Wie gefährlich wäre eine Impfpflicht für die Gesellschaft?

Professor Dr. Norbert Paul berät als Vorsitzender des „Ethikbeirats Coronaschutzimpfungen“ die Landesregierung bei ihrer Impfstrategie. Im Merkurist-Interview verrät er, wie er zu einer möglichen Impfpflicht steht.

Wie gefährlich wäre eine Impfpflicht für die Gesellschaft?

Professor Dr. Norbert Paul ist Mediziner, Direktor des „Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin“ an der Universitätsmedizin Mainz und gleichzeitig Vorsitzender des Klinischen Ethikkomitees. In dieser Funktion berät er auch die rheinland-pfälzische Landesregierung. Bereits im Januar sagte er gegenüber Merkurist: „Ich bin davon überzeugt, dass die Impfpflicht durch die Hintertür kommt…“ Inzwischen hat die Debatte um eine mögliche Impfpflicht an Fahrt aufgenommen. Wie beurteilt er die Lage nun, ein halbes Jahr später? Das hat er uns im Merkurist-Interview verraten.

Merkurist: Herr Professor Dr. Paul, laut aktuellen Einschätzungen müsste in Deutschland eine Impfquote von ungefähr 85 Prozent erreicht werden, damit die Herdenimmunität greifen könnte. Die Quote der vollständig Geimpften in Deutschland liegt aktuell bei rund 50 Prozent. Halten Sie es für realistisch, dass die 85 Prozent in Deutschland ohne eine Impfpflicht erreicht werden?

Prof. Dr. Paul: Es ist fraglich, ob bei der Dynamik, mit der Varianten von SARS-CoV-2 auftreten, das Ziel der Herdenimmunität überhaupt realistisch durch Impfungen erreichbar ist. Wahrscheinlich ist, dass wir in einem Mischbild aus Impfungen, genesenen Menschen oder Menschen, die einen stummen, unerkannten Infekt hatten, eine Grundimmunität in der Bevölkerungen erlangen werden.

Eine Studie der Universitätsmedizin in Mainz zeigt übrigens, dass die Zahl unerkannter Infektionen offenbar deutlich höher ist, als bisher angenommen (wir berichteten). Richtig ist auch, dass eine schnelle und umfangreiche Impfung die beste Strategie zur Eindämmung der oben beschriebenen Dynamik ist. Eine generelle Impfpflicht zur Erreichung der imaginären Marke von 85 Prozent halte ich derzeit daher für schwer begründbar, auch wenn ich mit Enttäuschung wahrnehme, wie viele irrationale und wenig solidarische Positionen dazu führen, dass unsere Impfquote derzeit schlecht ist.

Welche Positionen meinen Sie?

Offenbar ist das Prinzip der Verantwortung für sich und andere etwas aus der Mode gekommen. Wenn sich das pandemische Geschehen nicht eindämmen lässt, so wird es aber sicher auch in unserem Land Diskussionen darüber geben müssen, ob bestimmte Berufsgruppen – etwa in Pflege- und Heilberufen – einen gewissen Verpflichtungsgrad zur Impfung auferlegt bekommen. Frankreich hat die Impfpflicht für medizinisches Personal gerade recht forsch beschlossen. Bei uns sind die Impfquoten in diesem Bereich jedoch so hoch, dass derzeit eine Impfpflicht nicht erforderlich ist.

Welche Gefahren könnte eine Impfpflicht Ihrer Meinung nach mit sich bringen, halten Sie beispielsweise eine Radikalisierung von Impfgegnern für möglich?

Die Gefahr liegt in der Tat in einer Teilung der Gesellschaft in Impfwillige und Impfgegner, die – so fürchte ich – stark normativ aufgeladen sein würde und daher Radikalisierungen auf beiden Seiten Nährboden böte. Interessant ist freilich, wie kurz die Debatte um die Impfpflicht bei Masern war und wie offen man bereits jetzt diskutiert, dass es eine Impfpflicht gegen Malaria geben müsste, wenn erst einmal ein zugelassener Impfstoff verfügbar ist. Dass wir eine Impfpflicht bei Corona, einer Krankheit, die unseren Alltag so grundlegend verändert und die jeden direkt oder indirekt betrifft, so erhitzt und nicht mit kühlem Kopf führen, ist etwas, an dem wir arbeiten müssen.

Welche Modelle könnte die Bundesregierung anstelle einer Impfpflicht in Betracht ziehen, um mehr Menschen für die Corona-Schutzimpfung zu motivieren?

Ich denke, es ist kein Auftrag an das Regierungshandeln sondern an uns alle, für die Impfung zu werben. Die Bundesregierung sollte gemeinsam mit den Ländern einen niederschwelligen, bürokratiearmen Zugang zu einer schnellen Impfung sicherstellen, auch durch zugehende Impfangebote in Wohnquartieren und Einrichtungen wie Bildungs- und Ausbildungsstätten. Ethiker arbeiten freilich auch mit dem Konzept der Reziprozität.

Was bedeutet das?

Unkompliziert ausgedrückt: Der gegenseitigen Ausgewogenheit von Nutzen und Risiken zwischen Personen oder Gruppen. Im Klartext bedeutet das, dass es ethisch durchaus hinnehmbar ist, wenn Ungeimpfte etwa einer erweiterten Testpflicht unterliegen. Dies ist auch in bestimmten Bereichen, wie Gastronomie, Kulturveranstaltungen oder Sportereignisse geboten. Denn dort dient die Testpflicht ja auch dem Schutz derer, die aus medizinischen Gründen oder schlicht, weil sie zu jung sind, nicht geimpft werden können.

Was halten Sie von der Idee, Menschen mit Belohnungen von einer Corona-Schutzimpfung zu überzeugen? In Griechenland erhalten junge Menschen zum Beispiel teilweise Gutscheine im Wert von bis zu 150 Euro, wenn sie sich impfen lassen.

Solche Anreize werden in der Ethik immer mal wieder diskutiert. Ich sehe das als problematisch an. Zum einen werden Sie nicht allen einen gerechten Zugang zu einem „Impfbonus“ geben können. Zum anderen muss der Anreiz ja auch wegfallen, sobald ein definiertes Ziel erreicht ist. Wie aber wollen Sie das Ziel in einem dynamischen Geschehen definieren? Wie wollen Sie rechtfertigen, einen Impfbonus zu zahlen, während viele Menschen in anderen Ländern gar keinen adäquaten Zugang zu Impfstoffen haben?

Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Dr. Paul.

Logo