„Für Obdachlose ist es derzeit lebensgefährlich“

Die eisigen Temperaturen können für Menschen ohne festen Wohnsitz lebensgefährlich werden. Wo bekommen sie Hilfe und was könnt ihr selbst tun? Wir haben nachgefragt.

„Für Obdachlose ist es derzeit lebensgefährlich“

Seit Tagen liegen die Temperaturen im Minusbereich, vor allem nachts ist es bitterkalt. Prof. Dr. Gerhard Trabert, der seit vielen Jahren als Armen- und Obdachlosenarzt in Mainz unterwegs ist, schlägt Alarm: „Gerade im Winter sind wohnungslose Menschen durch die Gefahr von Erfrierungen, bis hin zum Kältetod bedroht“, warnt er im SWR. „Es gibt weiterhin zu wenig Schlafplätze für wohnungslose Frauen, wohnungslose Menschen mit einem Hund sowie EU-Bürger die arbeitssuchend sind.“

Auch Marcio Demel ist in großer Sorge. Er ist erster Vorsitzender des Vereins „Rheinhessen hilft“, der sich für die Förderung sozial und gesundheitlich benachteiligter Menschen in Mainz und Umgebung einsetzt. „Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt erschweren obdachlosen Menschen zurzeit erheblich das Leben und sind für sie lebensgefährlich“, sagt er gegenüber Merkurist. Die Obdachlosenunterkünfte in Mainz seien oft überfüllt oder die Menschen lehnen es ab, das Angebot anzunehmen – etwa weil sie nicht mit mehreren Personen in einem Zimmer schlafen wollen, weil sie alkoholabhängig sind und dort nichts trinken dürfen oder weil sie Angst vor Übergriffen oder Diebstahl haben.

Mit dem Kältebus fahren die Helfer des Vereins die Menschen zur städtischen Housing Area, wo sie zumindest abends und nachts bleiben dürfen. „Am Morgen werden die Menschen dann praktisch wieder ‘vor die Tür gesetzt’, was bei diesen Temperaturen erheblich zu kritisieren ist“, so Demel. Dem widerspricht die Stadt Mainz: „Während der Corona-Pandemie hat die Stadt ein zusätzliches Angebot mit 50 Schlafplätzen in der Housing Area zur Unterbringung von besonders gefährdeten wohnungslosen Menschen eingerichtet“, teilt eine Sprecherin mit. Dieses werde auch weiter aufrechterhalten. Vier der 50 Plätze dienten als Notschlafplätze zur kurzfristigen Übernachtung. „Stand heute sind noch Kapazitäten in der Housing Area verfügbar“, so die Sprecherin. Auch ein Aufenthalt während des Tages sei „selbstverständlich“ möglich.

Bis zu 60 Essen verteilt der Kältebus pro Tag

Täglich ist der Kältebus unterwegs, versorgt die Menschen, die auf der Straße leben, mit warmem Essen und warmen Getränken, Schlafsäcken und Decken, Kleidung sowie Erste-Hilfe-Materialien. 50 bis 60 Essen werden aktuell pro Tour verteilt, hinzu kommen etwa 100 Hinweise von Bürgern pro Tag. Der Kältebus ist ausschließlich mit ehrenamtlichen Menschen besetzt, die von Beruf zum Beispiel Sanitäter, Pfleger, Sozialarbeiter, Suchtberater oder Seelsorger sind. „Das Leid auf der Straße ist größer geworden, es leben auch mehr Menschen auf der Straße“, so Demel.

„Unseres Erachtens wird viel zu wenig für obdachlose Menschen seitens der Politik getan“, kritisiert er. Auch die Stadt Mainz unternehme viel zu wenig und biete nicht genug Räumlichkeiten und Unterstützung an. „Das Ziel muss sein, die Menschen in eigene Wohnungen zu vermitteln, sofern diese hierzu gesundheitlich in der Lage sind.“

In Wiesbaden beispielsweise werde ein Obdachloser, sofern er keine Unterkunft finde, auf Wunsch von der Bundespolizei in Schutzgewahrsam genommen. „Das kann auch vor dem Erfrieren retten“, so Demel. Als „menschenunwürdig“ bezeichnet Demel etwa das Vorgehen der Sicherheitsdienste von Banken, die Obdachlosen nachts auf die Straße zu schicken.

Notunterkünfte für Wohnungslose in Mainz

Einige Vereine und Hilfsorganisationen bieten für die Menschen Notunterkünfte an. Hier können sie übernachten und mit dem Nötigsten versorgt werden:

Kältebus des Vereins „Rheinhessen hilft“: Er versorgt Menschen der Stadt Mainz und in den Stadtteilen, in den Landkreisen Mainz-Bingen und Alzey-Worms, der Region Rheinhessen sowie Wiesbaden. Telefonisch ist er ab 20 Uhr unter der Nummer 0163 6867137 erreichbar. Es ist jedoch ganztägig möglich, Nachrichten per SMS, Mailbox oder WhatsApp zu hinterlassen. Diese werden dann abends nach Dringlichkeit abgearbeitet.

Notübernachtung für Männer im „Heinrich Egli Haus“ der MissionLeben, Fritz-Kohl Straße 14: Hier bekommen Männern in sozialen Notlagen kurzfristig Hilfe, eine Grundversorgung und Notübernachtung. Mehr Infos gibt es hier.

Thaddäusheim: Ebenfalls für wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Männer stellt die Caritas einige Mehr-, Doppel- und Einzelzimmer zur Verfügung. Das Heim befindet sich An der Goldgrube 13. Mehr Informationen und Kontaktdaten gibt es hier.

Notübernachtung für Frauen im „Wendepunkt“ der MissionLeben in der Nahestraße 7: Hierhin können sich Frauen wenden, die eine kurz- oder mittelfristige Unterkunft brauchen. Neben der Möglichkeit einer Notübernachtung gibt es Duschen, Essen und Bekleidung sowie eine Beratungsstelle.

So könnt ihr helfen

Seht ihr einen wohnungslosen Menschen auf der Straße, könnt ihr selbst tätig werden:

  • Schaut (aus der Ferne), ob der Mensch atmet und gut zugedeckt ist. Wenn die Person nicht ansprechbar ist oder unterkühlt wirkt, ruft direkt den Rettungsdienst an (Notruf 112).

  • Man sollte die Menschen, gerade nachts, nicht rabiat wecken, sondern lieber schauen, ob sie gut zugedeckt sind und ob sie atmen.

  • Wenn der Obdachlose wach ist, könnt ihr ihn freundlich ansprechen und Hilfe anbieten. Fragt dazu, wie man helfen kann.

  • Die Nummer des Kältebusses kann auch von Bürgern gewählt werden, die Obdachlose bei diesen Temperaturen sehen. Die Helfer sind mit der Polizei gut vernetzt, auch an die Dienststellen können Hinweise gemeldet werden.

  • Spenden wie Lebensmittel und Hygieneartikel nimmt die Mission Leben in der Wallstraße 13 entgegen. Mehr Infos gibt es hier.

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