Mord an Mainzerin und ihrer Tochter: Sitzt der Täter zu Unrecht im Gefängnis?

Als verurteilter Doppelmörder sitzt der Mainzer Klaus Bräunig seit 1970 im Gefängnis. Doch es bestehen nach wie vor starke Zweifel an seiner Schuld. In einer SWR-Doku wird der gesamte Fall noch einmal aufgerollt. Kommt der Mainzer doch noch frei?

Mord an Mainzerin und ihrer Tochter: Sitzt der Täter zu Unrecht im Gefängnis?

Die Mainzer Kinderärztin Margot Geimer und ihre 17-jährige Tochter Dorothee sind im April 1970 in ihrem Haus brutal ermordet worden. Beide wurden erstochen. Als Mörder zu lebenslanger Haft verurteilt wurde damals der Mainzer Hilfsarbeiter Klaus Bräunig. Beweise für die Tat gibt es nicht, nur umstrittene Geständnisse. Sitzt der Mainzer etwa seit 52 Jahren unschuldig im Gefängnis? Eine SWR-Doku rollt den Fall nun noch einmal auf und begleitet eine Rechtsanwältin, die den Fall noch einmal vor Gericht bringen will.

Fall sorgte bundesweit für Schlagzeilen

Nach dem Doppelmord tappte die Mainzer Polizei auf der Suche nach dem Täter lange Zeit im Dunkeln. Es gab keine Spuren am Tatort und keine Spuren eines gewaltsamen Eindringens. Es war völlig unklar, wie der Täter ins Haus der Kinderärztin gekommen sein soll. Die Tatwaffe wurde nicht gefunden. Die Polizei verfolgte in dem Fall, der bundesweit Schlagzeilen machte, Hunderte von Spuren. Zunächst wurde der Familienvater verdächtigt. Doch der war auf Dienstreise und hatte ein Alibi. Dann kam heraus, dass die ermordete Tochter Dorothee Drogen nahm. Sollte etwa die Drogenszene mit dem Tod der zwei Frauen zu tun haben?

Zwei Monate nach der Tat dann der vermeintliche Durchbruch: Auf frischer Tat ertappten die Beamten einen Spanner und nahmen ihn fest. Es ist Klaus Bräunig, damals 26 Jahre alt. Vier Tage nach seiner Verhaftung legte er ein Geständnis ab. Noch einmal vier Tage später widerrief er alles – um am selben Tag wieder zu gestehen. Beinahe pausenlos wurde Bräunig, der einen geringen Intelligenzquotienten hat, vernommen. Ohne Verteidiger, denn er wusste nicht, dass er ein Recht auf juristischen Beistand hat. Der Gefängnisseelsorger sorgte schließlich dafür, dass Bräunig einen Pflichtverteidiger bekam. Bräunig blieb bei seinem Widerruf – bis heute. Der Mörder, so Bräunig, laufe draußen noch frei herum. Er habe nur gestanden, weil er nicht mehr konnte. Er wollte nur, dass die Verhöre endlich aufhörten.

Umstrittenes Urteil

Im Juli 1972 wurde Bräunig schließlich zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, allein auf Grundlage seiner Geständnisse. Beweise, Blutspuren, die ihm zugeordnet werden könnten oder Fingerabdrücke gab es nicht. Zudem hatte ihn niemand jemals am Tatort gesehen, auch Gegenüberstellungen führten zu nichts. Das Urteil war somit von Anfang an umstritten.

Mittlerweile ist Klaus Bräunig 78 Jahre alt und sitzt seit 52 Jahren im Gefängnis. Er gilt als Tatleugner – und deshalb nach wie vor als gefährlich. Doch Bräunig bleibt dabei, dass er es nicht war, und kämpft weiter um sein Recht.

Seit Jahrzehnten beschäftigt der Fall nun schon die Justiz. Immer wieder gab es Versuche, ihn neu aufzurollen und ein Wiederaufnahmeverfahren zu erreichen. Aber die Hürden sind hoch. Neue Sachverhalte, Beweise, dass Bräunig es nicht gewesen sein kann, wären nötig. Jetzt hat die Münchner Rechtsanwältin Dr. Carolin Arnemann, Expertin für Wiederaufnahmeverfahren, den Fall Bräunig übernommen. Sie will den Mordfall wieder vor Gericht bringen.

Der SWR rollt den Fall in der Reihe „Crime Time“ jetzt noch einmal auf. Ab Dienstag (28. Juni) sind drei Folgen in der ARD-Mediathek abrufbar.

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