Warum psychopatische Menschen keinen Abstand zu anderen halten können

Einen gewissen Abstand zu anderen wahren die meisten instinktiv. Doch nicht jeder bekommt das ohne Probleme hin. Forscher der Uni Mainz haben untersucht, warum es einer bestimmten Gruppe von Menschen besonders schwer fällt.

Warum psychopatische Menschen keinen Abstand zu anderen halten können

Gerade während der Corona-Krise ist sie sehr wichtig: die soziale Distanz. Doch auch instinktiv halten die meisten Menschen einen gewissen Wohlfühlabstand zu anderen ein. Einer Gruppe von Personen fällt das aber schwer - Menschen mit psychopathischen Tendenzen.

Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) haben die soziale Interaktion von Personen mit psychopathischen Tendenzen in einem 3-D-Labor untersucht und ermittelt, welchen Abstand sie zu ihrem virtuellen Gegenüber halten. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Menschen den Wohlfühlabstand schlecht regulieren können, da sie nicht die sozialen Signale des Gegenübers wie Lächeln oder einen bösen Blick beachten. „Wie unsere Studie weiter ergab, zeigen psychopathische Menschen keine adäquate Vermeidungsreaktion. Dies erklärt auch ihr Verhalten“, sagt Robin Welsch vom Psychologischen Institut. Er führte die Studie gemeinsam mit Dr. Christoph von Castell und Prof. Dr. Heiko Hecht durch.

Doch was bedeutet es überhaupt, psychopathische Tendenzen zu haben? Laut JGU ist es ein „dauerhaft abweichendes Verhalten in Verbindung mit zwischenmenschlichen und emotionalen Defiziten“. Dazu gehöre auch die Neigung, Schaden oder Leid zu verursachen, indem gegen soziale Normen verstoßen werde. Psychopathische Personen kommen zum Beispiel anderen auf unangenehme Weise zu nahe.

Psychopatische Menschen gehen auf 1,10 Meter heran

Das Psychologische Institut der JGU untersuchte 51 Frauen und 25 Männer im Alter zwischen 19 und 38 Jahren. Psychopathische Tendenzen wurden anhand eines Fragebogens erfasst, der insbesondere die beiden Faktoren selbstzentrierte Impulsivität und furchtlose Dominanz ermittelt. Im 3-D-Labor wurden die Probanden schließlich getestet und trafen in einer virtuellen Realität auf einen Avatar. „Das Labor bietet eine virtuelle Realität vergleichbar mit den 3-D-Bildern im Kino. Hinzukommt allerdings, dass das 3-D-Bild auf die Bewegung eines Versuchsteilnehmers reagiert und sich anpasst und damit den Probanden in die virtuelle Realität eintauchen lässt“, erklärt Welsch.

Zeigt der Avatar einen freundlichen Gesichtsausdruck, gehen Menschen ohne psychopathische Tendenzen auf den Avatar zu, bis etwa ein bis 1,10 Meter Abstand besteht. Im Falle eines wütenden Gesichtsausdrucks halten sie eine Distanz von 1,25 Meter ein. Diesen Unterschied machen Menschen mit psychopathischen Neigungen nicht, sie treten unabhängig vom Gesichtsausdruck auf 1,10 Meter heran.

Im zweiten Experiment sollten die Probanden in Reaktion auf die Mimik des Avatars hin einen Joystick bewegen. „Wir stellten fest, dass die Versuchsteilnehmer mit psychopathischen Tendenzen keine angemessene Vermeidungsreaktion zeigen, obwohl sie den Gesichtsausdruck des Avatars richtig deuten können“, so Welsch. Psychopathie führe nicht einfach zu einer unangemessenen sozialen Distanz. Lediglich die situationsangemessene Regulation der sozialen Distanz sei gestört, so die an der Studie beteiligten Wissenschaftler abschließend. (mo)

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