Nach 50 Jahren: Muss die kroatische Gemeinde Mainz ihr Zentrum aufgeben?

Die kroatisch-katholische Gemeinde muss wohl bis Ende 2026 ihre bisherigen Räume in der Emmeransstraße verlassen. Während das Bistum von Sparzwängen spricht, fürchten die Mitglieder um den Fortbestand ihrer Kultur und Traditionen.

Nach 50 Jahren: Muss die kroatische Gemeinde Mainz ihr Zentrum aufgeben?

Seit mehr als 50 Jahren ist die kroatisch-katholische Gemeinde ein Treffpunkt für kroatische Familien in Mainz. Hier werden Gottesdienste gefeiert, wird Kultur gepflegt und Tradition weitergegeben. Auch die kroatische Folkloregemeinschaft ist eng mit dem bisherigen Standort verbunden. Nun droht dem Zentrum in der Mainzer Altstadt die Schließung. Der bevorstehende Abschied sorgt bei den Betroffenen für Sorge um die Zukunft.

Für die Gemeinde geht es um mehr als Räume

Ivan Babić ist seit 18 Jahren Mitglied in der kroatischen Folkloregemeinschaft. Für den 25-Jährigen ist die Gemeinde in der Emmeransstraße 17 ein wichtiger Ort, an dem Kinder und Jugendliche Tänze, Sprache und Traditionen kennenlernen und Freundschaften schließen. „Unsere Gemeinde ist längst mehr als ein Gebäude. Sie ist Familie“, sagt Babić gegenüber Merkurist.

Besonders bezüglich der Folkloreproben sowie der Kinder- und Jugendarbeit stelle sich die Frage, welche Möglichkeiten die neuen Räumlichkeiten bieten, so Babić. Auch die Eignung und Sicherheit des neuen Umfelds bereiteten Eltern und Verantwortlichen Sorgen.

Warum die Gemeinde umziehen muss

Eigentümer der Räume in der Emmeransstraße ist das katholische Bistum Mainz. Bernhard Kress, Koordinator des katholischen Bistums Mainz City, begründet die Veränderung gegenüber Merkurist mit dem sogenannten Pastoralen Weg des Bistums Mainz, der bereits 2019 begonnen wurde. Ziel sei es, „auf sinkende Einnahmen und veränderte gesellschaftliche Bedingungen“ zu reagieren. Das bedeute unter anderem, Liegenschaften und somit Kosten zu reduzieren.

Im Zuge eines sogenannten Gebäudeprozesses wurden 2023 und 2024 somit zwei Konzepte erarbeitet. Beide sahen vor, die kroatische Gemeinde an einem alternativen Standort unterzubringen, erklärt Kress. Die kroatische katholische Gemeinde ist dabei nicht die einzige muttersprachliche Gemeinde, die in die neue Pfarrei St. Martin integriert werden soll.

Die finanziellen Zuweisungen des Bistums für eigene Gebäude muttersprachlicher Gemeinden würden bis 2030 vollständig auslaufen. Die Pfarrei könne die Kosten nicht allein tragen, so Kress. Deshalb müssten Gebäude künftig gemeinsam genutzt werden. Das Motto der neuen Pfarrei lautet laut Kress daher „Teilen verbindet“.

„Nur wenn es uns gelingt, Verständnis für die erforderlichen Schritte zu erwerben, wird die Zusammenführung am Ende erfolgreich sein. Den Schmerz und den Verlust von Heimat der Menschen vor Ort können wir nachvollziehen,“ sagt Kress.

St. Bonifaz als neuer Standort

Als Alternative ist die Kirche St. Bonifaz vorgesehen. Nach Angaben von Kress hat sich die kroatische Gemeinde selbst für diesen Standort entschieden. Die bisherigen Rückmeldungen der kroatischen Gemeinde ließen erkennen, dass die Kirche und ihre Räumlichkeiten als neuer Standort geeignet seien.

Die Räume hier seien größer, werden allerdings auch weiterhin von der deutschen Gemeinde und den dort ansässigen Dominikanern genutzt. Die Belegung müsse daher abgestimmt werden. Dafür stehe eine Software des Bistum Mainz zur Verfügung. „Ein Weniger an Räumlichkeiten geht verständlicherweise mit Zusammenrücken einher,“ sagt Kress.

Unterschiedliche Sichtweisen auf die Entscheidung

Kress zufolge ist die Entscheidung über einen Zeitraum von zwei Jahren in enger Abstimmung mit der kroatischen Gemeinde gefallen. Es habe alternative Vorschläge gegeben, die von der Gemeinde abgelehnt worden seien. Eine erneute Überprüfung halte er deshalb nicht für sinnvoll.

Babić schildert die Situation aus Sicht der Betroffenen anders. Gespräche und Bitten hätten bislang nichts an der grundsätzlichen Entscheidung geändert. Die Gemeinde habe den Eindruck, dass ihre Einwände und ihre Geschichte nicht ausreichend berücksichtigt worden seien. „Viele von uns stellen sich die schmerzhafte Frage, welchen Stellenwert eine seit über 50 Jahren bestehende Gemeinschaft für das Bistum Mainz noch hat“, sagt Babić.

Kress hingegen betont, man nehme sehr deutlich und dankbar wahr, dass die katholische Gemeinden einen hohen Anteil am kirchlichen Leben in Mainz habe und dieses „bedeutend“ präge. Er sieht in der Neuordnung auch Chancen: Durch den Prozess seien bereits neue Kontakte und Freundschaften zwischen den Gemeinden entstanden. Auch Mitglieder der kroatischen Gemeinde brächten sich aktiv in die Gestaltung der Zukunft der Pfarrei ein.

Zukunft des bisherigen Standorts noch offen

Endgültig entschieden ist die künftige Nutzung der bisherigen Räume noch nicht. Babić äußert die Sorge, dass dort Wohnbebauung vorgesehen sei. Kress erklärt hingegen, dass es Anfragen von karitativen und städtischen Einrichtungen gebe und bislang erste Gespräche geführt würden.

Inzwischen habe aber eine gemeinsame Versammlung mit Vertretern des Bistums und der beteiligten Gemeinden stattgefunden. Dabei seien auch die Problematik rund um den Bonifatiusplatz thematisiert worden, wie Ivan Babić nun gegenüber Merkurist mitteilte.

Nach seinen Angaben sei bei dem Treffen erklärt worden, dass die bestehende Situation bekannt sei und bereits an einer Lösung gearbeitet werde beziehungsweise Maßnahmen in Planung seien. Die kroatische Gemeinde wolle daher die weitere Entwicklung abwarten.