Zwischen zwei Welten: Mainzer MMA-Kämpfer Tyrone Pfeifer

Der 26 Jahre alte Mixed-Martial-Arts-Kämpfer Tyrone Pfeifer aus der Mainzer Altstadt bestreitet seinen nächsten Kampf.

Zwischen zwei Welten: Mainzer MMA-Kämpfer Tyrone Pfeifer

Wenn Tyrone Pfeifer morgens um 5:30 Uhr aufsteht, dann nicht, weil der Wecker klingelt – sondern weil der Tag ruft. Zwei Trainingseinheiten, eine zweite Masterarbeit und der ganz normale Alltag. Der Tagesplan des 26 Jahre alten Mixed-Martial-Arts-Kämpfers aus der Mainzer Altstadt ist nichts für Halbherzige. „Ich gehe mit 110 Prozent durchs Leben“, sagt er. Keine leere Floskel. Eher ein innerer Antrieb.

Geboren 1998 im Paulinenstift in Wiesbaden, aufgewachsen in Schierstein, studiert an der JGU Mainz – und mit dem Herzen auf der Matte seines Kampfsport-Gyms. 1,76 Meter groß, aktuell 82 Kilo schwer, US-amerikanische Wurzeln, keine Tattoos, leise Ausstrahlung. Doch sobald Tyrone von einem seiner Kämpfe erzählt – 30 Sekunden, 5000 Zuschauer, ein K.o.-Sieg – blitzen in seinen Augen Entschlossenheit und Stolz. Oder wenn er berichtet, wie seine Mutter, einst strikt gegen Kampfsport, plötzlich nach einem Fight mit im Oktagon stand. „Das war größer als jeder Sieg.“

Der Weg in den Käfig

Zum Kampfsport kam er über Umwege – und einen kleinen Trick seines Vaters. Er meldete seinen damals 17-jährigen Sohn heimlich zum Kickboxen an. Heute sagt Tyrone: „Es war das Beste, was mir passieren konnte.“ Nach rund 30 Kämpfen wechselte er schließlich ins MMA – „meine neue Passion“.

Seit 2019 ist der Weltergewichtler fester Bestandteil des „Trans4mer Sports“-Teams. Wer die Kampfsportschule in der Adam-Karillon-Straße 18a betritt, landet nicht in einem durchgestylten Fitnesspalast, sondern in einem Raum voller Tradition, Sandsäcken und natürlich Matten. Ein ganz spezielles Flair. „Hier finde ich alles, was ich brauche: starke Sparringspartner, gutes Coaching, ein echtes Miteinander.“

Mittlerweile steht Tyrone im Weltergewicht bei 6:1. Auf die einzige Niederlage seiner Karriere im vorletzten Kampf folgte die passende Antwort und der bisherige Höhepunkt: Im November 2025 gewann er bei „The Cage“ den Titel im Weltergewicht – durch Submission in Runde vier. Ein Statement-Sieg, der über die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen wurde.

Kurz darauf meldete sich Oktagon MMA – die größte MMA-Organisation Europas. Tyrone unterschrieb. Der nächste Schritt auf einer deutlich größeren Bühne. Am 7. März gibt er nun sein Debüt in der Barclays Arena in Hamburg – vor rund 12.000 Zuschauern. Gegner: Marek Bartl. Der Kampf wird live auf RTL+ übertragen. Für Tyrone ist es mehr als nur ein weiterer Fight. Es ist die Eintrittskarte in eine neue Liga.

Zwischen Hörsaal und Härte

Wenn er nicht gerade schlägt, tritt oder taktiert, schreibt der Geographie-Student an seiner Masterthesis – Thema: „Klimaanpassung in wachsenden Städten am Beispiel Mainz und Leipzig.“ Trocken? Vielleicht. Aber es passt zu ihm: ehrgeizig, strukturiert, interessiert.

Sein Rückzugsort ist die Altstadt. Die Christuskirche im Blick seiner kleinen Einzimmerwohnung. Tyrone liebt Spaziergänge am Rhein, das Treiben am Fischtorplatz, elektronische Musik bei „bouq“-Events an der Alten Portland in Weisenau – und die Momente, in denen neue Ideen entstehen. „Manchmal traue ich mir etwas nicht zu. Aber wenn ich’s dann gemacht habe, ist es immer eine Bereicherung.“

Kontrolle statt Chaos

Oft sind Menschen überrascht, wenn sie erfahren, welcher Sportart sich der 26-Jährige widmet. „Ich bin kein aggressiver Typ“, sagt Tyrone. „Aber viele verbinden mit MMA genau das.“ Für ihn steht der Sport für Respekt, Entwicklung, mentale Stärke. „Im Käfig lernst du, mit Druck umzugehen – das hilft auch im Alltag.“

Als Top-20-Kämpfer Deutschlands ist seine größte Waffe nicht nur die linke Gerade – sondern seine Präsenz. „Ich gebe nicht auf. Ich gehe durchs Feuer, wenn es sein muss.“ Körperlich bedeutet das: explosive Fäuste. Mental: Ruhe, Fokus, ein stabiles Mindset. Heute weiß er: Er darf genießen, was er sich aufgebaut hat.

Der nächste Schritt

Ein Ziel verfolgt der junge Mann mit aller Konsequenz: den Sprung in die UFC – die Königsklasse des MMA. Der Vertrag bei Oktagon ist dafür ein entscheidender Zwischenschritt.

Noch finanziert der Sport ihn nicht vollständig. Nebenbei arbeitet Tyrone in einem Supermarkt, um seinen Lebensunterhalt zu sichern – und steht trotzdem zweimal täglich im Training. Ein Spagat zwischen Existenz und Elite.

Die große Bühne will er nun auch strategisch nutzen: Durch seine Kämpfe und die wachsende Aufmerksamkeit hofft er, Sponsoren zu gewinnen, um sich künftig vollständig auf den Sport konzentrieren zu können. Dafür arbeitet der gebürtige Hesse hart.

Was Tyrone auch in schwierigen Phasen antreibt? Die Frage: „Bin ich schon am Limit – oder geht da noch was?“ Seine Botschaft an alle, die mit dem Gedanken spielen, Kampfsport auszuprobieren? „Einfach hingehen. Machen. Der schlimmste Satz ist: ‚Hätte ich mal‘. Gerade Frauen will ich ermutigen – das ist kein Männersport.“

Wurzeln und Werte

Wenn er über Vorbilder spricht, fällt oft der Name Muhammad Ali. Ein Kämpfer mit Haltung, Stil und Stimme. Doch die stärksten Prägungen stammen von zu Hause. „Mein Vater steht für Gelassenheit und Lebensfreude, meine Mutter für Ehrgeiz und Disziplin. Zwei komplett verschiedene Menschen – aber beide haben mir auf ihre Weise gezeigt, wie man kämpft.“

Und sein größter Traum?

„An einem Sommerabend mit meiner Familie am Tisch sitzen, lachen, zurückblicken – und sagen können: Wir haben was geschafft.“ Vielleicht nach einem Sieg vor 12.000 Menschen. Vielleicht mit Blick auf eine Weltkarriere. Vielleicht einfach mit Blick auf sich selbst.