Schädlingsbekämpfung: In Naturschutzgebieten darf gespritzt werden

Der Obstbau soll die Artenvielfalt fördern, die Mainzer Landwirte wollen nachhaltiger werden. Gleichzeitig sei eine Schädlingsbekämpfung auch in Naturschutzgebieten unumgänglich.

Schädlingsbekämpfung: In Naturschutzgebieten darf gespritzt werden

Normalerweise dürfen Landwirte und Winzer in Naturschutzgebieten keine Pflanzenschutzmittel, die Unkraut- und Insekten vernichten, spritzen. Das besagt eine neue bundesweite Verordnung. Doch die rheinland-pfälzische Landesregierung hat Ausnahmen von diesem Verbot geschaffen. Demnach dürfen die Mittel in bestimmten Fällen nun auch in Naturschutzgebieten gespritzt werden.

Gefordert hatte das der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd (BWV). Bei einem Gespräch mit Landwirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP) in Heidesheim am Donnerstag sagte der Präsident des Verbands, der Obstbau sei ein „Hotspot der Artenvielfalt in diesen Arealen“ und solle als solcher auch erhalten bleiben. Gleichzeitig sei „ohne die Möglichkeit der Bekämpfung von Schädlingen wie Kirschfrucht- und Kirschessigfliege der Anbau von Kirschen, Aprikosen und Pflaumen nicht möglich“, so Eberhard Hartelt. Es sei nun erforderlich, die Ausnahmen langfristig zu gewähren, damit die Betriebe Planungssicherheit hätten.

Vereinbarkeit von Landwirtschaft und Naturschutz sei wichtig

In vielen Naturschutzgebieten rund um Mainz sei der Obstbau wichtiger Bestandteil. Durch ein generelles Verbot von Mitteln zur Schädlingsbekämpfung würde dieser verschwinden. „Für die Biodiversität und die Förderung einer regionalen Lebensmittelproduktion wäre dies absolut kontraproduktiv“, so Hartelt. Die Vereinbarkeit von Landwirtschaft und Naturschutz sei wichtig, der Erhalt der Artenvielfalt stehe weiterhin im Fokus. In vielen Projekten seien Maßnahmen erarbeitet worden, in denen Ökonomie und Ökologie „in Einklang“ gebracht würden.

Der Obstbau habe in Rheinhessen eine lange Tradition, sagt auch Cosima Lindemann, Vorsitzende des Naturschutzbunds (NABU) Rheinland-Pfalz. „Diese sind überwiegend konventionell bewirtschaftet, es kommen also chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel zur Anwendung.“ Tatsächlich seien gerade im Anbau von Steinobst, beispielsweise Kirschen und Zwetschgen, Alternativen rar, um Würmer zu verhindern. Bio-Kirschen aus Deutschland seien daher kaum zu bekommen.

Die Naturschutzverbände hätten sich zwar über das bundesweit geltende Verbot von Pflanzenschutz in Naturschutzgebieten gefreut, „denn endlich sollen Naturschutzgebiete deutschlandweit ganz und gar unter dem Zeichen des Naturschutzes stehen – ohne Ausnahme auch nicht für die Landwirtschaft“, so Lindemann. In Rheinhessen diene der Obstbau in manchem Schutzgebiet sogar als Schutz und sei in den Gebietsverordnungen als solcher verankert.

Eine „Zwickmühle“ für Naturschutz und Landwirtschaft

Doch sei das Verbot gleichzeitig „eine Zwickmühle“ sowohl für den Obstbau, der so kaum noch wirtschaften könne, als auch für den Naturschutz. „Die Alternative zur aktuellen Bewirtschaftung wäre das Roden der Obstbäume und ein Umschwenken hin zum Ackerbau“, sagt Lindemann. Denn dieser sei deutlich einfacher auch ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel möglich. Dann würden aber auch die Schutzgebiete ihren jetzigen Charakter verlieren. „Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass künftig noch mehr Obst in unseren Supermärkten aus Italien, Holland oder Spanien käme“. Das wiederum wäre mit weiteren Transportwegen verbunden. Entscheidend sei daher, regional angepasste Konzepte zu entwickeln.

BWV-Präsident Hartelt betonte, dass sich die Landwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit entwickle. „Vor diesem Hintergrund sind die Betriebe auch bestrebt, den Pflanzenschutz auf das absolut notwendige Maß zu reduzieren.“ Das sei künftig vor allem durch die zunehmend modernen und digitalen Techniken sowie präzisere Prognosemodelle möglich. Dazu sei eine finanzielle Förderung sowie Beratung notwendig. So forderte der BWV-Präsident, den Personalbestand entsprechend aufzustocken, „um den eingeschlagenen Weg erfolgreich gehen zu können“.

Ausnahmeberechtigt vom Verbot an Pflanzenschutzmitteln sind laut dem Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau generell Betriebe, die mehr als 30 Prozent Ackerkulturen oder mehr als 20 Prozent Sonderkulturen in einem oder mehreren Naturschutzgebieten bewirtschaften. Demnach könnten Obstkulturen „ohne Insektizide weder integriert noch ökologisch bewirtschaftet werden“.

Logo