Als Mainz sein eigenes Versailles hatte

Der Stadtpark ist heute die grüne Lunge der Alt- und Oberstadt. Dass hier einst Fürsten und Kaiser in prächtigen Gebäuden und Gärten feierten, dürfte allerdings nur den wenigsten bekannt sein. Eine Zeitreise ins barocke Mainz.

Als Mainz sein eigenes Versailles hatte

Wer heute durch den Mainzer Stadtpark spaziert, entdeckt viel Schönes: zum Beispiel Flamingos, den Rosengarten und ein Vogelhaus. Trotzdem ist es schwer vorstellbar, dass sich hier einmal eine prächtige Schloss- und Gartenanlage befand. Allein eine Hinweistafel der Stadt und der Name des „Favorite Parkhotel“ am Rand des Parks weisen auf die geschichtsträchtige Vergangenheit des Geländes hin.

Aus Überlieferungen und noch erhaltenen Kupferstichen weiß man aber, dass hier bis zum Ende des 18. Jahrhunderts das „kleine Versailles“ von Mainz stand: das „Lustschloss Favorite“. Dabei handelte es sich um ein unter Kurfürst Lothar Franz von Schönborn erbautes Sommer-Residenz-Schloss und die dazugehörigen prächtigen Gartenanlagen.

Das im Barockstil erbaute Schloss orientierte sich am Vorbild des Schloss „Marly-le-Roi“ in Frankreich. Dieses Jagd- und Sommerschloss des französischen Königs Ludwig XIV bewunderte der Kurfürst sehr und wollte sich ein Abbild davon in Mainz erschaffen, ein „le petit Marly“. Bei einem Lustschloss handelte es sich um ein eher kleineres Schloss, das dem jeweiligen Herrscher als Gelegenheitsresidenz, zu Repräsentationszwecken und zum privaten Vergnügen diente.

Wie sah die Favorite aus?

In einem anonymen Zeitzeugenbericht wird die Pracht der Favorite deutlich: Hier wird sie als ein „leuchtendes Feenschloß“ bezeichnet. Weiter heißt es: „Die Fassaden schienen aus Brillanten gehauen; die Wasserkünste schleuderten glänzende Edelgesteine gegen den dunklen nächtlichen Himmel“. Die überlieferten Kupferstiche zeigen, dass der Kurfürst scheinbar noch mehr Wert auf das künstlerische Gesamtensemble der Parkanlage als auf den Luxus der Baulichkeiten legte.

Auf dem Gelände gab es viele aufwändige Gartenanlagen, Wasserspiele und Springbrunnen. Die Orangerie stellte das zentrale Gebäude und Herzstück der Anlage dar: Sie beherbergte viele exotische Pflanzen und diente als Festsaal. Das reich dekorierte Rheinschlösschen mit seinen schweren Kronleuchtern, vielen Figuren und der Freskodecke lag direkt am Rheinufer. Außerdem gab es sechs halbkreisförmig angeordnete Kavaliershäuser, die der Unterbringung von Gästen dienten.

Letzte rauschende Feste

Während der späten 1780er Jahre lud der letzte Mainzer Kurfürst Karl Joseph von Erthal noch zu einigen prächtigen Festen, Bällen und Konzerten auf der Favorite ein. Während dieser Zurschaustellung von Prunk und Macht braute sich im Nachbarland bereits der Sturm zusammen, den die französische Revolution mit sich brachte. Dieser sollte nur allzu bald auch Mainz erreichen.

Das letzte rauschende Fest im Mainzer Lustschloss war der im Juli 1792 stattfindende dreitägige Fürstenkongress. Anlässlich dieses Ereignisses, bei dem zahlreiche Fürsten, der König und der Kaiser anwesend waren, wurden keine Kosten und Mühen gescheut. So wurden die Favorite und auf dem Rhein kreuzende Schiffe illuminiert und Feuerwerke abgebrannt. Der Schriftsteller Georg Forster schreibt darüber: „Im unermeßlichen Spiegel des Rheins verdoppelten sich die brennenden Türme und die vom Ufer in die Lüfte steigenden Feuergarben.“

Auf dem Fürstenkongress wurde die weitere Vorgehensweise der anwesenden Fürsten und Herrscher gegen das revolutionäre Frankreich geklärt. Es wurde ein gegenrevolutionäres Manifest ausgearbeitet, das in der kurfürstlichen Buchdruckerei in Mainz gedruckt wurde. In diesem Manifest wurde zur Wiederherstellung der alten monarchischen Ordnung in Frankreich aufgerufen- andernfalls würden direkte militärische Maßnahmen folgen. Doch die Revolution war bereits in vollem Gange und nicht mehr aufzuhalten.

Zerstörung und Untergang der Favorite

Die beim Fürstenkongress abgesprochene Vorgehensweise führte zum Ersten Koalitionskrieg und nur wenige Wochen nach dem Kongress standen französische Truppen in Mainz. In der Nacht zum 17. Juni 1793 begann das knapp vierwöchige Bombardement auf das belagerte Mainz. Dabei wurde die Favorite komplett zerstört. Fast genau ein Jahr nach dem Fürstenkongress war vom prächtigen Lustschloss nur noch Schutt und Asche übrig.

Vom Richtplatz zum heutigen Stadtpark

In den folgenden 26 Jahren lag das Gelände der zerstörten Favorite brach. Es wurde sogar von der französischen Justiz als Richtplatz verwendet. Unter anderem der berühmte Verbrecher Johannes Bückler, alias Schinderhannes, wurde 1803 mit seinen Bandenmitgliedern auf dem Gelände der ehemaligen Favorite mit der Guillotine hingerichtet.

Erst nach Ende der französischen Herrschaft wurde das Gelände wieder mehr beachtet und in die Hände der Stadt Mainz gegeben. Der Mainzer Landschaftsarchitekt Peter Wolf entwarf für das Gelände die so genannte „Neue Anlage“ im Stil eines englischen Landschaftsparks, die jedoch mit den Jahren verwilderte. Die Frankfurter Gartenarchitekten Siesmayer gestalteten daraufhin 1888 den Garten neu und machten ihn zum Stadtpark wie man ihn heute kennt. Von der ganzen Anlage des Lustschlosses Favorite sind lediglich eine Herkulesstatue und die eines Flussgottes erhalten, die heute im Stadtpark stehen. (df)

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