Netflix-Dreh in Gonsenheim? Das hatte es mit dem Filmset auf sich

An einem Oktoberwochenende sah es so aus, als würde in Gonsenheim ein Film gedreht werden. Tatsächlich ging es aber um etwas ganz anderes. Wir haben mit dem Initiator gesprochen.

Netflix-Dreh in Gonsenheim? Das hatte es mit dem Filmset auf sich

Oldtimer stehen mitten auf der Straße, Menschen, die aussehen, als kämen sie aus den 60er Jahren, laufen um sie herum und immer wieder hört man das Knipsen einer Kamera – diese Szenerie hat sich den Anwohnern der Gonsenheimer Straße „An der Finnensiedlung“ am vergangenen Samstag (9. Oktober) geboten. Die Produktion sah scheinbar so aufwändig aus, dass sich eine Merkurist-Leserin fragt, ob der Streaming-Riese Netflix in Gonsenheim dreht.

Moritz Koch freut diese Frage. Denn auch wenn der 21-jährige Mainzer keine Filme für Netflix produziert, sollen seine Sets nach wochenlanger Planung an Filmkulissen erinnern. Als Fotokünstler plant und inszeniert er filmische Szenen auf den Mainzer Straßen und fotografiert sie dann. Bei jedem Shooting entsteht ein neues Foto einer Reihe, die er dann ausstellt – die Themen sind immer gesellschaftskritisch, so auch bei seiner Produktion in Gonsenheim. Bei der sechs- bis achtteiligen Reihe, die daraus entstehen soll, geht es um die Kluft zwischen Fakten und populistischen Meinungen.

„Wir erleben immer wieder, dass Menschen von der wissenschaftlich fundierten Meinung abweichen und sich von populistischen, emotionalen Meinungen beeinflussen lassen.“ - Moritz Koch, Fotokünstler

„Die Protagonistin ist eine künstlich geschaffene Person, die auf die Welt kommt und versucht, die Menschen für existenzielle Dinge, wie beispielsweise den Klimaschutz, zu sensibilisieren“, erklärt der Mainzer seine Idee. Sie sei allerdings sehr rational geschaffen, habe den Umgang mit Emotionen nie gelernt und stoße deshalb an ihre Grenzen. „Und das lässt sich auf unsere heutige Situation beziehen. Wir erleben immer wieder, dass Menschen von der wissenschaftlich fundierten Meinung abweichen und sich von populistischen, emotionalen Meinungen beeinflussen lassen“, sagt Koch. Seine Fotos sollen die Menschen dazu bringen, darüber nachzudenken, wie man trotzdem argumentieren und miteinander diskutieren kann.

Fotokünstler will Kunst zugänglicher machen

Dass seine Sets so auffällig sind, ist Absicht. Zum einen mache es ihm Spaß, die Produktionen ganz detailliert und aufwändig zu planen und mit unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten. „Die Atmosphäre am Samstag war zum Beispiel wieder total schön, weil alle Spaß an dem Projekt haben“, sagt er. Alle Statisten und Produktionsmitarbeiter sind unentgeltlich dabei. Oft handelt es sich um Studenten oder Schauspieler, die dabei etwas lernen oder das Ergebnis als Referenzen nutzen. Für das Foto bekomme Koch selbst auch kein Geld, sondern lediglich Fördermittel bei Ausstellungen, die er dann wieder in Equipment stecke. „Es geht wirklich einfach nur um Gesellschaftskritik und Spaß an der Kunst.“ Außerdem wolle er die Kunst wieder zugänglicher machen, indem er seine Sets vor Ort direkt bei den Menschen aufbaut. „Am Samstag kamen sogar Anwohnerinnen und Anwohner mit Weingläsern nach draußen, um sich das Ganze anzusehen. Genau das finde ich so schön.“

Zwei Fotos aus der neuen Reihe kann man sich bereits in der Ausstellung „The Wake Up Call 2“ in der Stadtgalerie in Neu-Isenburg ansehen. Der Rest wird dann in einer weiteren Ausstellung zu sehen sein. Und das nächste Foto dafür ist auch schon in Planung. „Am 20. November planen wir wieder ein Shooting in Mainz“, sagt Koch. „Dabei wollen wir eine Beerdigung inszenieren. Der Ort steht noch nicht ganz fest, wir hoffen aber natürlich, dass wir einen Friedhof nutzen können.“

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