Zwei Jahre Corona: Gewöhnen wir uns an die hohen Zahlen?

Steigende Inzidenzen und immer neue Varianten, Quarantäne und Kontaktbeschränkungen: Seit zwei Jahren leben wir nun mit dem Coronavirus. Welchen Effekt hat das auf uns? Wir haben mit der Mainzer Resilienzforscherin Dr. Donya Gilan gesprochen.

Zwei Jahre Corona: Gewöhnen wir uns an die hohen Zahlen?

Die Sieben-Tage-Inzidenzen steigen, Omikron hat Deutschland fest im Griff, schon werden neue Varianten befürchtet. Nach einer aktuellen Umfrage der R+V-Versicherung hat mehr als die Hälfte der Deutschen Angst vor weiteren Corona-Wellen. Viele haben zudem Angst, sich selbst zu infizieren und sind der Meinung, dass die Politiker überfordert sind.

Zwei Jahre lang leben wir nun schon in der Corona-Pandemie, haben Einschränkungen, Absonderungen und Einsamkeit durchlebt. Was macht das mit den Menschen? Gewöhnen wir uns an die steigenden Inzidenzen und die sich ständig ändernden Maßnahmen? Oder ignorieren die Menschen die sich stetig ändernden Regeln sogar? Wir haben dazu mit Dr. Donya Gilan, Leiterin des Bereichs „Resilienz & Gesellschaft“ im Mainzer Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) gesprochen.

Merkurist: Frau Dr. Gilan, als vor zwei Jahren das Coronavirus begann, sich in Deutschland zu verbreiten, wurden die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen von den meisten akzeptiert und eingehalten. Inzwischen sind die Menschen frustriert, es mehren sich Widerstand und Kritik. Wie haben sich die Menschen, ihre Einstellungen und ihr Verhalten im Lauf der Zeit bis heute entwickelt?

Dr. Donya Gilan: Die aktuelle Haltung vieler Menschen ist vor allem durch zwei wesentliche Feststellungen geprägt: Auf der einen Seite erwarten sie einen anhaltenden rasanten Anstieg der Infektionszahlen. Auf der anderen Seite ist das gefühlte Risiko sich zu infizieren, gesunken. Dadurch wird nicht nur die Schwere einer Infektion als geringer eingeschätzt als dies beispielsweise noch im Dezember oder in den vorhergehenden Corona-Wellen der Fall war, sondern gleichzeitig wird es auch als schwierig eingeschätzt, eine Infektion zu vermeiden. Laut einer Cosmo-Erhebung ist das Schutzverhalten zwar stabil geblieben, liegt jedoch unter dem während der letzten Wellen. Einzige Ausnahme bildet das Tragen von Masken.

Woran liegt das?

Laut der Erhebung wussten 30 Prozent der Befragten gar nicht genau, welche Regeln für sie gelten. Es ist davon auszugehen, dass Menschen, die hier die Übersicht verloren haben, sich auch weniger an die AHA-AL-Regeln halten. 75 Prozent der Befragten wünschen sich zudem bundeseinheitliche Regeln. Auch wurde festgestellt, dass nach der Verschärfung der Maßnahmen im Dezember der Anteil der Menschen gesunken ist, die die Maßnahmen für nicht ausreichend hielten. Die Erhebung konnte überdies feststellen, dass Ungeimpfte Risiken weniger wahrnehmen als Geimpften. Entsprechend zeigen sie auch weniger generelles Schutzverhalten. So verringerten sie insbesondere seltener ihre Kontakte oder nutzen die Corona-Warn-App weniger.

Hat sich daran inzwischen etwas geändert?

Inzwischen finden mehr Personen die Maßnahmen angemessen. Weitere strengere Maßnahmen, wie stärkere Kontaktbeschränkungen oder Schulschließungen, werden inzwischen eher wieder abgelehnt.

Gewöhnen sich die Menschen allmählich an die hohen Inzidenzen?

Insgesamt ist zu beobachten, dass sich viele Menschen trotz des noch bestehenden Risikos zunehmend an die neue Alltagswirklichkeit gewöhnen und sie akzeptieren. Dabei befinden sie sich häufig in einem Dilemma zwischen Sicherheit und Freiheit. Der Drahtseilakt besteht darin, die eigene psychische Gesundheit, die mit Autonomie zu tun hat, und die soziale und gesellschaftliche Verantwortung aufrechtzuerhalten.

Womit hängt es zusammen, wie Menschen sich in der Pandemie verhalten?

Wie sich die Menschen präventiv verhalten, hängt prinzipiell mit den Erwartungen darüber zusammen, wie sich die Infektionszahlen entwickeln. Ebenso kann sich dadurch die Risikowahrnehmung verändern, zum Beispiel darüber, wie relevant eine Impfung ist. Auch ein Ergebnis der Erhebung: Die zentralen Sorgen gingen leicht zurück, vor allem die Angst vor dem Verlust einer geliebten Person, der Überlastung des Gesundheitssystems und der eigenen Ansteckung nahmen ab. Menschen, die jedoch bisher kaum „Berührungspunkte“ mit den Folgen der Pandemie hatten, können das Geschehen vermutlich auch besser ausblenden. Auf der anderen Seite gibt es Gruppen, die besonders stark von der Pandemie belastet sind. Dazu gehören zum Beispiel Frauen und jüngere Menschen, aber auch solche mit häufigem Medienkonsum sowie die ständig über das Virus grübeln und sich Sorgen über finanzielle Schocks machen.

Kann ein Gewöhnungseffekt auch Vorteile haben?

Eine Gewöhnung an Reize ist sinnvoll im Leben, sonst würden wir dauerhaft und mit der gleichen Reaktionsintensität auf beispielsweise eine Situation antworten und andere Reize außer Acht lassen. Unser Körper ist darauf ausgelegt, sich an gewisse Dinge oder Zustände anzupassen. Diese Habituation bietet somit eine Schutzfunktion, wieder empfänglich zu werden für Reize, die möglicherweise für den Organismus lebensbedrohlich sind und somit eine Reaktion erfordern. Solch eine Ressourcen-Optimierung unseres Körpers kann aber auch Fahrlässigkeit fördern, wenn wir uns zum Beispiel an eine abstrakte Bedrohungssituation gewöhnen – wie an ein Virus, das nicht ohne Hilfsmittel sichtbar ist – und wichtige Schutzmechanismen vernachlässigen, also etwa 1,50 Meter Abstand halten, regelmäßig Hände waschen oder Kontakte reduzieren.

Die Habituation spielt in der Verhaltenstherapie eine wichtige Rolle, beispielsweise bei der Therapie von Angststörungen, denn eine Angstreaktion kann nur über einen bestimmten Zeitraum in der anfänglichen Intensität bestehen bleiben. Wenn Patienten, die von einer Angsterkrankung betroffen sind, lange in einer für sie als bedrohlich wahrgenommen Situation verweilen, sinkt die Angst sukzessive, und die Situation als solche wird als weniger bedrohlich wahrgenommen.

Wem macht die Krise aktuell besonders zu schaffen?

Viele Menschen waren einer erhöhten Belastung ausgesetzt, durch depressive und ängstliche Symptome, posttraumatische Belastungssymptome sowie schlafbezogene Symptome. Das zeigte eine Studie von Kolleg:innen und mir innerhalb der Corona-Pandemie, in der wir auch Literatur mit 18 Studien aus China und Indien mit 79 664 Probanden ausgewertet haben. Insbesondere die Beschäftigten im Gesundheitswesen wiesen eine stärkere Ausprägung auf. In einer weiteren, breit angelegten Studie konnten wir feststellen, dass Einkommenseinbußen und ein verringertes Vermögen die allgemeinen Lebenszufriedenheit und das Wohlbefinden sinken ließen. Wer von finanziellen Schocks betroffen war, vermied vermehrt Gedanken zu Finanzen oder lenkte sich mit Medien oder Genussmitteln ab.

Und wem gelingt es besonders gut, Krisen zu bewältigen?

Prinzipiell gelingt es Menschen mit einer psychischen Widerstandskraft – also Resilienz – besser, Krisensituationen zu bewältigen. Unsere Studien zeigen, dass hierbei besonders soziale Kontakte, die Fähigkeit, in der Krise auch Entwicklungsmöglichkeiten zu sehen sowie ein höheres Lebensalter schützend wirken. Aber auch Faktoren, die nicht ausnahmslos in der Hand des Menschen liegen, wie hohe Bildung und ein hoher sozioökonomischer Status, wirken beschützend und verstärken die soziale Ungleichheit, auch bezogen auf die Gesundheit.

Was können wir tun, um solche Krisensituation selbst gut zu bewältigen?

Das Konzept der Resilienz – „resilire“ = abprallen, zurückspringen – bietet jedem Einzelnen eine gute Unterstützung, die psychische Gesundheit während oder nach widrigen Lebensereignissen aufrechtzuerhalten beziehungsweise zurückzugewinnen. Resilienzfaktoren stellen Möglichkeiten dar, seine psychische Gesundheit zu stärken, unter anderem kognitive Flexibilität, soziale Unterstützung, Selbstwertgefühl oder den Sinn im Leben zu sehen. Wie die eigene Resilienz gefördert werden kann, ist ein höchst individueller Prozess, Patentrezepte gibt es nicht. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man sich täglich etwas Gutes tun sollte, in gleicher Weise auch für sein soziales Umfeld. Und man sollte mit guten Gedanken den Tag beschließen. „Gut denken, gut reden, gut handeln“ – ein altes Prinzip des Zoroastrismus.

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