Guten Morgen, liebe Beamte! Seit Januar reckt er sich, eine Äolsharfe imitierend, empor: der Glockenbaum. Anders als eine echte Lyra, klassisches Sinnbild des Poeten, ist die aus Vollbronze gegossene Brunnenskulptur des pfälzischen Künstlers Gernot Rumpf über sieben Meter hoch und wiegt drei Tonnen.
Zwischen den drei ausladenden Trägerarmen, deren Wasserdüsen an die Brüste der Artemis aus Ephesos erinnern sollen, hängen 14 Nachbildungen berühmter Glocken aus aller Welt, aus Äthiopien, Indien, Südamerika, China und Japan, die wiederum 68 kleinere Glöckchen enthalten. Alle zusammen sorgen bei entsprechenden Windverhältnissen für ein hübsches Glockenspiel.
Kein Wunder, dass der Glockenbaum vom ersten Tag an seinen Spitznamen „Beamtenwecker“ weghat – steht er doch vor dem Eingang zum Kultusministerium in der Mittleren Bleiche. Den nötigen Humor haben die Mainzer, viele aber nicht für die Kosten: 160.000 DM. Überall sei Sparen angesagt, in den Schulen mangele es an Lehrkräften, die Uniklinik ächze ob ihrer Finanznöte – hätte es da nicht auch ein Blumenkübel getan? Theodor Graffé, Vorsitzender des rheinhessischen Berufsverbands bildender Künstler, hält dagegen: Dem Künstler bleibe „nach neunmonatiger intensiver Arbeit (12-Stunden-Tag) unter Mithilfe der Familie und Freunde ein noch zu versteuernder vorläufiger Gewinn von 12.000 Mark“. Würden sie, fragt er die Kritiker, dafür arbeiten?
Uni und Klinik in der Klemme
Die öffentliche Finanzmisere ist überall spürbar. Auch in Universität und Uniklinik regiert der Rotstift – und das bei weiterhin steigenden Studentenzahlen. Zum Wintersemester 1975/76 sind es trotz zahlreicher Numerus-Clausus-Fächer erstmals über 19.000. Im November hatte der AStA zu einem zweitägigen Mensa-Boykott aufgerufen, weil das Land sich geweigert hatte, das für 1976 drohende Finanzdefizit des Studentenwerks von fast 800.000 DM zu stopfen. Nun steigen die Monatsmieten in den Wohnheimen um 40 DM, Studenten warten aufgrund des Personalstopps im Amt für Ausbildungsförderung bis zu einem halben Jahr auf die Auszahlung ihres Bafögs. Fachkräfte werden entlassen und Forschungsprojekte abgewickelt.
In der Klinik, deren 180-Millionen-Etat das Land Rheinland-Pfalz mit knapp 50 Millionen DM bezuschusst, sieht es nicht besser aus. Wäre sie „nur“ Universitätsklinik und nicht zugleich auch Stadt- und Regionalkrankenhaus, meint Universitätspräsident Schneider, wäre sie vieler Schwierigkeiten ledig. So muss sie mit rapide steigenden Patientenzahlen bei stagnierendem Personal kämpfen, Mancher Assistenzarzt schiebt mittlerweile Hunderte von Überstunden vor sich her ohne Aussicht auf Abbau oder angemessene Vergütung.
Frostrekorde
Das gab es lange nicht: Temperaturen im zweistelligen Minusbereich und jede Menge Schnee. In der Nacht vom 28. auf den 29. Januar zeigt das Thermometer am Frankfurter Flughafen 22 Grad minus. Die klirrende Kälte weckt Erinnerungen an die „Winter-Tragödie“ von 1956, als nach einem frühlingshaften Januar die Temperatur im Februar um teilweise über 40 Grad fiel, der Rhein im Eis erstarrte und die Reben erfroren.
So schlimm kommt es dieses Mal nicht. Doch immerhin etwa 20 Menschen – soweit statistisch erfasst – fallen europaweit der Kälte zum Opfer. Die Schifffahrt hat mit zugefrorenen Kanälen und Treibeis auf den Flüssen zu kämpfen. In Mainz trifft es vor allem die Laternenparker, deren Autobatterien vor allem in den höher gelegenen Stadtteilen en masse kapitulieren. Und Kinder, die noch keinen Schlitten haben, sind ebenfalls angeschmiert, Schlitten sind in der gesamten Stadt ausverkauft. Wer doch einen ergattert, sollte sich vorsehen. Auf hart gefrorenen Rodelbahnen wird Lenken zum Vabanque-Spiel. Im Lennebergwald setzen innerhalb weniger Stunden zwei Männer ihre Gefährte an den Baum und landen im Krankenhaus.
Altstadtsanierung – eine Zwischenbilanz
1972 hat die Sanierung der Altstadt begonnen. Eine Ausstellung im Rathaus lässt das bisher Erreichte Revue passieren und stellt noch Anstehendes in Modellen, Plänen und Skizzen vor. Der ursprüngliche Zeitrahmen – sieben Jahre ab 1972 – ist längst bis 1983/84 gestreckt worden. Manches Haus war maroder als gedacht, das Umdenken Mitte der 70er von der Flächen- zur Objektsanierung und natürlich die Wirtschaftskrise haben für eine langsamere Gangart gesorgt. Das einst die gesamte südliche Altstadt umfassende Sanierungsgebiet wurde gesplittet. Derzeit geht es um die „Südliche Altstadt A“ zwischen Dom und Holzstraße.
Der „Südlichen Altstadt B“ zwischen Holz- und Dagobertstraße wird man später zu Leibe rücken. Vorwürfe, die Sanierung stecke in einer Sackgasse, es sei noch keine einzige Sozialwohnung gebaut worden, die Altstadttangente bleibe ein Provisorium und die Kassen seien leer, bügelt Sozialdezernent und Mastermind Karl Delorme ab. Insgesamt seien bereits 145 neue Sozialwohnungen als Ersatz für entfallenen Wohnraum entstanden. Selbstverständlich werde die Tangente weitergebaut, es habe nur witterungsbedingte Unterbrechungen gegeben. Und natürlich genieße die Sanierung im städtischen Haushalt weiterhin hohe Priorität: Trotz der schwierigen Finanzlage seien im aktuellen Etat über 13 Millionen DM ausgewiesen.
Späte Sühne in einem Cold Case
Im April 1969 entdecken spielende Kinder in der Zitadelle eine Leiche. Der Tote, ein 47 Jahre alter jugoslawischer Gelegenheitsarbeiter, liegt in einem der von Obdachlosen genutzten Stollen und wurde, wie die Obduktion ergibt, „mit überaus großer Brutalität zu Tode misshandelt“. Trotz intensiver Fahndung inklusive Verteilung von 1.000 Handzetteln und einer Belohnung von 2.000 DM verläuft die Suche nach dem Täter im Sand, es sieht nach einem Cold Case auf Dauer aus.
Doch im Februar 1975 trifft bei der Mainzer Kripo ein Fernschreiben aus Hamburg ein. Wenige Tage zuvor hat man dort einen Randalierer festgenommen, der zu aller Erstaunen den Mord in Mainz sechs Jahre zuvor gesteht. Er war damals gerade 15 Jahre alt und von zu Hause weggelaufen. Der Jugoslawe habe ihn im Mainzer Hauptbahnhof an- gesprochen und auf ein Bier eingeladen. Dann habe er den Mann zur Zitadelle begleitet, wo jener zudringlich geworden sei. „Über dessen ekelerregendes Benehmen“ sei er so in Rage geraten, dass er mit einem Holzknüppel und einem großen Stein auf ihn eingedroschen und ihn schließlich mit seinem eigenen Gürtel erwürgt habe.
Nun, wiederum ein Jahr später, folgt das gerichtliche Nachspiel. Die zuständige Jugendkammer rechnet dem jungen Mann zwar sein Geständnis an, nimmt ihm sein angebliches Entsetzen über das schamlose Verhalten des Opfers aber nicht ab. Wie von Staatsanwalt Fuhlrott gefordert, wird der mittlerweile 21-Jährige zu acht Jahren Jugendstrafe verurteilt.
Stadthaushalt: Mit großen Schritten Richtung Milliarde
Der seit dem 1. Januar gültige Doppelhaushalt der Stadt Mainz 1976/77 hat es in sich: 916 Millionen DM. Klammert man Schuldendienst (Zinsen und Tilgung) und sonstige finanzwirtschaftliche Leistungen aus, gibt die Stadt Tag für Tag knapp 1 Million DM aus: für Schule und Sport, Kultur und Wissenschaft, öffentliche Sicherheit und Ordnung usw. Der größte Brocken, über ein Fünftel des Etats, entfällt aber auf die soziale Sicherung. Das ist vor allem den im Vergleich zu 1974 um über 50 % gestiegenen Sozialhilfekosten zu verdanken, an denen sich, klagt auch der Deutsche Städtetag, der Bund viel zu wenig beteiligt.
„Einer der lustigsten CDU-Parteitage“
Heftige Kritik erntet die Fernsehsitzung am 6. Februar. Der Tiefpunkt von 1972 ist zwar überwunden. Damals hatte Otto Höpfner, gebürtiger Mainzer und ehemaliger Wirt vom „Blauen Bock“, den völlig misslungenen Versuch unternommen, „Opas Karneval“ mit sinkender Qualität und Quote zum modernen Showprogramm umzumodeln, wo statt den Hofsängern Tony Marschall das Publikum beglücken sollte.
Stattdessen degeneriert die Sitzung unter der Ägide von Wolfgang Brobeil (ZDF) und Sitzungspräsident Rolf Braun, im richtigen Leben Helmut Kohls Referent, nun zur CDU-Versammlung – von den Beifallsstürmen, die Brauns Begrüßung der anwesenden CDU-Prominenz begleiten, bis zu Dr. Willi Scheu, dem langjährigen Bajazz mit der Laterne, der in seinem letzten Auftritt in der Bütt „alle Scheu und Klappen“ ablegt, „die CDU als Retter aller Dinge hochzupreisen“, wie sich ein entnervter Zuschauer stellvertretend für viele erbost.
Da kann auch Herbert Bonewitz’ Kokolores-Auftritt als Dr. Ödipus Meisenspinner nicht mehr viel retten. Es mache sich „die Sprache der Selbstgefälligkeit, der Geborgenheit bei den Mächtigen breit“. „Was ist aus den demokratischen Traditionen der Fassenacht geworden?“ Jockel Fuchs, der selbstverständlich auch im Publikum sitzt, entschuldigt sich später: „So schwarz wie im Fernsehen ist Mainz gar nicht.”
Todesstoß für viele kleine Existenzen?
Vor einigen Jahren sind die Pläne der französischen Supermarkt-Kette „Carrefour“ ruchbar geworden. Nahe der A60 soll zwischen Marienborner und Essenheimer Straße ein gigantisches Einkaufszentrum mit einer Gesamtfläche von über 25 Hektar entstehen: Lebensmittel-, Haushalts- und Gebrauchswarenmarkt, Baumarkt, Tankstelle, Waschstraße, Reisebüro, Friseur, Kneipe und sogar ein Schwimmbad, dazu ein Parkplatz für 2500 Autos.
Die Wogen schlagen hoch. Der Mainzer Einzelhandel sei „in seiner Existenz bedroht“, konstatiert die IHK. Das geographische Institut der Universität sieht den für das Stadtklima essenziellen Kaltluftstrom vom Lerchenberg in Richtung Innenstadt gefährdet. Die Stadt kontert mit Gegengutachten, die die Gefahren bestreiten oder zumindest relativieren. In Bretzenheim, wo man wegen der fehlenden Verkehrsanbindung des Konsumtempels fürchtet, in Abgasen zu ersticken, bildet sich eine Bürgerinitiative „Aktion menschlicher Wohnen“.
Doch auch von einer letzten Protestveranstaltung in der Bretzenheimer Turnhalle Anfang März lassen sich die Verantwortlichen nicht erweichen. Am 17. März beschließt der Stadtrat mit klarer Mehrheit (35:18) den Bebauungsplan „Dienstleistungszentrum Bretzenheim-Süd“, wobei die Front der Befürworter und Gegner quer durch die Fraktionen von CDU und SPD geht. Nur die FDP stimmt geschlossen zu. Immerhin, die ursprüngliche Planung ist auf nunmehr 11 Hektar abgespeckt worden. Das Schwimmbad, das nach Ansicht der BI das Kommerzprojekt in ein „soziales Mäntelchen“ kleiden sollte, ist übrigens nie gebaut worden.
Der Text des Mainzer Gästeführers Lothar Schilling ist zuerst in „MAINZ Vierteljahreshefte“, Ausgabe 2026/1, erschienen.