Mainzer Studenten rufen zum Protest auf

Das neue Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung sorgt nicht nur für positive Reaktionen. Betroffene Studenten sowie Auszubildende werden nämlich von den Verbesserungen der Reform ausgeschlossen.

Mainzer Studenten rufen zum Protest auf

Seit es ein neues Gesetz zur Umgestaltung der Psychotherapieausbildung gibt, wird viel diskutiert. Denn nicht alle Betroffenen sind mit den Änderungen einverstanden. „Grundsätzlich ist die Reform zu befürworten, aber aktuell Studierende und derzeitige Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen in Ausbildung werden komplett vernachlässigt“, erzählt Studentin Nora Thierfelder gegenüber Merkurist.

Die 28-Jährige studiert aktuell im sechsten Semester Psychologie und fühlt sich durch die Änderungen der Reform persönlich angesprochen: „Ich fühle mich sehr stark betroffen“. Aus diesem Grund hat sie als Mitglied des Fachschaftsrats Psychologie der Uni Mainz gemeinsam mit ihren Kommilitonen zwei Unterschriftenaktionen organisiert, die sich auf eine Petition des Deutschen Bundestages beziehen: „Wir möchten dafür ankämpfen, dass es Übergangsregelungen für uns gibt.“

Hintergrund

Problematisch an der momentanen Situation der Psychotherapeuten in der Ausbildung sind die Arbeitsbedingungen. Nicht nur müssen Betroffene ihre Ausbildungskosten selbst tragen, sondern werden sie in der Regel mit Praktikantengehältern abgefertigt - und das, obwohl sie meist voll an der Patientenversorgung beteiligt sind. Hinzu kommt, dass sie keinen klaren arbeits- und sozialrechtlichen Status besitzen. Das bedeutet, Psychotherapeuten in Ausbildung erhalten oft nicht die ihnen zustehenden Leistungen ihres Arbeitgebers.

Was soll durch die Reform verändert werden?

Um dieser Problematik entgegen zu wirken, wurde im Februar ein neues Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung erlassen. Im Wintersemester 2020 soll es erstmalig einen neuen Studiengang geben. Interessierte sollen künftig ein Direktstudium - bestehend aus einem drei-jährigem Bachelor- und einem zwei-jährigem Masterstudium - zur Ausbildung in der Psychotherapie an verschiedenen Universitäten aufnehmen können. Anschließend an das Studium sind bestimmte Weiterbildungen in stationären oder ambulanten Einrichtungen vorgesehen, die angemessen entlohnt werden sollen.

Was regelt die Reform nicht?

„Obwohl die Reform das beinhaltet, was wir seit Jahren fordern, gibt es immer noch viele Mängel“, berichtet die Studentin Nora Thierfelder. Eine große Problematik sieht Thierfelder in den angedachten Regelungen zum Übergang zwischen den beiden Ausbildungssystemen. Die Übergangszeit von zwölf Jahren, in der sowohl Bachelor-, Master-Studium als auch Ausbildung absolviert werden müssen, sei für viele Personen nicht einzuhalten. Nebenjobs, die Studenten häufig ausüben müssen, um ihr Studium beziehungsweise ihre Ausbildung zu finanzieren, führen zwangsläufig zu Verzögerungen im Studium. Auch plötzliche Krankheiten oder Schwangerschaften können die Studienzeit verlängern.

Diese Verzögerungen erschweren es den Betroffenen, die Ausbildung innerhalb der Frist abzuschließen. Wegen der wenigen Zeit, die Psychologie-Studenten durch die Reform für ihre gesamte Ausbildung bleibt, sei laut Thierfelder außerdem ein großer Ansturm auf die auslaufenden Ausbildungsplätze zu befürchten.

Hinzu kommt, dass die Reform aktuell Auszubildende der Psychotherapie benachteiligt. Es könnte sein, dass in naher Zukunft gewisse Parallelstrukturen und soziale Ungerechtigkeit zwischen angehenden Psychotherapeuten des alten und denen des neuen Systems entstehen. So verweist die Petition des Bundestags an dieser Stelle etwa auf die künftige Situation, die sich in psychiatrischen Kliniken abspielen wird.

Angehende Psychotherapeuten des neuen und des alten Systems werden dann nämlich für die gleiche Arbeit unterschiedlich bezahlt. Auszubildende des neuen Systems würden bereits angemessen vergütet werden, während Auszubildende des alten Systems für weniger Geld und ohne sozialrechtlichen Status arbeiten würden.

Forderungen

Deshalb fordern Kritiker des neuen Gesetzes - wie unter anderem der Fachschaftsrat Psychologie der Uni Mainz - entsprechende Übergangsregelungen. „Wir fordern, dass es den Studierenden oder Auszubildenden ermöglicht wird, vom alten ins neue System zu wechseln, ohne dabei von vorne anfangen zu müssen“, erklärt Thierfelder.

Es soll für Studenten, die ihr Bachelorstudium vor der Gesetzesänderung begonnen oder beendet haben, die Möglichkeit geben, quer in die neugeschaffenen Psychotherapie-Masterstudiengänge einzusteigen, so Thierfelder weiter. Damit das auch tatsächlich klappt, müsse ein ausreichendes Angebot geschaffen werden, was es den Studenten ermöglicht, verpasste Studieninhalte aufzuarbeiten. Außerdem sollen Ausbildungsinstitute von der Politik unterstützt werden, um auch bis zum Ende der Frist genügend Ausbildungsplätze für aktuelle Psychologie-Studenten oder Personen, die ihren Studienabschluss bereits erreicht haben, bereitstellen zu können.

Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, hat der Fachschaftsrat Psychologie der Uni Mainz zwei Unterschriftensammelaktionen organisiert. „Wir hoffen natürlich, dass wir viele Leute mit unserer Aktion erreichen“, sagt Thierfelder. Interessierte können sich am 15. Mai ab 14 Uhr vor dem Georg-Forster-Gebäude auf dem Campus der Uni Mainz an der Aktion beteiligen. Wer an diesem Tag verhindert ist, kann am 17. Mai ab 12 Uhr auf dem Leichhof in der Altstadt seine Unterschrift zu setzen. (pk)

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