Präsidentin der Hochschule Mainz im Abschiedsinterview

Als Präsidentin der Hochschule Mainz startete Prof. Dr. Susanne Weissman am 1. März 2020 zum Beginn von Corona. Nach sechs Jahren endet ihre Amtszeit. Im Gespräch blickt sie zurück auf Krisen, Bauprojekte und den Kampf um Sichtbarkeit der Hochschulen

Präsidentin der Hochschule Mainz im Abschiedsinterview

Frau Prof. Weissman, Sie haben am 1. März 2020 angefangen – quasi mit Corona. Wie blicken Sie auf diese sechs Jahre?

Es waren sechs sehr anspruchsvolle, aber auch reiche und erfüllende Jahre. Als Präsidium konnten wir etliche Veränderungen anstoßen: Wir haben zum Beispiel neue Organisationseinheiten wie das Kompetenzzentrum Studium und Lehre geschaffen, das LUX hat sich in dieser Zeit hervorragend entwickelt, wir konnten unsere Drittmittel mehr als verdoppeln und wir haben in der Internationalisierung starke Akzente gesetzt.

Ihre Amtszeit war von Krisen begleitet: Pandemie, Energiekrise, Ukrainekrieg – zuletzt eine Cyberattacke. Fühlt sich das wie eine „Krisen-Präsidentschaft“ an?

Ich weiß nicht, ob ich es so beschreiben würde. Corona war ein Schicksal, das alle getroffen hat. Klar, ich kannte die Hochschule nicht und ich kannte Mainz nicht – aber ich fand, dass ich gut aufgenommen wurde und gut ankommen konnte. Und wir konnten trotz allem viele Dinge an Entwicklungsarbeit machen. Natürlich waren Situationen dabei, die wir alle so nicht kannten: keine Pandemie, eine Cyberattacke – da waren wir in Teilen vorbereitet, in anderen Teilen nicht. Und wir sind ja mit den Folgen des Angriffs auch noch beschäftigt.

Was bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?

Das Ankommen in der Stadt hat mich sehr geprägt. Mainz ist eine sehr herzliche, zuvorkommende Stadt. Ich habe überall offene Türen und ein offenes Ohr gefunden: bei der Stadt, beim Staatstheater, der IHK, dem Zentrum Baukultur – ich bin ja überall hin und habe mich vorgestellt, weil ich niemanden kannte.

Ein großes Thema war auch, die drei Fachbereiche stärker zusammenzubringen – und der Campus-Ausbau. Was ist Ihnen da gelungen?

Auf meiner Agenda stand, die drei Fachbereiche, die ja sehr als eigene Hochschulen gebaut sind, noch stärker zusammenzubringen. Und natürlich war die Hoffnung, dass der Umzug wie geplant 2023 stattfinden würde. Den haben wir noch nicht, weil der Bau nicht fertig geworden ist. Es gab eine Schlüsselübergabe, aber das ist noch keine Inbetriebnahme.

Wo stehen die Fachbereiche derzeit – und wann erfolgt der Umzug?

Technik und Gestaltung sind noch in der Holzstraße. Zeitbasierte Medien bleiben zunächst in der Wallstraße, bis das Medienhaus gebaut ist. Alle anderen sind hier. Der Umzug wird in diesem Jahr erfolgen – das Wintersemester startet für alle am gemeinsamen Campus.

Gibt es einen „dritten Bauabschnitt“?

Davon gehe ich nicht aus. Es gibt auch vom Land die Regel, dass wir Flächen effizienter nutzen sollen – das halte ich für richtig. Wir haben außerdem „Lucy“ am Campus angefangen: ein Bau in Eigenregie, vor der Straßenbahnhaltestelle. Das war ein studentischer Wettbewerb, wir bauen das mit eigenen Bordmitteln. Da bekommen wir noch einmal zusätzliche Arbeitsfläche für Studierende. Und wir haben leicht rückgehende Studierendenzahlen. Vor diesem Hintergrund sehe ich im Moment keinen Bedarf für ein drittes Bauobjekt.

Und das viel diskutierte Medienhaus – kommt das?

Ja, das wird kommen. In der Planung soll in diesem Jahr der Spatenstich stattfinden. Es wurde auch deutlich gemacht, dass dieses Haus gebaut wird und im Haushalt eingestellt ist. Das ist ein gemeinsames Projekt mit der JGU. Aber: Aus heutiger Perspektive sehe ich keinen zusätzlichen Flächenbedarf für die Hochschule insgesamt – das Medienhaus ist vor allem relevant, damit die zeitbasierten Medien dann dort einziehen können.

Welche Themen waren Ihnen inhaltlich besonders wichtig?

Mir war wichtig, den Hochschultypus – Hochschule für angewandte Wissenschaften – mit seinen Vorzügen bekannter zu machen. Ich habe gemerkt, dass zu wenigen Personen, auch auf Entscheiderinnen-Ebene in der Politik, deutlich ist, was eine HAW ausmacht und welchen Wert sie hat: die soziale Durchlässigkeit, die Anwendungsorientierung, die starken Kooperationen mit der Industrie und auch mit Kulturorganisationen – und dieses Hineinwirken in Gesellschaft und Region.

Dazu zählen dann auch Aktionen, die nicht nach klassischer Hochschule aussehen – Fastnachtswagen oder „Mainz leuchtet“?

Ja. Ein Fastnachtswagen gehört zur DNA von Mainz, das ist ein Kulturgut. Und „Mainz leuchtet“ hat viel mit regionaler Zusammenarbeit zu tun. Und es ist ein Wirtschaftsfaktor, wenn sehr viele Menschen in die Stadt kommen und Gastronomie und Handel nutzen. Das ist Teil davon, in die Region hineinzuwirken.

Ein anderes großes Thema: das Promotionsrecht für HAW. Was bedeutet das konkret?

Das war mir ein großes Anliegen. Wir haben heute die Urkunden für die Cluster verliehen bekommen. Ich fand wichtig, diese nächste Qualifizierungsstufe zu öffnen – auch für unsere Absolventinnen. Kooperative Promotionen gibt es, aber auf Augenhöhe sind sie nicht immer. Eine Promotionsmöglichkeit, die industrienäher ist als an der Universität, eröffnet Karriereoptionen: nicht nur akademisch, sondern auch für Forschung und Entwicklung in Unternehmen.

Gleichzeitig stehen Hochschulen unter finanziellem Druck. Wie ist die Lage in Mainz?

Rheinland-Pfalz ist über die Jahre nicht schlecht aufgestellt, eher verbessert. Für Mainz kann ich sagen: Wir haben einen Neubau, wir sind auf einem okayen Stand. Natürlich muss man auch sehen, Planungen sind alt, Anforderungen ändern sich – zum Beispiel durch digitale Lehre. Wir haben bewusst investiert, auch bei „Lucy“, um gut ausgestattet zu sein.

Stichwort „Management in Zeiten dauerhafter Unsicherheit“ – was heißt das praktisch?

Pandemie und Cyberattacke sind Ereignisse, von denen man wusste: Irgendwann kommt sowas. Aber wenn es da ist, müssen Sie anders entscheiden und anders steuern. Ohne Pandemie hätte ich gesagt: Wir starten sofort einen Strategieprozess. Mit Pandemie standen andere Themen im Vordergrund, man konnte teilweise nur auf Sicht fahren. Bei einer Cyberattacke müssen Dinge ad hoc entschieden werden, Troubleshooting – und dann müssen Strukturen greifen, Gremienwege, mittelfristige Aufstellung. Das erfordert anderes Handeln als „Business as usual“.

Wie verändert KI die Lehre?

Das ist eine riesige Herausforderung, weil sich KI wahnsinnig schnell entwickelt und wir mit dem Kompetenzaufbau kaum hinterherkommen. Wir haben aber ein Kompetenzzentrum Lehre aufgebaut, das es vorher so nicht gab – mit Expertinnen und Experten, die sich explizit mit KI-Kompetenz für Studierende und Lehrende beschäftigen. Man muss mehr von KI verstehen als nur gut zu prompten: Reflexionsfähigkeit, Quellenkritik, Bilder lesen können – zu merken, wenn etwas nicht stimmen kann. Lehre verändert sich inhaltlich stark.

Es wird auch wieder über Präsenzpflicht diskutiert. Wie sehen Sie das?

Es kommt aufs Fach und aufs Modul an. Es gibt Inhalte, die kann man sich im Selbststudium aneignen oder über Online-Vorlesungen. Aber im Labor müssen Sie vor Ort stehen. Und: Was wir brauchen, ist Begleitung für Diskussion. Wenn Reflexions- und Diskursfähigkeit wichtig sind – auch in puncto Demokratiefähigkeit – dann muss man das in Präsenz und im Dialog üben. Das geht nicht hinter Kacheln. Wir brauchen beides.

Sie haben viel über Kultur und Dialog in Organisationen gesprochen. Was war Ihnen da wichtig?

Welche Kultur möchte man in einer Organisation? Ich fand es nicht leicht, drei unterschiedliche Kulturen vorzufinden. Und an solchen Kulturgrenzen lernt man auch: Wie tolerant bin ich, wie viel Fremdheit halte ich aus? Reden wir miteinander oder übereinander? Mir war wichtig zu sagen: Wir sind so gut, wie wir gut miteinander sind. Ich vergleiche eine Hochschule eher mit einem Orchester. Da sind tolle Musikerinnen – aber damit es ein Stück wird, müssen sie gut zusammenspielen. Wenn jeder sein Solo nebeneinander spielt, gibt das einfach keinen guten Gesamtklang.

Ist es Ihnen gelungen, die Fachbereiche näher zusammenzubringen?

Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist. Aber ich denke, etwas angestoßen zu haben, dass es perspektivisch tragen könnte.

Zum 1. März übernimmt Ihre Nachfolgerin.

Ja, Frau Dahm ist ab 1. März im Amt. Sie kommt aus der Hochschule, war bislang meine Gleichstellungsbeauftragte und ich habe sie in dieser Funktion sehr schätzen gelernt. Sie ist Wirtschaftsrechtlerin und bringt damit sicher nochmals ganz neue Perspektiven mit in das Amt.

Was nehmen Sie persönlich aus Mainz mit – und was kommt danach?

Ich gehe nach Nürnberg zurück, weil meine Familie dort lebt. Mainz ist wirklich sehr liebenswert – man kommt hier gut an und geht schwer weg. Ich habe mir nichts Konkretes vorgenommen. Ich möchte die Zeit eher offen lassen und schauen, was mich interessiert.

Zum Schluss: Hat Ihnen Ihr Hintergrund als Psychologin im Amt geholfen?

Ja, das hat mir an manchen Stellen geholfen, Dinge anders einzusortieren, anders zu verstehen und auch mal einen Schritt zurückzugehen und zu gucken: Was mache ich da gerade?