Quarantäne-Studie: „Das hat uns hellhörig werden lassen“

Wie gut kommen die Menschen mit Quarantäne und sozialer Distanzierung zurecht? Dieser Frage ist Psychologie-Professor Michael Witthöft in einer Onlinestudie nachgegangen. Jetzt gibt es erste Ergebnisse – wir haben mit ihm gesprochen.

Quarantäne-Studie: „Das hat uns hellhörig werden lassen“

Seit Mitte März ist Deutschland im Ausnahmezustand: Die Menschen sollen möglichst zu Hause bleiben, draußen gilt ein Abstandsgebot von 1,5 Metern. Zudem mussten in den vergangenen Wochen viele Menschen komplett in Quarantäne, weil sie Kontakt zu Corona-Infizierten hatten oder womöglich selbst infiziert waren. Doch wie wirken sich Corona-Quarantäne und soziale Distanzierung auf die Menschen aus?

Dieser Frage ist das Psychologische Institut der Johannes Gutenberg-Universität nachgegangen (wir berichteten). Vom 25. März bis zum 13. April wurden in einer Onlinestudie 4200 Leute zu Quarantäne und sozialer Distanzierung befragt. Zwar ist die umfangreiche Studie noch nicht komplett ausgewertet, doch gibt es bereits erste Ergebnisse. Wir haben mit dem Leiter der Studie, Univ.-Prof. Dr. Michael Witthöft, gesprochen.

Herr Professor Witthöft, gab es denn überhaupt Vorbilder für Ihre Studie? Die Situation ist ja zumindest in Europa einzigartig.

In der Tat ist die Studienlage zu den Auswirkungen von Quarantäne und Social Distancing sehr dürftig. Im Januar erschien immerhin ein Artikel des Londoner King’s College zu der Situation in Wuhan. Aber das war es im Grunde auch schon. Umso wichtiger war es, dass wir jetzt schnell ein Stimmungsbild zu der aktuellen Situation in Deutschland bekommen.

Hatten Sie denn bestimmte Erwartungen gehabt, wie sich Quarantäne und soziale Isolierung in Deutschland auswirken könnten?

Wir hatten ausgehend von dem Londoner Artikel bestimmte Hypothesen. Die wichtigste war, dass die Situation negative emotionale Auswirkungen haben wird, dass sie zu Depressionen, Ängsten und Konflikten führen wird – und dass dies besonders Personen mit psychischen und körperlichen Vorerkrankungen trifft.

Wichtig ist: Es handelt sich bei der Studie trotz der hohen Teilnehmerzahl nicht um eine repräsentative Studie. Es haben mehr Frauen mitgemacht und auch mehr Menschen mit höherem Bildungsgrad, vor allem Studierende. Zwar haben wir eine breite Altersschicht von 16 bis 85 Jahren abgedeckt, aber dennoch ist es schwierig, Aussagen zu einzelnen Altersgruppen zu treffen.

Wie war die Onlinebefragung aufgebaut?

Am Anfang haben wir allgemeine Fragen gestellt: Ob die Person sich in Quarantäne befindet, Kontakt mit Infizierten hatte oder selbst infiziert ist. Interessanterweise waren demnach 36 Personen infiziert, also etwa 0,8 Prozent. Dann haben wir Fragen zur Wohnsituation und zur Familiensituation gestellt, ob sich Kinder im Haushalt befinden und inwieweit die Personen soziale Medien nutzen.

„Eine erhöhte Mediennutzung geht mit mehr Angst einher“ - Professor Witthöft

Warum soziale Medien?

Wir hatten die Vermutung, dass Menschen, die sich über die sozialen Medien besonders viel mit dem Virus beschäftigen, auch mehr negative Emotionen haben. Die bisherige Auswertung bestätigt das auch: Eine erhöhte Mediennutzung geht mit mehr Angst einher. Allerdings ist die Kausalrichtung unklar, frühere Studien gehen jedoch von einer Kausalität in beide Richtungen aus. Das heißt: Menschen, die sich viele Sorgen machen, suchen sich gezielt Informationen, um sich zu beruhigen. Häufig finden Sie aber Infos, die ihnen eher noch mehr Angst machen.

Was macht den Menschen am meisten zu schaffen?

Die meisten Beeinträchtigungen sehen die Teilnehmer im Bereich Freizeit (60 Prozent), gefolgt von beruflichen und emotionalen Einschränkungen (beides um die 40 Prozent). Zudem haben 17 Prozent der Teilnehmer angegeben, dass es zu Hause vermehrt zu Konflikten kommt. Das hat uns hellhörig werden lassen. Denn unsere Studie ist durch den höheren Bildungsstandard der Teilnehmer verzerrt, häusliche Konflikte sind wahrscheinlich ein noch größeres Problem, als es die Zahl aussagt.

Die Onlinebefragung erstreckte sich über den Zeitraum vom 25. März bis zum 13. April. Wurde die Situation denn im Laufe der Zeit negativer bewertet?

Wir haben bereits Kurven zu dem zeitlichen Verlauf gebildet und Probanden, die früh teilgenommen haben, mit denen verglichen, die zu einem späteren Zeitpunkt die Fragen beantwortet haben. Was wir zunächst gesehen haben: Die Zustimmung zu den Maßnahmen ist sehr hoch. Ab dem 4. April geht die extreme Zustimmung von etwa 90 Prozent signifikant runter, ist aber immer noch relativ hoch.

Was uns überrascht hat: Die negativen Auswirkungen von Quarantäne und sozialer Distanz verstärken sich im Laufe der Zeit nicht unbedingt. Wir hatten vor allem eine Zunahme der emotionalen Beeinträchtigung erwartet. Aber hier gibt es nur schwache Effekte. Das zeigt zum einen, dass die meisten Menschen relativ gut mit der Situation zurechtkommen. Zum anderen zeigt es aber auch die Schwäche unseres Studiendesigns, denn letztlich ist die Zeitspanne zu kurz. In den nächsten Wochen und Monaten werden sich die negativen Auswirkungen wohl verstärken.

„Diese Menschen leiden stärker unter der sozialen Distanz“ - Professor Witthöft

Wen trifft die Quarantäne jetzt schon besonders hart?

Das sind vor allem Menschen, die schon vor der Corona-Krise eine psychische Störung oder Vorerkrankung hatten, etwa eine Depression oder Angststörung. Diese Menschen leiden stärker unter der sozialen Distanz, machen sich auch signifikant mehr Sorgen um die eigene Erkrankung oder die von Angehörigen. Das war zwar schon vorher erwartbar, ist aber jetzt auch mit Daten belegt. Deshalb sollte man in Zukunft die Hilfsangebote noch spezifischer auf diese Gruppe fokussieren.

Zudem haben Menschen mit körperlicher Erkrankung signifikant höhere Sorgen. Deren Ängste beziehen sich aber sehr isoliert auf eine mögliche Covid-19-Erkrankung, sie leiden nicht so stark unter den Begleiterscheinungen der Corona-Maßnahmen.

War es die richtige Entscheidung der Verantwortlichen, keine Ausgangssperre, sondern „nur“ ein Kontaktverbot zu verhängen?

Das ist anhand dieser Daten nur schwer zu beantworten und natürlich sehr spekulativ. Ein Blick in Länder wie Frankreich oder Italien zeigt aber: Viele Menschen dürften erleichtert sein, dass sie nicht mit dieser vehementen Einschränkung zurechtkommen müssen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ralf Keinath. (mo)

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