Nach 35 Jahren: Einzige Draiser Handwerksbäckerei muss schließen

Weil er keine Mitarbeiter mehr gefunden hat, muss Bäckermeister Reiner Wagner den Betrieb nun vorzeitig schließen.

Nach 35 Jahren: Einzige Draiser Handwerksbäckerei muss schließen

Am Donnerstag (24. November) wird die einzige Draiser Handwerksbäckerei zum letzten Mal ihre Türen öffnen. Denn nachdem ihr letzter Mitarbeiter gekündigt hat und sich kein Ersatz finden ließ, können Bäckermeister Reiner Wagner und seine Frau das Geschäft nicht länger weiterführen. Die kostenlosen Hauslieferungen an ihre Stammkunden wollen sie aber noch bis zum 1. Dezember weiterführen.

„Wir haben es überall versucht: beim Arbeitsamt, auf den ganzen Portalen“, erzählt Wagner im Gespräch mit Merkurist. Aber es habe sich einfach kein Ersatz finden lassen. Zwei Wochen ist die fristlose Kündigung ihres Gesellen nun her, nach einer potenziellen Nachfolge gesucht hätten sie aber schon länger. Denn Anzeichen hätte es seit einigen Monaten gegeben.

Ende einer Familientradition

Vier Jahre hätte Reiner Wagner eigentlich noch bis zur Rente gehabt. Im Dezember wird er 61 Jahre alt. Doch nur zu zweit mit seiner Frau, bei regulären Arbeitszeiten von bis zu 14 Stunden am Tag, kann und will der Draiser Bäckermeister seinen Familienbetrieb nun nicht mehr weiterführen, so Wagner. 1987 hatte sein Vater den Standort in Drais eröffnet, zwei Jahre später hat Reiner Wagner den Betrieb dann selbst übernommen. Schon sein Großvater war Bäcker. Auch Jürgen Wagner, der Zwillingsbruder von Reiner Wagner, steht mit seiner Handwerksbäckerei in Finthen inzwischen kurz vor der Schließung. Im Dezember soll es dort soweit sein.

Bei der Draiser Stammkundschaft war Reiner Wagner vor allem für seinen Kundenservice bekannt. Jahrelang bot er einen kostenlosen Hauslieferservice an. Die Lieferfahrten übernahm er immer selbst. Denn bis auf einen weiteren Mitarbeiter, der den Betrieb nach seiner Ausbildung noch einige Jahre unterstützte, hielt der Bäckermeister die Backstube alleine am Laufen. Seine Frau, die vor allem den Verkauf betreute, ist zurzeit die einzige andere Mitarbeiterin. „Ich glaube, wir sind die kleinste Bäckerei im Kreis Mainz“, sagt er.

Ende des Bäckerhandwerks in Drais?

In den vorzeitigen Ruhestand geht es für Reiner Wagner jedoch noch nicht. Die nächsten Jahre bis zur Rente will er in der Backstube Pfaff in Finthen verbringen. Dass die Bäckerei in Drais in näherer Zukunft von einem anderen Betrieb übernommen wird, hält er für unwahrscheinlich. Drais sei zu klein für die großen Bäcker-Ketten, so Wagner. Seit 15 Jahren könne man in Drais zudem auch bei Edeka Backwaren kaufen.

Seine eigenen Söhne hätten sich angesichts der harten Arbeitsbedingungen im Bäckerhandwerk schon frühzeitig für andere Karrierewege entschieden. „Ich habe es ihnen immer freigestellt“, erzählt Wager. „Und es stimmt schon, als Bäcker hat man kaum Freizeit.“ Dennoch bereuen er und seine Frau ihre eigene Berufswahl nicht: „Wir haben es immer gern gemacht.“

Dass die Draiser Bäckerei mit diesem Problem nicht allein ist, zeigen aktuelle Erhebungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). So zeigt sich ein deutlicher Aufwärtstrend bei unbesetzten Ausbildungsstellen. Blieb 2011 noch jede zwanzigste Stelle unbesetzt, so war es 2021 schon mehr als jede zehnte. Hinzu kommt, dass eine erhebliche Zahl der Ausbildungen vorzeitig abgebrochen wird – im Jahr 2020 war es rund ein Viertel. Darunter leiden insbesondere Traditionshandwerke wie Metzgereien und Bäckereien. Bereits 2019 hieß es in einem Statement vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), dass seit einiger Zeit jedes Jahr mehr Bäcker- und Metzgerbetriebe schließen müssten als neu eröffnet werden. Das berichtete unter anderem die FAZ.

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