Bei einem Bürgerdialog am Mittwochabend haben Oberbürgermeister Nino Haase und Baudezernent Ludwig Holle den aktuellen Stand des Mainzer Großprojekts vorgestellt. Dabei wurde auch deutlich: Bis zur Eröffnung ist es noch ein weiter Weg.
Die wohl wichtigste Nachricht des Abends hatte mit Beton zunächst wenig zu tun: Die Stadt Mainz und das Land Rheinland-Pfalz besprechen gemeinsam ein Modell für die Trägerschaft des Gutenberg-Museums. Das berichtete Oberbürgermeister Nino Haase bei der Informationsveranstaltung im Haus der Jugend. Das Treffen war von der Stadt unter dem Motto „Gemeinsam im Gespräch“ angekündigt worden. Noch am selben Tag habe es ein Gespräch mit dem zuständigen Kulturstaatssekretär der neuen Landesregierung gegeben. Dabei sei bestätigt worden, dass auf Landesseite Interesse an einer gemeinsamen Lösung bestehe.
Neustart nach Bibelturm
Für Haase ist damit ein Neustart verbunden. Er machte zugleich deutlich, dass er das bisherige Modell eines ausschließlich kommunal getragenen Gutenberg-Museums langfristig nicht für sinnvoll hält. Wenn das Museum seine internationale Strahlkraft weiterentwickeln solle, könne die Stadt dies alleine kaum leisten.
Bis zur ersten Jahreshälfte 2027 soll nun geklärt werden, wie die neue Trägerschaft konkret aussehen kann – einschließlich der Frage, wie die späteren Betriebskosten zwischen den Beteiligten aufgeteilt werden. Erst auf dieser Grundlage soll anschließend verstärkt der Bund einbezogen werden.
Baudezernent Ludwig Holle erklärte, ein zwischen Stadt und Land abgestimmtes Konzept sei die Voraussetzung, um mit einem belastbaren Modell nach Berlin zu gehen. Weitere Partner, etwa Stiftungen oder möglicherweise auch europäische Fördergeber, könnten danach hinzukommen.
Aktueller Planungsstand: 105 Millionen Euro Kosten
Auch bei den Kosten nannte die Stadt neue beziehungsweise konkretisierte Zahlen. Für den eigentlichen Bau werden derzeit 90 Millionen Euro angesetzt. Hinzu kommen rund 15 Millionen Euro für die Szenografie, also die spätere Gestaltung und Präsentation der Ausstellung. Damit liegt der aktuelle Planungsstand bei insgesamt rund 105 Millionen Euro.
Allerdings sei diese Summe noch keineswegs als Endpreis zu verstehen. Das Projekt befindet sich nach Angaben Holles in Teilen zwischen den Leistungsphasen zwei und drei. In diesem Stadium seien Kostenprognosen noch mit erheblichen Unsicherheiten verbunden.
Holle erklärte, bei einem solchen Planungsstand könne theoretisch noch eine Abweichung von bis zu 30 Prozent auftreten. Bezogen auf die Baukosten von 90 Millionen Euro entspreche dies einem möglichen zusätzlichen Risiko von bis zu rund 25 Millionen Euro. Genau dieses Risiko wolle die Stadt durch eine intensivere Kosten- und Detailplanung nun deutlich reduzieren. „Was ich definitiv nicht will, ist jedes Jahr zu kommen und zu sagen: Es dauert länger und es wird teurer“, sagte Holle.
Auf der Einnahmeseite stehen laut Stadt derzeit Förderungen und Zuschüsse von knapp 30 Millionen Euro. Dazu gehören unter anderem Bundesmittel für einen Teil der Szenografie sowie Fördergelder für den Denkmalschutz am Hotel Schwan. Für dessen Sanierung hatte der Bund zuletzt zusätzlich rund 1,03 Millionen Euro in Aussicht gestellt.
Dachterrasse und größeres Veranstaltungsforum gestrichen
Um die Baukosten von zeitweise diskutierten rund 110 Millionen Euro wieder zu senken, hatte die Stadt nach Angaben Holles im vergangenen Jahr 30 mögliche Einsparmaßnahmen untersucht. 18 davon seien weiterverfolgt worden.
Zu den bereits getroffenen Entscheidungen gehört der Verzicht auf die ursprünglich vorgesehene Dachterrasse. Auch das Veranstaltungsforum soll nur noch für maximal 199 Personen ausgelegt werden. Hintergrund sind deutlich höhere Brandschutzanforderungen ab einer Kapazität von 200 Personen.
Zudem soll bei den historischen Gebäuden Hotel Schwan und Haus zum Römischen Kaiser stärker auf die spätere Funktion geachtet werden. Auf besonders aufwendige Sanierungen etwa von Stuckdecken könne teilweise verzichtet werden, wenn die Räume künftig vor allem als Büros für die Museumsverwaltung dienen.
Holle verteidigte die Änderungen: Entscheidend sei nicht eine Dachterrasse, sondern die Qualität der Sammlung und der Ausstellung. An der Szenografie solle ausdrücklich nicht gespart werden.
Kritik an der Stadt
Kritik kam dann aus dem Publikum. Vertreter der Bürgerinitiative „Mainz für Gutenberg“ warnten davor, den Siegerentwurf des Architekturwettbewerbs Stück für Stück auszudünnen. „Erneutes Scheitern ist nicht erlaubt“, lautete eine deutliche Mahnung aus den Reihen der Initiative. Zugleich wurde gefordert, wesentliche Änderungen erneut politisch im Stadtrat abzusichern.
Holle widersprach dem Eindruck eines unkontrollierten „Herumstreichens“. Kleinere Anpassungen könnten nicht jedes Mal ein neues Ratsverfahren auslösen. Größere Veränderungen am Grundkonzept müssten dagegen selbstverständlich politisch diskutiert werden.
Archäologie könnte rund ein Jahr dauern
Auf der Baustelle selbst sind die oberirdischen Abrissarbeiten weitgehend abgeschlossen. Als nächster Schritt soll es in die Tiefe gehen. Dafür müssen zunächst Kellerreste entfernt, die Baugrube gesichert und anschließend die Archäologen auf das Gelände gelassen werden.
Weil rund zwei Meter tiefer als beim bisherigen Gutenberg-Museum gebaut werden soll, rechnet die Stadt mit umfangreichen archäologischen Untersuchungen. Als derzeit realistisches Szenario nannte Holle etwa ein Jahr für die Grabungen. Es könne schneller gehen – bei bedeutenden Funden aber auch länger dauern.
Bevor die Arbeiten beginnen können, benötigt die Stadt allerdings noch Vereinbarungen mit direkt angrenzenden Grundstückseigentümern. Die Sicherung der Baugrube wirkt sich teilweise auf Nachbargrundstücke und Gebäude aus. Die Gespräche dazu laufen nach Angaben der Verwaltung bereits seit Monaten. Sind die Vereinbarungen abgeschlossen, folgt zunächst ein öffentliches Vergabeverfahren. Auch dieses werde voraussichtlich drei bis vier Monate beanspruchen.
Haase nannte Ende 2027 als Zielmarke, bis zu der die archäologischen Arbeiten idealerweise abgeschlossen sein sollen. Holle machte zugleich deutlich, dass die Vergabe für die anschließenden großen Bauarbeiten aus heutiger Sicht frühestens Ende 2028 realistisch sei. Während der archäologischen Arbeiten soll die eigentliche Gebäudeplanung weiter vorangetrieben werden. Die Stadt will die Zeit nutzen, um offene technische Fragen zu lösen und die Kostensicherheit zu erhöhen.
„Jedes Jahr kostet rund fünf Millionen Euro“
Dass sich Mainz dabei keine weiteren jahrelangen Planungsschleifen leisten kann, machte Holle ebenfalls deutlich. Nach seiner Rechnung verursacht jedes zusätzliche Jahr Verzögerung durch Baupreissteigerungen Kosten in der Größenordnung von rund fünf Millionen Euro.
Aus dem Publikum wurde mehrfach kritisiert, dass seit dem Architekturwettbewerb 2022 bereits viel Zeit vergangen sei. Teilnehmer verwiesen auf private Großprojekte, die trotz späteren Starts inzwischen wesentlich weiter seien.
Haase räumte Versäumnisse ein. Bereits zu Beginn der Veranstaltung sagte er, in den vergangenen Jahren hätte beim Gutenberg-Museum deutlich mehr passieren müssen. Er selbst habe sich deshalb inzwischen stärker in das Projekt eingeschaltet. Gemeinsam mit dem Baudezernenten solle es künftig eine engere politische Steuerung geben.
Händler berichten von Umsatzeinbrüchen
Neben den großen Fragen von Millionenbeträgen, Trägerschaft und Bauzeiten wurde der Abend immer wieder sehr konkret. Anwohner und Gewerbetreibende rund um die Baustelle berichteten von Staub, Verschmutzungen, fehlender Sichtbarkeit und wirtschaftlichen Einbußen.
Jana Blume aus der Fischtorstraße schilderte, ihre Umsätze seien seit Beginn der Baustelle massiv eingebrochen. Mittlerweile erreiche sie teilweise nur noch rund zwei Drittel der früheren Umsätze. Sie bat darum zu prüfen, ob der Bauzaun während der archäologischen Arbeiten verkleinert werden könne. Ein Eigentümer aus der Seilergasse berichtete, dass eine Gewerbefläche seit Monaten leer stehe und Interessenten wegen der Baustellensituation abgesprungen seien.
Eine generelle finanzielle Entschädigung stellte Holle jedoch nicht in Aussicht. Die Stadt könne nicht sämtliche wirtschaftlichen Folgen öffentlicher Bauprojekte ausgleichen. Allerdings sollen Wirtschaftsförderung und Projektleitung enger mit den Betroffenen zusammenarbeiten. Auch beim sogenannten Baustellenmarketing will die Stadt nachbessern. Dabei geht es etwa um eine attraktivere Gestaltung rund um die Absperrungen, bessere Wegeführung, Sauberkeit und möglicherweise zusätzliche Flächen für Gastronomie und Geschäfte.
Mehrere Teilnehmer forderten hier deutlich mehr Tempo. Bei vergleichsweise kleinen Maßnahmen wie Reinigung, Begrünung oder einer besseren Nutzung freier Flächen müsse nicht monatelang über Lösungen gesprochen werden.
Ein Neustart – aber noch viele offene Fragen
Der Abend zeigte damit zwei Seiten des Gutenberg-Projekts. Politisch scheint nach Jahren der Diskussion tatsächlich Bewegung in eine der entscheidenden Fragen zu kommen: Das Gutenberg-Museum soll perspektivisch nicht mehr allein Sache der Stadt Mainz sein.
Bis daraus eine verbindliche Konstruktion mit Land, Bund und möglicherweise weiteren Partnern wird, bleibt allerdings viel Arbeit. Gleichzeitig muss die Stadt Kostenrisiken begrenzen, die Planung abschließen und die archäologischen Untersuchungen bewältigen. Und während über die Zukunft eines international ausgerichteten Gutenberg-Museums gesprochen wird, kämpfen die Menschen unmittelbar neben der Baustelle mit sehr gegenwärtigen Problemen.
Haase räumte ein, dass es in den vergangenen Jahren Versäumnisse gegeben habe. Nun müsse verlorene Zeit aufgeholt werden. Ob das gelingt, wird sich an mehreren Marken messen lassen: an der Einigung mit den Nachbarn, am Beginn der archäologischen Grabungen, an einer belastbaren Kostenberechnung – und spätestens in der ersten Hälfte 2027 daran, ob aus dem angekündigten Schulterschluss mit dem Land tatsächlich eine gemeinsame Trägerschaft geworden ist.