Eine ruhige Wohnstraße in Mainz-Drais, doch plötzlich huscht eine riesige Ratte den Bürgersteig entlang, kurz darauf noch eine. Der Anblick der Tiere in dieser Straße ist zu jeder Tages- und Nachtzeit für die Nachbarn seit vielen Jahren Normalzustand. Die Ratten flitzen an Mauern vorbei, auf dem Balkon, über Nachbargrundstücke und sogar die Wände entlang, von Fenster zu Fenster.
Denn eine Frau, die hier alleine in einem Haus lebt, füttert die Ratten anscheinend täglich. Diese finden dadurch hier perfekte Lebensbedingungen vor. Das berichten Anwohner gegenüber Merkurist. Einige, die bereits länger hier wohnen, sagen, dass das Problem bereits seit Jahrzehnten bestehe. „An warmen Tagen stinkt es nach Kot, Urin und Verwesung“, erklärt etwa Stephi Schumacher, die mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern direkt im Haus nebenan wohnt. An Lüften sei kaum zu denken.
Tote Ratten liegen auf dem Boden
Vor einiger Zeit war das Fliegengitter im Erdgeschoss angebissen, im Hinterhof hätten die Ratten ein Loch gebuddelt, manchmal würden auch tote Ratten auf dem Boden liegen. Nachts höre man sie kämpfen. Einige Vormieter seien deswegen schon ausgezogen.
Das Problem ist bekannt, in Drais und darüber hinaus. Der Draiser Ortsvorsteher Joachim Kleintitschen erklärt gegenüber Merkurist, dass schon sein Vorgänger um eine Lösung bemüht gewesen sei. „Es hat aber auch jeder das Recht, verwahrlost zu leben“, so Kleintitschen. Es seien schon Rattenfallen aufgestellt worden, Ordnungsamt und Gesundheitsamt seien involviert. Auch sei es kürzlich erst Thema im Ortsbeirat gewesen.
Spreche man die Frau selbst auf das Problem an, reagiere sie aggressiv, erklären die Nachbarn. Ein Telefon habe sie selbst nicht. Früher hätten mal zwei Hunde bei ihr gelebt, die seien ihr aber entzogen worden, aus Tierschutzgründen.
Die Stadt selbst kann nach eigenen Angaben „aus Datenschutzgründen und zum Schutz der Persönlichkeitsrechte“ keine Aussagen zum konkreten Fall machen, teilt eine Pressesprecherin auf Anfrage von Merkurist mit. Hinweise auf einen möglichen Rattenbefall würde das Rechts- und Ordnungsamt aber immer prüfen. Seien Privatgrundstücke betroffen, liege die Verantwortung bei den Eigentümern. Sie seien dann für die Bekämpfung zuständig. Würden diese keine Maßnahmen ergreifen, könnten die Behörden eingreifen, „im Rahmen ihrer gesetzlichen Möglichkeiten“. Welche Maßnahmen dann erforderlich und möglich seien, hänge von den jeweiligen Umständen ab.
Betreuungsperson zugeordnet
Vor einiger Zeit sei der Hausbewohnerin von einem Gericht zudem eine Betreuerin zugeordnet worden. Wie die Nachbarn beobachtet haben, soll diese aber nur mithilfe der Polizei Zutritt zum Haus bekommen haben. Auch zu diesem Einsatz kann die Pressestelle der Stadt nach eigenen Angaben keine Aussagen geben. Nachbarin Stephi Schumacher sagt dazu: „Wir rufen regelmäßig bei der Stadt an, doch direkt können wir die Betreuerin nicht erreichen.“
Da jedoch diese Betreuungsperson von einem Gericht beauftragt worden sei, ist von der Stadtpressestelle lediglich allgemein zu erfahren: „Eine Betreuungsperson unterstützt und vertritt die betroffene Person innerhalb dieser gerichtlich festgelegten Aufgabenkreise bei der Wahrnehmung ihrer rechtlichen Angelegenheiten.“ Berücksichtigt würden dabei immer auch „der Wille und die Wünsche der betreuten Person“. Welche konkreten Aufgaben und Befugnisse eine Betreuungsperson in einem Einzelfall habe, richte sich nach dem jeweiligen gerichtlichen Beschluss.
Seuchenschutz im Einsatz?
Im November 2024 sei das Haus zum ersten Mal geräumt worden, die Frau sei für ein paar Wochen woanders untergebracht worden, berichten die Nachbarn weiter. „Der Seuchenschutz war hier, sie haben zwei Container mit Unrat abtransportiert.“ Der Kammerjäger hätte ihnen zudem berichtet, dass allein im Haus Hunderte Tiere lebten. Die Stadt Mainz bestätigt die Anzahl nicht, sagt aber auch, dass für eine „nachhaltige Schädlingsbekämpfung“ immer die Ursachen für den Befall beseitigt werden müssten.
Vor einiger Zeit sei die Frau wieder weggebracht worden. Ein Mitarbeiter vom Grünamt hätte auf dem Grundstück vor dem Haus die Gebüsche geschnitten, doch hinter dem Haus sei noch viel Gestrüpp. „Dort leben die Ratten, hier finden sie perfekten Nährboden“, sagen die Nachbarn. Nun fürchten sie, dass die Tiere sich weiter ausbreiten, da sie aus dem Haus selbst keine Nahrung mehr bekämen, wenn die Frau für eine Weile nicht mehr da sei.
Ortsvorsteher Kleintitschen verspricht, nun noch intensiver mit dem Ordnungsamt zu sprechen, „auch persönlich“. Die Nachbarn indes wünschen sich, dass der Frau zumindest ein Betreuer zugewiesen wird, der umfassendere Rechte bekommt. „Uns beeinträchtigt das alles in massiver Weise“, sagt Stephi Schumacher. „Wir alle möchten, dass das Problem endlich gelöst wird.“