Gonsenheim – das Mainzer Paris

"Wir brauchen die Mainzer nicht" - Gonsenheim ist mit seinen rund 24 000 Einwohnern ein Städtchen für sich. Und immerhin so groß, dass uns Ortsvorsteherin Sabine Flegel mit dem Cabrio durch den Stadtteil fährt.

Gonsenheim – das Mainzer Paris

Natürlich endet unsere Tour vor Marios Eispavillon. Eineinhalb Stunden lang hat uns die Gonsenheimer Ortsvorsteherin Sabine Flegel durch ihren Stadtteil gefahren, bei einer Kugel Eis erzählt sie uns nun, warum man unbedingt nach Gonsenheim ziehen sollte: "Wir haben ein europaweit einmaliges Naturschutzgebiet, die besten Einkaufsmöglichkeiten, die schönsten Cafés, eine sehr gute ÖPNV-Anbindung, einen einmaligen Branchenmix, sechs Schulen, zwölf Kitas", sagt sie und zählt noch mehr auf. Und Gonsenheim hat eben den Eispavillon Mario auf dem Juxplatz: Hier trifft sich Gonsenheim, und hier traf Sabine Flegel vor 29 Jahren zum ersten Mal ihren heutigen Mann.

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"Ich war damals mit einer Freundin auf der Vespa unterwegs. Aus irgendeinem Grund sagte sie damals: 'Lass uns zum Juxplatz fahren.' Ich habe damals noch in der Neustadt gewohnt, da fuhr man nicht jeden Tag nach Gonsenheim." Die Fahrt hat sich gelohnt: Ihr zukünftiger Mann, ein Ur-Gonsenheimer, ist mit Freunden da, man kommt ins Gespräch bei einer Kugel Eis, tauscht Nummern aus. Sie treffen sich wieder auf der Budenheimer Kerb. Seit mehr als 20 Jahren sind Sabine Flegel und ihr Mann, der als Kanzleidirektor im bischöflichen Ordinat arbeitet, nun verheiratet.

Unsere Tour beginnt eineinhalb Stunden früher im Gonsenheimer Rathaus. Der vor genau 400 Jahren errichtete Renaissancebau mit Erker, Treppenturm und Rollwerkgiebel bildet zusammen mit der Ortskirche St. Stephan den Kern des alten Gonsenheim. Ein paar Schritte zurück und man hat beide zusammen im Blick – ein beliebtes Postkartenmotiv. Seit 2004 hat Sabine Flegel hier ihren Amtssitz. "Die junge Generation kennt nur mich als Ortsvorsteherin, das finde ich toll. Ein bisschen komme ich mir vor wie Mutti Merkel." Sie arbeitete ursprünglich als Zahnarzthelferin. Durch ihre eigene Heirat kam sie auf die Idee, eine Hochzeitsmesse zu veranstalten – bis dahin eine bundesweit einmalige Idee. Die Messe hatte Erfolg, bedeutete aber auch, 80 000 Kilometer im Jahr herumzufahren. 2002 fragte dann die Gonsenheimer CDU, für die sie vorher schon aktiv war, ob sie sich die Arbeit als Ortsvorsteherin vorstellen könnte. Seit elf Jahren ist sie im Amt – länger als Angela Merkel.

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Gonsenheim wurde am 1. April 1938 aus militärpolitischen Gründen nach Mainz eingemeindet. Damit endeten mehr als 1000 Jahre Eigenständigkeit, die man auch heute noch merkt. "Wir brauchen die Mainzer net", sagt Flegel und lacht. Gonsenheim ist mit 24 000 Einwohnern eine eigene kleine Stadt, so groß wie Bingen. "Deshalb fahren wir die Strecke lieber ab", sagt sie, bevor wir uns in ihr Cabrio setzen. Flegel hält mit der Linken das Lenkrad, mit der Rechten einen Zettel, auf dem sie die wichtigsten Orte notiert hat.

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Wir fahren zunächst durch die Gonsenheimer Villengegend, Finther Landstraße, Friedrichstraße, Kapellenstraße. Ein idealer Ort für Reiche: wenig Lärm, Naherholung, Bürger, die nicht bei jedem Promi den Selfiestick rausholen. Das "Wald- und Villengebiet" sei eines der vielen unterschiedlichen Quartiere in Gonsenheim, sagt Flegel. Viele Villen haben den Zweiten Weltkrieg größtenteils unbeschadet überstanden.

Hier wohnen die Reichen und Mächtigen: ZDF-Moderatoren, Manager, Fußballtrainer im Sabbatical. Hier beginnt auch der Wald. "Ich geh im Gonsenheimer Wald joggen" – Ein Spruch, den fast jeder Mainzer schon einmal von einem Bekannten gehört oder selbst gesagt hat. Laut Flegel besuchen etwa eine Millionen Menschen jährlich den Wald, als Jogger, Picknicker oder Spaziergänger. Mit Blick auf die Villen am Waldesrand sagt sie: "Hier ist es einfach schön, das soll sich nicht ändern, und das sage ich nicht weil, ich extrem konservativ bin – okay, bin ich – aber es soll in Gonsenheim bleiben, wie es ist."

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Nächste Station Wildpark. Er ist die Endhaltestelle der Linien 57, 62 und 92. Betrunkene Studenten merken spätestens hier, dass sie ihr Ziel verpennt haben. Familien kommen wegen der Tiere: Im Gonsenheimer Wildpark leben 20 verschiedene Arten, unter anderem Ziegen, Hängebauchschweine, Rothirsche, Mufflons und Wildschweine. Auch das letzte Einhorn lebte hier:

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Ganz in der Nähe des Wildparks verläuft die „Elsa“, in deren Hochhäusern etwa 6000 Menschen leben. Vielen gilt die Elsa-Brändström-Straße als sozialer Brennpunkt, Ortsvorsteherin Flegel sagt: "Die Elsa ist besser als ihr Ruf." Außerdem vertrügen sich die unterschiedlichen Schichten in Gonsenheim. Das Stadtteilfest bringe sie zusammen, auch die 42 Gonsenheimer Vereine. In den Teams vom TSV Schott, 1919 Gonsenheim oder den Mainz Athletics treten und schlagen sie gemeinsam gegen den Ball, in den Fastnachtsvereinen GCV, Eiskalte Brüder und der Kleppergarde wird die Fünfte Jahreszeit zelebriert. "Gonsenheim ist die Fastnachtshochburg", sagt Flegel. Wenn das die Finther oder Mombacher lesen...

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Der Große Sand zwischen Mombach und Gonsenheim ist in Deutschland einzigartig. In Europa. Das Binnendünengebiet entstand nach der letzten Eiszeit vor etwa 12 000 Jahren. Auf dem Sandboden wachsen als Relikte dieser Zeit vor allem Steppenpflanzen, die sonst nur in Südeuropa und Asien zu finden sind. Bis heute wird das Gelände von der US-Armee zu Übungszwecken genutzt. Auch als wir ankommen, fahren gerade Militärwagen vor. "Das ist auch in Ordnung, irgendwo müssen sie ja ihre Übungen machen", sagt Flegel.

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Genug Natur, jetzt geht es nach Paris. Auf die Champs-Élysées. So zumindest nennen die Gonsenheimer ihre Breite Straße, das Herzstück des Stadtteils. Der Vergleich mit der Pariser Prachtstraße kommt nicht von ungefähr, hat die Gonsenheimer Variante doch ein gewisses Großstadtflair: Restaurants, Cafés, Boutiquen, hundert Jahre alte Backsteinhäuser, im Minutentakt verkehrt eine Straßenbahn.

"Ich könnte Ihnen noch so viel zeigen. Über Gonsenheim müssten Sie eigentlich eine ganze Serie machen", sagt die Ortsvorsteherin am Ende vor dem Eispavillon. Gibt es hier denn gar keine Probleme? "Doch natürlich: Gonsenheim wächst und die Infrastruktur kommt nicht hinterher", sagt Flegel. In den vergangenen zehn Jahren ist Gonsenheim um 8000 Menschen angewachsen. "Verkehrstechnisch können wir nur schlecht darauf reagieren, wir können ja die Straßen nicht alle breiter bauen." Stau gehört in Gonsenheim zum Alltag – wie fast überall in Mainz.

Zu Gonsenheim gehört auch das Haus vom "Nazi-Müller": Das rechtsextreme Ehepaar Ursula und Curt Müller gründete in den späten Sechzigerjahren die "NS-Kampfgruppe Mainz" mit. Curt Müller kandidierte bei der Bundestagswahl 1972 für die NPD. Das Müller-Haus in Gonsenheim war ein bekannter Treffpunkt der Neonaziszene: Hier fanden Feiern zur Sonnenwende oder zum „Führergeburtstag“ statt, zu denen bis zu 350 Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland anreisten. In dem Haus lagerten so viele Waffen und Propagandamaterial, dass sie nach einer Hausdurchsuchung im Jahr 1982 mit dem LKW abtransportiert werden mussten. Noch immer leben die Müllers (85 und 81 Jahre alt) in Gonsenheim. "Leider", sagt die Ortsvorsteherin.

Gonsenheim-Facts

Einwohner: 24 020 (31. Mai 2015)

Gehört zu Mainz seit: 1938

Ortsvorsteherin: Sabine Flegel (CDU)

Vereine: u.a. die Fastnachtsvereine Gonsenheimer Carneval-Verein (GCV) 1892, "Eiskalte Brüder" 1893 und die Kleppergarde 1877, die Sportvereine TSV Schott Mainz (größter Breitensportverein in RLP) und der Base- und Softball-Club-Mainz Athletics sowie der Heimat- und Geschichtsverein Gonsenheim

Schönste Ecke: Breite Straße

Hässlichste Ecke: Haus vom "Nazi-Müller"

Aktuelles: Flüchtlingsaufnahme in der Housing Area, Mehr Schulwegsicherheit nach tödlichem Unfall mit Kind

Besonderes: Dienstgebäude der Bundesnetzagentur, Fußballfeld mit Baum

Feste: Erdbeerfest (Mai), Parkfest der Vereine (Juni), Kerb (August), Gonsenheimer Adventsmarkt (1. Advent)

Hier trifft man sich: Eispavillon Mario, Evas Pilsstuben, Bürgerhof, Zum Löwen, Café Raab

Besondere Beziehung zu: Finthen (Hassliebe)

In unserer Stadtteil-Serie haben wir bisher auch über die Neustadt und die Altstadt berichtet.

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