Hund bei Hitze im Auto – darf ich die Scheibe einschlagen?

Immer wieder müssen in den Sommermonaten Tiere oder Kinder aus völlig überhitzten Autos befreit werden. Doch wie sollten Passanten in einer solchen Situation reagieren? Darf man einfach die Autoscheibe einschlagen?

Hund bei Hitze im Auto – darf ich die Scheibe einschlagen?

Diese Meldungen tauchen jedes Jahr in den Sommermonaten auf: „Kleinkind bei Hitze im Auto gelassen“ oder „Polizei befreit Hund aus Hitze-Auto“. Denn gerade wenn sich die Außentemperaturen um die 30-Grad-Marke bewegen, kann die Temperatur in abgestellten Autos für Menschen und Tiere schnell zur Bedrohung werden. Doch wie soll man als Passant reagieren, wenn Tiere oder Kinder in einem überhitzten Auto eingesperrt sind?

Wie die Mainzer Polizei gegenüber Merkurist sagt, würde es Einsätze wegen zurückgelassener Tiere in Autos in den Sommermonaten häufiger geben. Wann Passanten eine Scheibe einschlagen müssten, könne man allgemein nicht sagen. Das müsse immer von Fall zu Fall bewertet werden. Definitiv sollte aber die Polizei informiert werden.

Das sagt ein Fachanwalt

Ähnlich differenziert sieht der Mainzer Rechtsanwalt Dr. André Natalello, geschäftsführender Partner der Kanzlei „Hobohm & Kollegen“, die Angelegenheit: „Zerstört jemand fremdes Eigentum, so stellt dies grundsätzlich eine strafrechtlich relevante Sachbeschädigung dar.“ Der entstandene Schaden durch das Beschädigen des Fensters müsse grundsätzlich dem Eigentümer ersetzt werden. Dieses Ergebnis sei jedoch insbesondere in Fällen, in denen Menschen anderen Menschen helfen wollen, nicht gerechtfertigt. „Es gibt für diese Konstellationen rechtliche Ausnahmen, bei denen das Einschlagen der Scheibe zulässig ist“, so Natalello.

Diese würden als Rechtfertigungsgründe bezeichnet. „Liegen die Voraussetzung der Rechtfertigungsgründe vor, so müssen Passanten keine strafrechtlichen Konsequenzen oder Schadensersatzansprüche befürchten.“ Die erste Voraussetzung für das Eingreifen eines Rechtfertigungsgrundes sei es, dass überhaupt eine Gefahr für das Kind oder das Tier vorliege. Eine Gefahr liege dann vor, wenn es wahrscheinlich ist, dass ein Schaden für die Gesundheit des Kindes oder des Tieres durch Hitze eintreten werde, so Natalello. „Der Passant sollte sich daher versichern, dass nicht doch eine Klimaanlage im Fahrzeug angeschaltet ist.“

Darüber hinaus dürfe der Schaden auch nicht anders abwendbar sein. „Der Passant sollte daher nicht sofort die Scheibe einschlagen, wenn er denkt, dass eine Gefahr vorliegt, sondern sich umschauen, ob eventuell der Fahrer in der Nähe ist“, erklärt Natalello die Rechtslage. Er solle darauf achten, dass er so wenig Schaden wie möglich anrichtet, also etwa ein entfernteres Fenster einschlagen.

Welche Strafen drohen?

Und welche Strafen drohen den Eltern oder Tierhaltern in diesem Fall? „Wird ein Kind bei zu hohen Temperaturen im Auto zurückgelassen, kommen die Straftatbestände Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen in Betracht“, sagt der Mainzer Fachanwalt für Strafrecht und geschäftsführender Partner der Kanzlei „Hobohm & Kollegen“, Christian Giloth. Denn aufgrund der Hitzeentwicklung bei sommerlichen Temperaturen innerhalb eines Pkw könnten schon nach kurzer Dauer Temperaturen entstehen, die zu Gesundheitsschäden oder sogar zu lebensbedrohlichen Situationen führen können.

„Beim Eintreten von Gesundheitsschäden wird man den Straftatbestand der Körperverletzung annehmen. Je nach Grad der Gesundheitsschädigung und sonstiger Umstände des Falles kann eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren verhängt werden“, erklärt Giloth. Habe für das Kind sogar Lebensgefahr bestanden, liege die Annahme einer gefährlichen Körperverletzung nahe, deren Straftatbestand eine Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten vorsieht. Maximal dürfe das Gericht in diesen Fällen eine Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren festsetzen.

Habe die Gefahr des Todes für das schutzbefohlene Kind derart konkret bestanden, dass die Verhinderung des drohenden Todes nur noch vom Zufall abhing, beträgt die Mindestfreiheitsstrafe ein Jahr und das Höchstmaß der Freiheitsstrafe 15 Jahre, so Giloth. „Es werden daher, neben dem Leben des Kindes, auch gravierende Strafen riskiert, wenn man sich derart verantwortungslos verhält.“ Hinzu komme, dass sich in solchen Fällen das Jugendamt einschalten könne, um zu überprüfen, ob den Eltern überhaupt weiterhin das Sorgerecht belassen werden kann und gegebenenfalls unter welchen Auflagen.

Auch wer einen Hund im Auto unter diesen Umständen zurücklässt, riskiere eine harte Bestrafung. „Kann dem Tierbesitzer Vorsatz nachgewiesen werden und erleidet das Tier erhebliche Schmerzen oder verstirbt sogar, sieht das Tierschutzgesetz eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vor“, so Giloth. Könne lediglich fahrlässiges Handeln vorgeworfen werden, wird eine Ordnungswidrigkeit angenommen, bei der immerhin eine Geldbuße bis zu 25.000 Euro festgesetzt werden könne.

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