Wie geht es Obdachlosen-Helfern während der Corona-Krise?

In der Mainzer Pfarrer-Landvogt-Hilfe engagieren sich viele Menschen für Obdachlose in Mainz. Doch während der Corona-Krise geraten nun auch die Helfer an ihre Grenzen.

Wie geht es Obdachlosen-Helfern während der Corona-Krise?

Seit mehr als 40 Jahren engagieren sich die Ehrenamtler der Pfarrer-Landvogt-Hilfe (PLH) für Mainzer, die ohne festen Wohnsitz leben. Zweimal am Tag gibt es Essen und Getränke auf der Zitadelle, außerdem können die Obdachlosen vor Ort duschen oder sich mit frischer Kleidung versorgen. Doch die Corona-Krise hat die Arbeit der PLH erheblich erschwert.

Guido Meudt ist Erster Vorsitzender des Vereins, gegenüber Merkurist sagt er: „Wir haben ein Hygienekonzept ausgearbeitet, das immer wieder den aktuellen Bestimmungen angepasst wird.“ Maximal 15 Personen dürfen sich nun für 30 Minuten in den Räumen der PLH aufhalten. Wer essen oder duschen möchte, erhält ein Kärtchen. Ein Farbsystem regelt, wer wann an der Reihe ist. „30 Minuten sind nicht viel Zeit. Viele Menschen müssen sich dann entscheiden, ob sie die Zeit lieber zum Duschen oder zum Essen nutzen wollen“, erklärt Meudt.

Belastung steigt

Meudt rechnet vor: „Seit Beginn der Corona-Krise im März haben wir mit unserem Team aus Ehrenamtlern rund 4200 Abendessen zubereitet, in etwa dieselbe Zahl an Vormittagsverpflegung und dazu rund 900 Lunchpakete.“ Das sei eine deutliche Steigerung zum üblichen Pensum. Vor Corona hätten zwei Personen die Vormittagsverpflegung durchgeführt, inzwischen sind die PLH-Ehrenamtler zu viert. Eine Belastung, die viele vor allem psychisch an ihre Grenzen bringt. „Ich bin inzwischen fast täglich da. Tragische Schicksale erlebe ich nun also beinahe jeden Tag. Das geht an die Substanz“, so Meudt. Es sei schwerer geworden, eine Distanz zum manchmal offenkundigen Elend aufzubauen.

„Die Leute halten sich an die Vorgaben, sind diszipliniert. Es ist ihnen vielleicht auch noch mal deutlicher bewusst geworden, dass wir uns hier die Zeit nehmen und uns um sie kümmern.“ - Guido Meudt

Das Verhalten der Obdachlosen habe sich während der Corona-Krise verändert - zum Guten. „Viele sind sich der besonderen Situation bewusst. Die Leute halten sich an die Vorgaben, sind diszipliniert. Es ist ihnen vielleicht auch noch mal deutlicher bewusst geworden, dass wir uns hier die Zeit nehmen und uns um sie kümmern“, sagt Meudt.

Auch Schüler engagieren sich

Auch Claus-Christian Speck engagiert sich ehrenamtlich in der PLH. Im Alltag arbeitet als Lehrer am Mainzer Willigis-Gymnasium / Realschule, mit einer 9. Klasse hat er eine AG ins Leben gerufen. „Mit der Sozial-AG haben wir sonst einmal im Monat für die Obdachlosen gekocht. Jetzt mache ich das mit Freunden und Bekannten seit drei Monaten täglich. Bis zu 70 Gäste haben wir dann“, erklärt Speck. Nachdem Obdachlose, die in Hotels untergebracht waren wieder ausziehen mussten und die Schlaf-Container am Fort Hauptstein geräumt worden sind (wir berichteten), nutzen immer mehr Obdachlose das Angebot der PLH. „Sonst hat ein Zentner an Lebensmitteln pro Abend gereicht. Jetzt kommen wir mit dieser Menge an unsere Grenzen“, sagt Speck.

Die Lebensmittel erhält die PLH größtenteils über Spenden von Bäckerei-Ketten, Restaurantbetreibern oder Lebensmittelkonzernen. Als Büros und Schulen während der Corona-Schutzmßnahmen komplett geschlossen bleiben mussten, unterstützten die Kantinen die PLH. „In deren Kühlräumen waren die Lebensmittel bereits vorrätig. Wir durften uns dann sozusagen bedienen“, sagt Speck. Als zwischenzeitlich die Mainzer Tafel geschlossen bleiben musste, sei es für die PLH einfacher als üblich gewesen, an Lebensmittel zu gelangen. Speck sagt: „Natürlich herrscht bei der Lebensmittelvergabe Konkurrenz mit der Tafel und den Brotkörben. Daran arbeiten wir gerade – damit nicht nur verteilt, sondern auch fair geteilt wird. Wir wollen keinen Wettlauf zwischen den Organisationen.“

Auch auf Privat-Spenden ist die PLH angewiesen. Laut Meudt benötigt der Verein rund 100.000 Euro jährlich, um den Betrieb aufrecht erhalten zu können. Dazu stehen Großprojekte wie die Sanierung des Außenbereichs an. Einen Zuwachs der Spendenbereitschaft habe man während der Krise zwar nicht sehen können, sagt Meudt, das Niveau sei aber ungefähr gleich geblieben. „Und das ist für uns ehrlich gesagt schon ein gutes Zeichen. „Schließlich sind viele Menschen in Kurzarbeit oder in Sorge um ihren Job.“

Wer die Pfarrer-Landvogt-Hilfe unterstützen möchte, findet hier weitere Informationen. (df)

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