Fakten statt Spekulationen: Mainzer GRÜNE warnen vor Stimmungsmache beim Straßenbahnausbau

Für eine gute Straßenbahnplanung – GRÜNE plädieren dafür, Klimaschutz, Stadtgrün und gute Mobilität zusammenzudenken

Fakten statt Spekulationen: Mainzer GRÜNE warnen vor Stimmungsmache beim Straßenbahnausbau

Rekordtemperaturen von über 40°C, die selbst für junge und gesunde Menschen eine gesundheitliche Gefahr sind, tropische Nächte, in denen erholsamer Schlaf unmöglich ist und Rekord-Niedrigstände des Rheins, die die Schifffahrt erschweren und das Ökosystem belasten: Der diesjährige Hitzesommer hat erneut gezeigt, wie unmittelbar die Stadt Mainz von der Klimakrise betroffen ist.

„Für uns Mainzer GRÜNE ist klar: Klimaschutz in der Stadt muss weiter konsequent vorangebracht werden. Dazu gehört neben mehr Grünflächen und klimaangepassten Quartieren auch die Verkehrswende. Ein zentraler Baustein ist dabei der Ausbau des Straßenbahnnetzes. Straßenbahnen transportieren deutlich mehr Menschen pro Fahrzeug als alternative Verkehrsmittel und sind damit den zunehmenden Anforderungen an den ÖPNV gewachsen“, erklärt die Kreisvorsitzende Teresa Bicknell. Der Kreisvorsitzende Christoph Kozubek ergänzt: “Die Straßenbahn ist jedoch nicht nur hinsichtlich ihrer Kapazität zukunftssicher, sondern auch mit Blick auf die Entwicklungen am Arbeitsmarkt. Die Ausbildung zur Straßenbahnfahrer*in kann innerhalb weniger Wochen erfolgen und erfordert keine besondere Qualifikation. Dadurch lässt sich der Personalbedarf selbst unter den Bedingungen eines zunehmenden Fach- und Arbeitskräftemangels zuverlässig decken.”

Um eine Straßenbahn zu fahren, reicht ein achtwöchiger Kurs bei der Mainzer Mobilität. Die einzigen Voraussetzungen sind ein Auto-Führerschein der Klasse B und ein Mindestalter von 21 Jahren. Die Ausbildung zum Berufskraftfahrer (m/w/d) dauert hingegen drei Jahre. Ein Quereinstieg erfordert einen Bus-Führerschein der Klasse D, den die wenigsten Menschen in Deutschland haben.

Mit dem geplanten Ausbau der Straßenbahn können das Heiligkreuz-Viertels und die Universitätsmedizin besser an einen leistungsfähigen und emissionsarmen öffentlichen Nahverkehr angebunden werden. Das Heiligkreuz-Viertel allein ist für rund 6.000 Bewohner*innen konzipiert. Die neue Verbindung soll darüber hinaus Teile der Oberstadt, Weisenaus und - so das Ergebnis einer Bürgerbeteiligung - auch die Frankenhöhe erschließen.

„Wenn wir vom bundesdeutschen Durchschnitt ausgehen, reden wir allein im Heiligkreuz-Viertel von über 3.500 Autos. In Mainz gibt es zwar weniger Fahrzeuge pro Person, aber uns allen sollte klar sein, dass die Kapazität der Straßen begrenzt ist. Hier können wir durch den Ausbau von Alternativen gegensteuern. Wenn Radwege oder der öffentliche Nahverkehr attraktiv sind, werden die Angebote entsprechend genutzt. Induzierte Nachfrage im Verkehrsbereich ist bereits seit Jahrzehnten wissenschaftlich dokumentierte Realität und keine ‚grüne Ideologie‘“, beschreibt Katrin Schaadt, die stellvertretende Kreisvorsitzende der Mainzer GRÜNEN, die Herausforderung bei der Erschließung von großen Wohnquartieren.

Induzierte Nachfrage beschreibt einen Effekt, bei dem der Ausbau von Verkehrsmitteln zu höheren Nutzerzahlen führt. Der Ausbau von Straßen sorgt entsprechend dafür, dass das eigentliche Ziel, Staus zu verringern, ins Gegenteil verkehrt wird. Dies wird darauf zurückgeführt, dass besser ausgebaute Strecken mehr Menschen dazu veranlasst, vermehrt das Auto zu nutzen. Das Prinzip gilt auch für den ÖPNV. Hier sorgt induzierte Nachfrage allerdings für weniger Verkehr, weil mehr Menschen bereit sind, umzusteigen und das Auto stehen zu lassen, wenn die Alternativen attraktiv ausgebaut werden. So werden nicht nur Straßen entlastet, es hilft auch der Klimabilanz.

„Wer die Klimaziele von Mainz ernst nimmt, muss den Menschen attraktive Alternativen zum Auto anbieten. Die Straßenbahn ist dafür unverzichtbar. Gleichzeitig wollen wir den Ausbau so gestalten, dass wertvolle Bäume und Grünstrukturen bestmöglich erhalten bleiben. Beides gegeneinander auszuspielen, wäre der falsche Weg“, betont Schaadt.

Die Partei hat in ihrem aktuellen Grundsatzbeschluss zum Hitzeschutz in Mainz klare Anforderungen an nötige Infrastrukturprojekte formuliert. Baumfällungen sollen auf das unvermeidbare Maß begrenzt werden. Wo Bäume für den Ausbau tatsächlich weichen müssen, sollen sie im Quartier im Verhältnis 1:3 durch klimaresiliente Arten ersetzt werden. Zugleich sollen notwendige Baumaßnahmen genutzt werden, um Straßenräume neu zu ordnen. Flächen sollen möglichst entsiegelt und zusätzliche Begrünung geschaffen werden.

„Wir nehmen die Bedenken der Anwohner*innen und der Bürgerinitiativen ernst. Viele der Argumente, insbesondere in Bezug auf Grundstückswerte und Lärmschutz, kennen wir allerdings bereits vom Ausbau der Mainzelbahn nach Bretzenheim, Lerchenberg und Marienborn. Die Befürchtungen haben sich in den letzten Jahren nicht bewahrheitet,” betont Kozubek.

„Die derzeitige Diskussion über mögliche Streckenführungen – insbesondere im Bereich der Alleen und der Frankenhöhe – erweckt teilweise den Eindruck, als stünden konkrete Baumfällungen bereits fest. Das entspricht nicht dem derzeitigen Planungsstand“, so Bicknell. „Hier wird mit Fakten mobilisiert, die keine sind.“

Seit 2023 wurden die Mainzer*innen intensiv in die Überlegungen zur Anbindung des Heiligkreuz-Viertels und der Universitätsmedizin einbezogen. Neben digitalen Beteiligungen gab es einen Themenmarkt, -werkstätten und einen aus rund 20 Mitgliedern bestehenden Interessenbeirat. Allein an der zweiten digitalen Beteiligungsrunde Ende 2025 beteiligten sich rund 450 Menschen mit 790 Kommentaren und fast 1300 Reaktionen.

Der Interessenbeirat hat im Mai 2026 seinen Abschlussbericht zu den unterschiedlichen Varianten einer möglichen Trassenführung übergeben und Empfehlungen für die weitere Planung ausgesprochen. Diese Empfehlungen sind eine wichtige Grundlage – sie ersetzen aber nicht die jetzt notwendigen fachlichen Untersuchungen und bedeuten keine endgültige Festlegung der Trasse.

„Gerade, wenn es um alte Bäume und gewachsene Grünstrukturen geht, teilen wir die Sorgen der Anwohner*innen. Aber wir sollten über konkrete Eingriffe erst dann urteilen, wenn wir wissen, welche Eingriffe tatsächlich notwendig wären und welche Alternativen es gibt“, erklärt der Kreisvorsitzende Kozubek. „Ein verantwortungsvoller Diskurs braucht Fakten. Unser Ziel ist eine Straßenbahn, die möglichst vielen Menschen nutzt und zugleich so natur- und stadtverträglich wie möglich gebaut wird. Wer jetzt Stimmung mit Mutmaßungen macht, dem geht es lediglich darum, die Straßenbahn und damit die Verkehrswende in Mainz insgesamt um jeden Preis zu verhindern.“

Als nächster Schritt steht die vertiefte Prüfung an. Untersucht werden sollen unter anderem die Auswirkungen möglicher Streckenführungen auf Baumbestand und Grünstrukturen, Kulturdenkmäler, Verkehrsführung sowie Fuß- und Radverkehr. Auch die technische Machbarkeit der Varianten muss detailliert betrachtet werden. Erst auf dieser Grundlage kann über die weitere Planung einer Vorzugsvariante entschieden werden.

Für die Mainzer GRÜNEN gehört zu diesem Verfahren weiterhin eine transparente Bürgerbeteiligung. Die Menschen in den betroffenen Quartieren müssen nachvollziehen können, welche Varianten geprüft werden, welche Auswirkungen sie haben und warum am Ende eine bestimmte Lösung bevorzugt wird.

„Wir wollen die Straßenbahn – aber wir wollen eine gute Straßenbahnplanung“, so Kozubek und Bicknell. „Klimafreundliche Mobilität, der Schutz unseres Stadtgrüns, die Besonderheiten eines jeden Stadtteils und die Interessen der Anwohner*innen müssen dabei gemeinsam betrachtet werden. Genau dafür ist das Planungsverfahren da. Und genau deswegen müssen wir sorgfältig Fakten abwägen und nicht Emotionen und Ängste schüren, die eine sachgerechte Lösung erschweren.“