Abgehängt in Mainz? Wie die Zukunft von Marienborn aussieht

Als einer der kleinsten Stadtteile von Mainz gleicht Marienborn fast einer Wohnsiedlung: Einzelhandelsgeschäfte haben über die Jahre geschlossen. Der Ortsvorsteher erzählt, wie es dazu kam und wie die Zukunft des Stadtteils aussehen könnte.

Abgehängt in Mainz? Wie die Zukunft von Marienborn aussieht

Nach Drais ist Marienborn Stand 2025 mit 4488 Einwohnern der kleinste Stadtteil von Mainz. Ein Merkurist-Leser bezeichnete Marienborn in seinem Snip als reine „Wohnsiedlung“. Um dieser Behauptung auf den Grund zu gehen, haben wir mit Ortsvorsteher Dr. Claudius Moseler (ÖDP) geredet und uns Pläne der Stadt angeguckt. Was sagen sie über die Zukunft von Marienborn aus?

Viele Geschäfte über die Jahre geschlossen

Im Gespräch mit Merkurist erzählt Moseler rückblickend die Geschichte Marienborns. Über die Jahre hätten viele Geschäfte geschlossen: Ein Selbstbedienungsmarkt, ein Sparkassen-Standort, zuletzt eine Bäckerei und ein Metzger. Letztere hätten keine Nachfolge gefunden. Eine Pizzeria wurde sogar „ohne Begründung“ geschlossen. Auch der Gesundheitsbereich ist betroffen: Eine Apotheke habe erst den Eigentümer gewechselt und dann ebenfalls geschlossen; zwei Arztpraxen seien in ein Ärztehaus an der Haifa-Allee gezogen.

Nur das kleine im Ortskern liegende Geschäft „Reginas Lädchen“ und ein Kiosk im Wohnraum „Am Sonnigen Hang“ bleiben in Marienborn. Damit gibt es keine weiteren Einzelhandelsgeschäfte mehr, bei denen sich die Einwohner von Marienborn selbst versorgen können. Sonst befinden sich in dem Stadtteil unter anderem ein Geldautomat neben „Reginas Lädchen“, zwei Kindergärten bzw. -tagesstätten, eine Grundschule, verschiedene Vereine sowie die Freiwillige Feuerwehr.

Gutenberg Center in Bretzenheim zieht Kundschaft an

„Schuld“ daran ist laut dem Ortsvorsteher einerseits die schwierige wirtschaftliche Situation, ein Geschäft zu übernehmen oder zu gründen — Selbstständigkeit berge zu große Unsicherheit. Andererseits bezeichnet Moseler das Gutenberg Center in der Haifa-Allee im benachbarten Stadtteil Bretzenheim als „Planungsfehler“ der Stadt. Dieses liegt direkt angrenzend an Marienborn und ist für die Einwohner mit öffentlichem Nahverkehr und Auto schnell erreichbar. Dadurch hätten es viele Geschäfte in Marienborn schwerer gehabt.

Das schildert auch die Inhaberin von „Reginas Lädchen“: Seit 2023 der Drogeriemarkt „Müller“ in dem Einkaufscenter geöffnet habe, laufe Regina Riechardts Geschäft nicht mehr gut. Vom Angebot gleicht ihr Laden einem Kiosk — gleichzeitig ist er für die Marienborner aber auch eine Anlaufstelle für die Post. „Es kommen immer weniger Leute, die etwas bei mir kaufen. Heute mache ich eigentlich kaum mehr als Pakete aushändigen und zur Retoure annehmen“, so Riechardt gegenüber Merkurist.

Stadt schreibt zentralen Versorgungsbereich vor

Trotz des benachbarten Einkaufcenters schreibt die Stadt Mainz in Marienborn einen Einzelhandelsstandort vor: Im „Zentrenkonzept Einzelhandel“ erläutert die Stadt Ziele und Leitlinien, die in Bezug auf die Einzelhandelsstruktur in den verschiedenen Stadtteilen umgesetzt werden müssen. Dazu zählen beispielsweise, wie auf Seite 1 des Konzepts geschrieben: „Erhalt und Verbesserung der wohnungsnahen, fußläufig erreichbaren Versorgung der Bevölkerung mit Waren des kurzfristigen und periodischen Bedarfs, damit allen (auch immobilen) Einwohnern ein adäquates Einzelhandelsangebot zur Verfügung steht.“

Um diesen Anforderungen nachzukommen, sollte ein Versorgungsbereich in den Ortskern von Marienborn gebaut werden. Unter anderem soll damit die Kaufkraftbindung im Stadtteil erhöht werden. Da allerdings Grundstückflächen fehlen und andere Standorte als ungeeignet begründet wurden, ist die Errichtung im Ortskern nicht mehr möglich: Der neue Einkaufsmarkt soll nun am Rande von Marienborn errichtet werden.

Neuer Einkaufsmarkt und dritte Kita in naher Zukunft

Dieses größeres Projekt scheint sogar bald realisierbar. Laut Beschlussvorlage der Landeshauptstadt Mainz (Stand 29. Juli 2026) soll damit eine in Marienborn „seit vielen Jahren bestehende Versorgungslücke“ geschlossen werden und eine Rückholung des Umsatzes erfolgen: Der Bebauungsplan „Am Kirchenpfad (MA 33)“ sieht vor, einen kleinen Einkaufsmarkt mit Bäckerei und Parkplatz sowie eine neue Kindertagesstätte zwischen dem Sportplatz „An der Kirschhecke“ und der Altkönigstraße in Marienborn zu setzen. Dort liegt momentan noch landwirtschaftliche Ackerfläche.

Die Zugänge zur Kita und zum Einkaufsmarkt werden voneinander getrennt sein. So soll die Kita nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad über die Straße „An der Kirschhecke“ erreichbar sein. Dort soll auch ein kleiner Parkbereich eingerichtet werden.

Der Einkaufsmarkt hingegen soll über die Altkönigstraße mit dem Auto und für den Lieferverkehr erreichbar sein. Damit ist er auch an die Autobahn A63 angebunden, wodurch der Stadtteil durch aufkommenden Verkehr nicht zusätzlich belastet werden würde. Außerdem soll der Einkaufsmarkt laut Moseler auch an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen werden.

Umweltmaßnahmen als Ausgleich

Da nun ein Teil der Fläche versiegelt wird, sind aus Umweltschutzgründen Ausgleichsmaßnahmen geplant. Dafür sollen in zwei unterschiedlich großen Bereichen in Richtung der Autobahn Wiese, Bäume und Büsche gepflanzt werden. Diese Ausgleichsmaßnahmen decken die jetzige Fläche nicht vollständig ab, weswegen in den Stadtteilen Laubenheim und Weisenau weitere Ausgleichsflächen geplant sind. Der Bericht der Stadt stellt für die erforderlichen Maßnahmen Kosten von circa 378.000 Euro in Aussicht.

Ebenfalls sollen die Flachdächer der Kita und des Einzelhandelsgeschäfts begrünt und möglicherweise mit Photovoltaik ausgestattet werden. Da die Erweiterung neben der A63 liegt, sind besondere Lärmschutzmaßnahmen an der Kita geplant.

Zwischen dem Bebauungsplan „Am Kirchpfad (MA 33)“ und der Altkönigstraße soll außerdem der örtliche Friedhof vergrößert werden. Dafür gibt es laut Moseler derzeit allerdings keinen Bedarf: „Nach unserem Wunsch soll er verkleinert werden, um einen Standort für eine neue Feuerwache zu realisieren. Da sind wir dran.“

Der Bebauungsplan und die Änderung zum Flächennutzungsplan befinden sich momentan noch in der zweiten Planstufe. Dazu sagt Moseler: „Ab hier geht in der Regel nichts mehr schief.“ Der Satzungsbeschluss werde dann von Ortsbeirat, Bauausschuss und Stadtrat beschlossen.

Kritik am Bauvorhaben

Angesichts der Planungen zeigt sich Riechardt im Gespräch mit Merkurist nicht begeistert. Ihrer Meinung nach benötige es keinen Einkaufsmarkt, da im Nachbarort Bretzenheim genügend Einkaufsmöglichkeiten bestünden.

Sie habe ihr Geschäft vor 14 Jahren übernommen und wolle auch erst einmal weitermachen, obwohl es sich bis auf die Poststelle mittlerweile nicht mehr lohne. Riechardt erklärte, dass die Mehrheit Produkte nun im Internet kaufe, daher sei es auch nicht verwunderlich, wenn selbstständige Geschäfte wie ihres verschwinden würden. „Dann ist das Geschrei groß, wenn ich weg bin. Aber etwas für den Erhalt tun, bei mir etwas kaufen, das tun sie nicht.“

Auf eine potenzielle Marktkonkurrenz wird im Zentrenkonzept eingegangen. So steht auf Seite 43: „Eine gegenseitige ‚Kannibalisierung‘ der beiden Standorte erscheint rechnerisch unwahrscheinlich.“ Sowohl „Reginas Lädchen“ als auch der Kiosk am Sonnigen Hang erfüllten nämlich eine andere Marktnische im unmittelbaren nachbarschaftlichen Umfeld als der geplante Einkaufsmarkt.

Was in Marienborn noch in Aussicht steht

Über das große Bauprojekt hinaus werden aktuell Bushaltestellen für die Barrierefreiheit umgebaut. Auch eine DHL-Paketstation wird in die Nähe der Freiwilligen Feuerwehr in die Straße „An der Kirschhecke“ bei der Ecke Feldweg errichtet. Sie habe ursprünglich vor der Ortsverwaltung gestanden und sei wegen Umbauten des Vorplatzes abgebaut worden, erklärt Moseler. Außerdem möchte der Ortsvorsteher für den Lärmschutz ein Tempolimit auf der A63 im Bereich Marienborn auf 80 km/h erreichen. „Bisher ist es nur auf 100 km/h runtergeregelt worden, was natürlich auch schon ein Teilerfolg ist“, sagt er im Gespräch mit Merkurist.

Moselers politischer Einfluss ist allerdings begrenzt. Als Ortsvorsteher sei er nur beratendes Gremium und könne Gespräche mit der Bevölkerung führen, für Projekte werben und die Stadt konstant bearbeiten, damit sie Projekte in Marienborn früher angehen. Hinsichtlich des Bauvorhabens „Am Kirchpfad (MA 33)“ zeigt sich Moseler aber zuversichtlich: „Das ist ein Projekt, von dem wir alle profitieren werden.“