Indie statt Coverband, Haltung statt Beliebigkeit: Das „Fenster zum Hof“-Open Air hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der spannendsten Konzertreihen entwickelt. Mit Acts wie Team Scheisse, ok.danke.tschüss oder Fortuna Ehrenfeld setzt das Festival auf Künstler mit eigener Stimme und frischen Ideen. Im Interview spricht Veranstalter Moritz Eisenach darüber, warum echte Kultur Mut braucht, weshalb Musik Menschen verbinden kann – und was das „Fenster zum Hof“ so besonders macht.
Merkurist: Mit dem „Fenster zum Hof“ habt ihr ein Format geschaffen, das sich bewusst von vielen klassischen Stadtfest- und Open-Air-Formaten abhebt. Nach welchen Maßstäben wählt ihr eure Künstler aus, und welche Rolle spielen dabei musikalische Qualität, Haltung und Originalität?
Wir wollen Indie sein – nicht als musikalisches Schubladenlabel, sondern als Haltung. Als Überzeugung, dass echte Kunst dort entsteht, wo Menschen ihren eigenen Ideen folgen: unabhängig, kreativ, mutig und mit einem Augenzwinkern. Uns begeistern Bands und Künstler:innen, die etwas Eigenes zu sagen haben – musikalisch wie inhaltlich. Die nicht reproduzieren, sondern gestalten. Die nicht zurückblicken, sondern neue Perspektiven eröffnen. Gerade in kleineren Städten wie Mainz dominieren auf vielen Bühnen Tribute- und Coverbands. Sie können zweifellos für großartige Stimmung sorgen und ihrem Publikum viel Freude bereiten. Doch am Ende erzählen sie meist Geschichten, die vor langer Zeit und von anderen geschrieben wurden. Wir möchten stattdessen Raum für neue Geschichten schaffen. Für junge Acts mit frischen Ideen, eigener Sprache und unverwechselbarem Sound. Für Künstler:innen, die den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren und ihre eigene Handschrift zu entwickeln. Denn wir glauben: Die spannendste Musikgeschichte ist nicht die, die wiederholt wird – sondern die, die gerade erst entsteht.
Merkurist: Mit Acts wie Team Scheisse und ok.danke.tschüss habt ihr Namen im Line-up, die man droppen kann. Was hat euch an diesen Künstler*innen besonders überzeugt, sie einzuladen?
Team Scheisse und ok.danke.tschüss stehen für genau das, was wir mit dem Fenster zum Hof fördern wollen: eigenständige, zeitgenössische Musik mit Haltung, Humor und einer klaren künstlerischen Handschrift. Beide Bands schaffen es auf ihre ganz eigene Weise, den Nerv ihrer Generation zu treffen. Sie sind unbequem, kreativ, überraschend und vor allem authentisch. Das sind Künstler:innen, die nicht versuchen, Erwartungen zu erfüllen, sondern ihren eigenen Weg gehen. Genau das macht sie spannend. Als Veranstalter interessiert mich nicht nur, ob eine Band gerade viele Tickets verkauft, sondern auch, ob sie etwas zu erzählen hat. Ob sie Menschen berührt, zum Nachdenken bringt, zum Lachen oder Ausrasten. Team Scheisse und ok.danke.tschüss schaffen all das – und sie tun es mit einer Energie, die man live einfach erleben muss.
Merkurist: In einer Zeit, die oft von Krisen, Unsicherheit und gesellschaftlicher Spaltung geprägt scheint, setzt ihr bewusst auf Künstler, die verbinden, inspirieren und Optimismus vermitteln. Warum haltet ihr diese Haltung gerade heute für so wichtig?
Wenn ich mir anschaue, was in den letzten Jahren passiert ist, dann habe ich oft das Gefühl, dass Konflikte, Polarisierung und das ständige Gegeneinander viel zu viel Raum einnehmen. Spätestens während der Corona-Zeit – in der übrigens auch das Festival entstanden ist – wurde deutlich, wie sehr sich unsere Gesellschaft auseinanderentwickelt hat. Für mich ist das aber nicht die Richtung, in die wir gehen sollten. Ich glaube, wir brauchen mehr Orte, an denen Menschen zusammenkommen, sich begegnen und gemeinsame Erlebnisse teilen können. Genau das wollen wir mit dem Fenster zum Hof schaffen. Dabei geht es keineswegs darum, die Augen vor den Herausforderungen unserer Zeit zu verschließen. Im Gegenteil: Es geht darum, die Realität bewusst wahrzunehmen und trotzdem Zuversicht, Lebensfreude und Gemeinschaft zu bewahren. Denn gerade in schwierigen Zeiten sind Kultur, Musik und Begegnung wichtiger denn je. Unser Anspruch ist es, Menschen zusammenzubringen – unabhängig von Alter, Herkunft, Lebensstil oder Weltanschauung. Wir wollen ein Umfeld schaffen, in dem sich alle willkommen fühlen und Teil von etwas Größerem werden können. Dieses Gefühl von Zusammenhalt, Offenheit und gegenseitigem Respekt ist für mich ein wesentlicher Teil von Glück. Und genau dieses Glück möchten wir teilen. Mit möglichst vielen Menschen. Ohne Ausgrenzung, ohne Schranken – dafür mit offenen Armen und der Überzeugung, dass wir gemeinsam mehr erreichen als allein.
Merkurist: Es gibt viele kulturelle Veranstaltungen. Was macht eurer Meinung nach das „Fenster zum Hof“-Open Air einzigartig – und warum sollten Besucher:innen gerade hierherkommen?
Klar, das FzH ist eine kleine Konzertreihe in einer kleinen Stadt – wie es sicher viele auf der Welt gibt. Martin Bechler von Fortuna Ehrenfeld hat auf unserer Bühne gesagt, das Format sei zwar ein kleines Festival, aber ein smartes. Das gefiel mir sehr. Dieses Jahr spielt er mit seiner Band übrigens wieder bei uns.
Merkurist: Ihr schreibt „Tanzen geht immer!“ – welche Rolle spielt die Atmosphäre auf dem Festivalgelände und wie sorgt ihr dafür, dass sich das Publikum wohl und sicher fühlt?
Unser Publikum ist einfach extrem nett:-) Nein, im Ernst. Wir briefen unser Team, hängen Awareness-Infos aus, achten alle aufeinander und bieten Ansprechpersonen, wenn etwas passiert. Bisher war das aber noch nicht der Fall.
Merkurist: Wie hat sich das „Fenster zum Hof“-Open Air seit den Anfängen entwickelt und welche besonderen Herausforderungen oder Highlights gab es in der bisherigen Geschichte?
Der Anfang war im ersten Lockdown im März 2020. Da wurde das FzH als Streaming-Format erfunden – und ab dem 1. Mai direkt mit 18 Terminen gestartet. In dieser Phase waren wir eines von maximal 3-5 Konzertangeboten in Deutschland mit Publikum. Uns wurde es nämlich genehmigt, je Konzert eine:n damals systemrelevanten Alltagsheld:in einzuladen. Der Titel kommt übrigens nicht von den Stieber Twins, sondern von dem gleichnamigen Hitchcock-Film: Ein Mann kann sein Zimmer nicht verlassen, schaut durch sein Fenster zum Hof und bildet sich ganz schlimme Dinge ein – oder sind sie wirklich geschehen? Auf eine Art haben wir das in der Pandemie doch alle erlebt. Ich bin immer noch sehr froh, dass wir das Ding nicht „Virus TV“ oder „Corona Concerts“ oder so genannt haben, dann wäre es nämlich jetzt nicht mehr da.
Merkurist: Welche Vision habt ihr für die Zukunft des Festivals? Gibt es Pläne für Erweiterungen, neue Konzepte oder Kooperationen?
Unser wichtigstes Ziel ist es zunächst, das Fenster zum Hof langfristig zu etablieren und ihm einen festen Platz im deutschen Festivalsommer zu sichern. Wir haben das Gefühl, dass das Format eine besondere Nische besetzt, und möchten diese Position weiter stärken. Gleichzeitig sehen wir das Festival in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess. Wir arbeiten permanent an Details – von optimierten Abläufen über technische Verbesserungen bis hin zu einer noch stärkeren Inszenierung der Bühne und des Gesamterlebnisses. Unser Anspruch ist es, jedes Jahr ein Stück besser zu werden. Natürlich denken wir auch über größere Entwicklungsschritte nach. Denkbar wäre beispielsweise, die Konzertreihe eines Tages zu einem kompakten Festivalwochenende weiterzuentwickeln. Allerdings bringt unsere einzigartige Innenstadtlage sowohl Chancen als auch Grenzen mit sich. Sie macht das Fenster zum Hof besonders zugänglich und verleiht ihm seinen eigenen Charakter – genau das möchten wir bewahren. Insgesamt sind wir sehr glücklich mit der Entwicklung der vergangenen Jahre. Deshalb geht es uns weniger um Wachstum um jeden Preis als darum, die Qualität des Formats weiter auszubauen und seinen besonderen Spirit zu erhalten.
Termine:
Freitag, 24.07.2026, 19 Uhr: Luvre47
Samstag, 25.07.2026, 19 Uhr: ok.danke.tschüss
Sonntag, 26.07.2026, 14 Uhr: Sukini (Kinderkonzert)
Freitag, 31.07.2026, 19 Uhr: Mika Noé
Samstag, 01.08.2026, 17 Uhr: filter Festival
Sonntag, 02.08.2026, 19 Uhr: Team Scheisse
Freitag, 14.08.2026, 19 Uhr: Fortuna Ehrenfeld
Samstag, 15.08.2026, 19 Uhr: DILLA
Sonntag, 16.08.2026, 19 Uhr: Lina Maly & Enno Bunger
Freitag, 21.08.2026, 19 Uhr: orbit
Samstag, 22.08.2026, 14 Uhr: #nwij Vo. 3 - Mini-Festival gegen Rechts
Sonntag, 23.08.2026, 19 Uhr: Aaron
Tickets: https://www.musikmaschine.net/tickets
Links: FzH-Webseite | FzH @ Instagram | FzH @ Facebook
Venue: Innenhof des Landesmuseums Mainz
Format: Fenster zum Hof-Open Air 2026
Veranstalter: Konzertagentur Musikmaschine
Kontakt: 06131-5532520