Cannabis-Legalisierung: Eine gute Idee?

Die Ampelkoalition hat Pläne, den Cannabis-Konsum zu legalisieren. Doch was halten diejenigen von der Idee, die täglich mit Cannabis-Konsumenten in Kontakt kommen? Wir haben mit einem Mainzer Kinderneurologen und einer Suchtberatung gesprochen.

Cannabis-Legalisierung: Eine gute Idee?

Alle drei möglichen Partner der Ampelkoalition sprechen sich für einen regulierten legalen Verkauf von Cannabis für den Freizeitgebrauch an Erwachsene aus. Bisher darf Cannabis hierzulande nur zu medizinischen Zwecken gehandelt und verkauft werden. Das Argument der Parteien: Werde Cannabis kontrolliert verkauft, könne so der illegale Schwarzmarkt eingedämmt werden, zum Schutz der Jugendlichen und um einer Sucht vorzubeugen. Auch sei es falsch, dass Cannabiskonsumenten prinzipiell kriminalisiert würden. Ein Verbot sei wenig effektiv, denn es koste viel, aber dämme den Konsum nicht ein.

Nun warnte die deutsche Ärzteschaft: Eine Legalisierung könne Gesundheitsrisiken zur Konsequenz haben und dadurch auch Folgen für die medizinische Versorgung. Es gebe aus mehreren Ländern Hinweise, dass eine Legalisierung von Cannabis auch zu einem Anstieg des Konsums sowie zu einer Zunahme canna­bis­bedingter Notaufnahmen führe, so der Konsens der Ärzte. Auch der psychiatrische Behandlungsbedarf sei erhöht.

Könnte eine Legalisierung also dazu führen, dass noch mehr Cannabis konsumiert wird und die Hemmschwelle zum Konsum gesenkt wird? Mainzer Experten sind da unterschiedlicher Meinung.

Das sagt der Klinikarzt

Prinzipiell sollten Kinder vor Drogen geschützt werden, auch vor Cannabis, sagt Dr. Helge Gallwitz, Chefarzt der Kinderneurologie in der Rheinhessen-Fachklinik. „In der öffentlichen Debatte wird bei dem Thema aber zu wenig differenziert, so wurde bisher wenig kommuniziert, was nun legalisiert werden soll.“ Dabei gebe es große Unterschiede, was die Gefahr einer Abhängigkeit betreffe. Bei Cannabis müsse man unterscheiden zwischen den „Wildpflanzen vom Balkon“, die unter Umständen sogar weniger schädlich als die „Droge Alkohol“ sein könnten, und den Drogen, die etwa auf Schulhöfen verkauft werden. „Der THC-Gehalt von Cannabispflanzen und damit auch die Wirkung und die Risiken schwanken stark und nehmen durch Anbaumethodik und Zucht zu – mit entsprechenden Risiken.“

„Drogenkonsum ist schwer steuerbar, vom Rausch zur Notaufnahme ist es oft nur ein kurzer Weg“ – Dr. Helge Gallwitz

Tatsächlich hat sich der Gehalt des psychoaktiven Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) in den letzten Jahren verdreifacht, er beträgt inzwischen bis zu 22 Prozent. Bei medizinischem Cannabis liegt der THC-Anteil in Deutschland zwischen unter 0,05 und 10,2 Prozent. Gallwitz plädiert dafür, bei Cannabis – wie bei Alkohol – ein abgestuftes System als Grundlage zu nehmen. Das eigentliche Problem seien die Beimischungen, die die Droge chemisch strecken. So komme es immer wieder zu Vergiftungen. Doch fragt sich Gallwitz, wie das künftig zu kontrollieren sei. „Drogenkonsum ist schwer steuerbar, vom Rausch zur Notaufnahme ist es oft nur ein kurzer Weg.“

Eine große Rolle würden auch Persönlichkeit des Konsumenten und Vorerkrankungen spielen, beispielsweise Ängste. Ebenso sei die Art der Einnahme (rauchen, essen), die Dauer des Konsums, die Frequenz und die Dosis mit ausschlaggebend dafür, welche Wirkung, welches Suchtpotential und welche Langzeitfolgen die Droge für den einzelnen habe. „Eine globale Freigabe birgt sicher besondere Risiken und ist meines Erachtens auch für Erwachsene abzulehnen“, sagt der Arzt.

Auch dass mit einer Legalisierung der Konsum zurückgehe, bezweifelt Gallwitz: „Die Wirtschaft ist daran interessiert, dass es ein Suchtmittel wird.“ Wie beim Alkohol lohne es sich für Hersteller erst, wenn täglich konsumiert werde. Auch der Staat könnte durch eine Legalisierung enorm profitieren. Laut einer aktuellen Studie würden die öffentlichen Haushalte jedes Jahr insgesamt mehr als 4,7 Milliarden Euro an Mehreinnahmen und Einsparungen verzeichnen. Das ermittelte ein Forscherteams um den Ökonomieprofessor an der Universität Düsseldorf, Justus Haucap.

Eine Legalisierung würde also die Gefahren, die mit Cannabis einhergehe, nicht verhindern. „Die Politik müsste klar sagen, wie erreicht werden kann, den Missbrauch zu senken“, fordert Gallwitz.

Der Suchthilfebeauftragte

Erste Anlaufstelle für Drogenkonsumenten in Mainz ist oft die Jugend- und Drogenberatungsstelle „Brücke“. Hier soll, wenn der Konsum schon nicht zu verhindern ist, ein risikobewusster Konsum gefördert werden. Ziel sei ein „verantwortungsbewusster Umgang mit Suchtstoffen“, so Dr. Artur Schroers, Suchthilfebeauftragter der Landeshauptstadt Mainz. In die Beratungsstelle kommen vor allem Menschen, die Probleme durch den Konsum illegaler Drogen haben, wie Cannabis, Kokain und Amphetamin, oder durch legale Suchtstoffe wie Alkohol.

Sollte die kontrollierte Cannabisabgabe eingeführt werden, würden zusätzliche „Aufgaben auf die Prävention und auf den Jugendschutz zukommen“. Junge Erwachsene müssten mehr informiert, über Risiken aufgeklärt und in die Lage versetzt werden, „verantwortungsvoll Cannabis konsumieren zu können“. Auch brauchte es mehr Angebote in der Beratung und zur Bewältigung von Problemen.

„Eine kontrollierte Abgabe von Cannabis würde das Risiko von Verunreinigungen der Substanzen quasi auf null reduzieren“ – Dr. Artur Schroers

Anders als der Kinderneurologe Gallwitz meint Schroers, dass Cannabis dann aber nicht mehr auf dem illegalen Drogenschwarzmarkt besorgt werden müsste. Denn in der aktuellen politischen Diskussion gehe es um eine kontrollierte statt einer unkontrollierten Abgabe von illegalem Cannabis, „wie sie derzeit auf dem Drogenschwarzmarkt stattfindet“, so Schroers. So werde auch eine legale Abgabe für unter 18-Jährige nicht diskutiert.

„Eine kontrollierte Abgabe von Cannabis zum Beispiel über Apotheken oder lizenzierte Fachgeschäfte würde das Risiko von Verunreinigungen der Substanzen durch zusätzliche Streckmittel oder Beimengungen quasi auf null reduzieren.“ Bisher sei Jugendschutz auf dem Schwarzmarkt nahezu unmöglich. Eine Legalisierung würde hier neue Möglichkeiten bieten. „Das Thema Cannabiskonsum könnte leichter angesprochen werden, da es nicht mehr in dem Maße tabuisiert wäre wie bislang.“ Da Cannabisbesitz zudem in Deutschland häufig strafrechtlich nicht verfolgt werde, sei auch die Motivation, gesetzliche Normen zu erfüllen, eher schwach.

„Jugendliche und junge Erwachsene sind mehrheitlich für eine kontrollierte Abgabe von Cannabis“, weiß Schroers aus Beratungsterminen. Oft verstünden die Menschen nicht, warum Alkohol – im Gegensatz zum Konsum von Cannabis – ab einem bestimmten Alter nicht strafbar sei. „Jugendlichen erscheint die Gleichsetzung von ‘illegal’ und ‘gesundheitlich gefährlich’ in Bezug auf Alkohol und Cannabis mitunter als doppelmoralisch, so dass Prävention leider schnell als unglaubwürdig erlebt wird.“

Hinweis: Nach Erscheinen des Ursprungsartikel wurden auf Wunsch von Dr. Helge Gallwitz einige weitere Aussagen von ihm ergänzt.

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