Wie geht es mit dem 9-Euro-Ticket weiter? Das sagt ein Verkehrsexperte

Das 9-Euro-Ticket kann noch bis Ende des Monats genutzt werden, doch schon längst ist eine Diskussion um ein Nachfolge-Ticket entbrannt. Wir haben mit einem Verkehrsexperten darüber gesprochen.

Wie geht es mit dem 9-Euro-Ticket weiter? Das sagt ein Verkehrsexperte

Für 9 Euro pro Monat mit allen deutschen Nahverkehrsmitteln reisen: das geht mit dem 9-Euro-Ticket noch bis Ende August. Ab September kosten Bus- und Bahnfahrten wieder deutlich mehr Geld, dazu kommt noch, dass der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) seine Preise deutlich angehoben hat (wir berichteten). Doch wie geht es nach dem 9-Euro-Ticket weiter?

Diskutiert werden derzeit verschiedene Modelle, die auf das 9-Euro-Ticket folgen könnten. Doch zu welchem Preis könnte der Ticket-Nachfolger kommen? Und wer finanziert ihn?

Das sagt der Mobilitätsexperte

Prof. Dr. Andreas Knie ist Politikwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Hochschullehrer an der TU Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Mobilitätsforschung. Gegenüber Merkurist erklärt Knie: „Man kann durchaus sagen, dass das 9-Euro-Ticket bisher ein Erfolg war.“ Laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen sind bis jetzt rund 38 Millionen 9-Euro-Tickets verkauft worden, dazu kommen knapp zehn Millionen Abonnenten, die das Ticket automatisch erhalten haben. „Viele der Menschen, die sich ein 9-Euro-Ticket gekauft haben, haben den ÖPNV bereits länger nicht mehr genutzt. Sie wurden sozusagen reaktiviert als ÖPNV-Nutzer“, sagt Knie.

Was der Verkehrsexperte besonders hervorhebt: „Das Ticket war in aller Munde, jeder sprach plötzlich darüber. Dazu ist der Preis von 9 Euro ein Schnäppchen und man darf nicht vergessen: Eine Fahrkarte, die überall in Deutschland gültig ist - das gab es noch nie.“ Der ÖPNV sei demnach durch das 9-Euro-Ticket wesentlich attraktiver geworden. Kritisch sieht Knie dagegen, dass das Projekt nur auf den kurzen Zeitraum von drei Monaten angelegt ist. „Drei Monate sind zu kurz. Eine Laufzeit von einem Jahr wäre viel besser gewesen.“ Die Menschen müssten Routinen entwickeln und den ÖPNV in ihren Alltag integrieren, damit sie nicht nach den drei Monaten wieder abspringen, so Knie.

Knie spricht sich für Nachfolgemodell aus

Dass es wegen der Ferienzeit zu überfüllten Zügen und Bussen gekommen war, sei ebenfalls nicht von Vorteil gewesen. Dazu kommt, dass es in Ballungsgebieten wie dem Ruhrgebiet oder rund um Berlin ebenfalls zu langen Wartezeiten und vollen Zügen kam. Besonders verzwickt war die Lage in Gebieten, die auch noch touristisch stark genutzt werden, erklärt Knie.

Der Mobilitätsexperte hofft nun, dass ein Nachfolger für das 9-Euro-Ticket kommt. „Es ist wichtig! Wir sind in der Klimakrise und brauchen dringend Alternativen zum Auto. Das 9-Euro-Ticket war der erste richtige Start in die Suche nach einer Alternative.“ Viele Menschen hätten sich durch das Sonderticket an Busse und Bahnen zurückerinnert: „Sie hätten auch deutlich skeptischer reagieren können.“ Knies Vorschlag: Ein Ticket für 29 Euro im Monat, also 365 Euro im Jahr. Das würde dann aber nicht nur für S-Bahnen und Busse im ganzen Land gelten, sondern auch noch für die letzten Meter vom Bahnhof bis zur Haustür. „Die Nutzer würden dann über ein Gutscheinsystem kostenlos mit dem Taxi bis vor die Haustür gefahren werden oder von dort zum Bahnhof.“ Doch wie soll das bezahlt werden?

Laut Knies Berechnungen würde ein solches Ticket-Modell Mehrkosten von 12 bis 15 Milliarden Euro verursachen und das pro Jahr. Die Finanzierung könnte laut dem Mobilitätsforscher so aussehen: Würde die Bundessubventionierung auf Diesel entfallen, würde das die ersten 7 Milliarden Euro einbringen. Würde die steuerliche Vergünstigung auf Dienstwagen entfallen, kämen weitere rund 3,5 Milliarden Euro dazu. Wenn dazu noch die Pendlerpauschale abgeschafft würde, kämen laut Knie nochmals rund 3,5 Milliarden Euro zusammen - also insgesamt knapp 14 Milliarden Euro.

„Es gibt keinen Anspruch auf einen Zug ganz für einen alleine. Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir das eben aushalten.“ - Prof. Dr. Andreas Knie

Knie, der laut eigener Aussage täglich im Nah- oder Fernverkehr unterwegs ist, hat auch seine ganz persönlichen Erfahrungen mit dem ÖPNV in Zeiten des 9-Euro-Tickets gemacht. „Es waren deutlich mehr Menschen an Bahnhöfen und in den Zügen, die sonst nicht damit gefahren sind. Dazu zählen meiner Erfahrung nach auch Menschen, die offenbar eher einkommensschwach sind“, sagt er. Volle Züge seien dabei ein notwendiges Übel: „Es gibt keinen Anspruch auf einen Zug ganz für einen alleine. Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir das eben aushalten. Und ich finde, es war bisher auszuhalten.“

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