Die Geschichte hinter diesem verwilderten Mainzer Grundstück

In unmittelbarer Nähe zur Bahnstrecke im Laubenheimer Riedweg befindet sich ein riesiges verwildertes Grundstück. Bewohnt wird das zugewachsene Areal aber schon lange nicht mehr. Doch welche Geschichte steckt dahinter?

Die Geschichte hinter diesem verwilderten Mainzer Grundstück

Zehn Meter hohe Bäume, meterlange Äste, die wie Lianen wirken, und kreuz und quer wachsende Büsche und Sträucher: Mitten in Laubenheim liegt ein großes verlassenes Grundstück, das aussieht wie ein Urwald. Zur Straßenseite hin begrenzt eine imposante Mauer das Areal.

Befragt man Passanten, erfährt man, dass das Grundstück seit „vielen, vielen Jahren“ unbewohnt ist und stößt dabei auch auf eine rührende Geschichte, die von den ehemaligen Besitzern handelt.

Prunkvolle Villa

Das rund 4500 Quadratmeter große Gelände gehörte einst dem jüdischen Arzt Dr. Feist. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg ließ Feist dort für sich und seine Familie eine große Villa errichten. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten konnte die Familie zunächst unbehelligt weiterleben. Auch die Reichspogromnacht 1938 überstand die Familie noch unbeschadet, wie ein Laubenheimer Ortshistoriker gegenüber Merkurist erzählte.

„Eigentlich wollten SA-Leute auf das Gelände vordringen, aber der damalige Bürgermeister hat das unterbunden, obwohl er überzeugter Nationalsozialist war.“ Da Feist in der Bevölkerung hoch angesehen war und unter anderem viele Arme kostenlos behandelte, habe der Bürgermeister die Familie verschont. Doch wenige Tage nach der Pogromnacht verstarb Feist plötzlich. „Ob es ein Herzinfarkt aufgrund der ganzen Aufregung oder Selbstmord gewesen ist, kann man nicht mit Gewissheit sagen“, so der Historiker.

Knapp vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, am 1. Februar 1945, sei die Villa dann bei Luftangriffen zerstört worden. Feists Witwe und Tochter Helene überlebten den Krieg und wohnten einige Zeit in einem angrenzenden Haus. Nach dem Tod der Mutter zog Tochter Helene wieder auf das alte Grundstück. „Dort hat sie mit ihrem Lebensgefährten im ehemaligen Gebäude des Dienstpersonals gewohnt und im Ort als Nachhilfelehrerin gearbeitet“, berichtete ein guter Freund Helenes, Horst Hünerkopf.

Interesse, das Grundstück zu verkaufen, habe Helene nie gehabt. Nachdem sie vor rund 40 Jahren verstorben sei, habe jedoch ihr Lebensgefährte, der Alleinerbe war, das Grundstück verkauft. Danach, so Hünerkopf, sei es mehrere Male weiter verkauft worden. Bis heute hat sich lediglich auf einem Teil des Areals, das zum früheren Grundstück gehörte, etwas getan. Dort wurden zuletzt Wohnhäuser gebaut. Der weitaus größere Teil des Areals liegt aber weiterhin brach.

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