Irmela Teuffel und Luise Hart auch die „Initiative blühende Leibnizstraße“ ins Leben gerufen. 34 Blumenbeete pflegen die beiden seitdem in ihrer eigenen Straße, sie kaufen die Pflanzen, harken und zupfen fast täglich und schaffen somit die berühmten grünen Oasen in der allzu grauen Neustadt.

Was mit wenigen Beeten und Einzelengagement angefangen hatte, ist inzwischen auf ein beachtliches Projekt mit einigen zusätzlichen Helfern und insgesamt 40 Beeten zwischen Kaiser- und Kurfürstenstraße gewachsen. „Wenn hier in den Sommermonaten alles schön blüht, freuen sich die Leute, viele bedanken sich und einige geben sogar eine kleine Spende“, berichtet Irmela Teuffel auf unserem Rundgang zu den herbstlichen Beeten.

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Tulpen für den Frühling, Geranien, Korn- und Glockenblumen, Lavendel und Schwertlilie für den Sommer, Fette Henne, Rosen und Chrysanthemen für den Herbst – die Frauen wählen die Blumen so aus, dass die Beete fast das ganze Jahr über blühen. Das meiste Geld für die Anschaffung der Pflanzen, für Dünger und mal eine neue Gießkanne erstattet ihnen das Grün- und Umweltamt, doch die Arbeit machen sie allein.

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Natürlich gibt es leider auch die Schattenseiten: Da sind am Morgen die frisch gepflanzten Blumen ausgegraben, Anwohner lassen ihren Hund im Beet sein Geschäft verrichten. Als wir uns unterhalten, schneidet gerade eine ältere Frau mit der Schere einige Rosenblüten am Nachbarbeet ab. „Ich habe keine Blumen zuhause, und die stehen ja eh hier“, ruft sie uns noch zu und verschwindet trotz Rollator in einem beachtlichen Tempo. Frau Teuffel schüttelt den Kopf, dann lacht sie: „Ja, manche Leute sind einfach so.“ Im Lauf der Jahre hat sie es aufgegeben, sich über die dreisten Diebe aufzuregen.

Mit viel Engagement wird so eine graue Fläche nach der anderen durch farbenfrohe Blumen und Pflanzen abgelöst. Jahrelange Arbeit investiert etwa auch der NABU Mainz in die Grüne Brücke, wo Ehrenamtliche heimische Pflanzen inklusive Infotäfelchen setzen. Eine Imkergruppe hat inzwischen sogar ein paar Bienenvölker hier angesiedelt. In einem Hinterhof bewirtschaftet zudem der BUND gemeinsam mit der Stadt Mainz und der Sozialen Stadt den für alle Neustädter zugänglichen Neustadtgarten.

Die Neustadt lebt auf ihren Plätzen

Soziales Engagement, einmischen und mitbestimmen – wenn etwas nicht in der Neustadt so läuft wie es soll, packen das die Bewohner in der Regel selbst an. Die Plätze sind dabei ein Spiegelbild der Mainzer Neustadt-Gesellschaft und strahlen ihren typischen und jeweils ganz eigenen Flair aus: Der Gartenfeldplatz etwa mit dem chilligen Sommerfest und den jungen Geschäften. Vor 125 Jahren noch war er eine Wiese, inklusive Wald, Obstgärten und zünftigen Gartenlokalen – bis nach dem Beschluss der Stadterweiterung der Mainzer Stadtbaumeister Eduard Kreyßig mit den Ausbauplänen begann.

Der Goetheplatz und seine Umgebung, inzwischen Treff- und Spielwiese für Kinder und Familien – darunter viele mit Migrationshintergrund –, entstanden erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Feldbergplatz mit seinen hohen Bäumen, der die Neustadt über die Grüne Brücke mit der Flaniermeile am Rhein verbindet. In seiner Umgebung, der Taunus- und Hafenstraße stehen noch die schön verzierten herrschaftlichen Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende. Oder auch der Sömmerringplatz mit seiner abendlichen Gemütlichkeit und den Hochhausbewohnern, die sich gegen den Abriss ihrer Wohnungen lautstark zur Wehr setzten.

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Einmischen und mitentscheiden – vielleicht ist es gerade diese Nachbarschaftlichkeit, die die Neustadt zu diesem beliebten Fleck gemacht hat. Trotz oder gerade wegen des bunten Nebeneinanders seiner Bewohner.

Wer übrigens Pate für ein Blumenbeet werden und zum blühenden Stadtteil betragen möchte, meldet sich einfach bei Silke Maurer im Quartiersmanagement der Neustadt. Von hier werden die Kontakte dann weitervermittelt.

Neustadt-Facts

Einwohner: 27.000 (20 % Kinder, 24 % ausländische Nationalität)

Gehört zu Mainz seit: 1872

Ortsvorsteher: Johannes Klomann (SPD)

Vereine: u.a. Chor der Gemeinde Liebfrauen, Flötenchor der Paulusgemeinde Mainz, Förderverein des Neustadtprojektes e.V., Mainzer Frauenlob-Chor 1904 (MFC) e.V., MSV Germania Mainz e.V., Musikzug und Karnevalsgesellschaft Stadt Mainz-Mitte e.V., Serbischer Kulturverein Car Lazar Mainz e.V., Trotz-Dem Werkstatt für Kultur und Bildung e.V., Türkisch-Islamischer Kulturverein e.V., Tunesischer Verein Mainz e.V., Verein für Solidarität und Völkerverständigung e.V.

Schönste Ecken: Gartenfeldplatz, Goetheplatz

Hässlichste Ecke: Hauptbahnhof/Übergang Kaiser-Wilhelm-Ring

Aktuelles: Ausbau des Zollhafens zum „urbanen Hafenquartier“ für 2500 Bewohner und bis zu 4000 Arbeitsplätze

Besonderes: Grüne Brücke von Umweltkünstler Dieter Magnus, direkte Anbindung zur Altstadt und zum Rhein, größter Mainzer Stadtteil mit der höchsten Bevölkerungsdichte

Feste: Gaadefelder Kerb am Goetheplatz (Juni), Sommerfest am Gartenfeldplatz (Juni), diverse Feste über das ganze Jahr an der Planke Nord, Weihnachtsmarkt am Zollhafen

Hier trifft man sich: z. B. Gartenfeldplatz (N'eis, Schrebergarten, Annabatterie, Bukafski Buchhandlung & Café, Bagatelle), Goetheplatz, Sömmeringplatz (Krokodil, Metzgerei Beim Peter), Haddocks, Hafeneck, Schick & Schön, Laurenz, Nelly's, Wildes Leben, Nirgendwo, Fiszbah

Besondere Beziehung zu: Altstadt, Mombach (gemeinsames Industriegebiet)

In unserer Stadtteilserie haben wir bisher auch über Gonsenheim, die Altstadt, Mombach, Bretzenheim, Finthen und die Oberstadt berichtet.

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