Manuela Matz: Radwege und ÖPNV in Mainz sind eine „Katastrophe“

Sie ist die Kandidatin der CDU für die OB-Wahl am 12. Februar 2023: Im Merkurist-Interview erklärt Manuela Matz, wie sie Unternehmen unterstützen will und welche Visionen sie für die Verkehrsinfrastruktur in Mainz hat.

Manuela Matz: Radwege und ÖPNV in Mainz sind eine „Katastrophe“

Bereits seit vier Jahren ist Manuela Matz (CDU) als Wirtschaftsdezernentin der Stadt Mainz tätig, zuständig für Stadtentwicklung, Ordnung, Tourismus und Landwirtschaft. Zuvor führte sie mit ihrem Ehemann Dirk Loomans ein Unternehmen für Datenschutz und Informationssicherheit. Nun hat ihre Partei sie als Kandidatin für das Amt des Oberbürgermeisters ins Rennen geschickt.

Merkurist: Frau Matz, eine Ihrer zentralen Wahlkampfaussagen lautet: „Mainz braucht den Wechsel“. Den Wechsel zu was eigentlich?

Manuela Matz: Den Wechsel zu einer Stadt, die sauberer ist, die grüner ist, in der sich alle Verkehrsteilnehmer sicherer bewegen können. In den vergangenen vier Jahren konnte ich hautnah erleben: Wo kann man nachbessern? Auch deshalb habe ich mich dazu entschlossen, als Oberbürgermeisterin zu kandidieren.

Als Michael Ebling im Oktober praktisch über Nacht rheinland-pfälzischer Innenminister wurde, war Ihnen da sofort klar, dass Sie als seine Nachfolgerin kandidieren würden?

Nein. Auch wenn Ebling als Kandidat für den Posten des Innenministers gehandelt wurde, hat mich die Entscheidung in dieser Geschwindigkeit schon überrascht – die Mainzer SPD im Übrigen noch mehr. Zuerst habe ich mich gefragt, was diese Entscheidung für mich als Dezernentin und meine Arbeit bedeutet. Aber bereits kurz danach reifte die Entscheidung in mir, selbst zu kandidieren.

Bei der letzten OB-Wahl trat noch der parteilose Nino Haase für die CDU an, diesmal kandidiert er unabhängig von Ihrer Partei. War eine erneute Kandidatur von Herrn Haase eine Option für die CDU?

Natürlich war das eine Überlegung, schließlich hat er es 2019 in die Stichwahl gegen Michael Ebling geschafft und auch dort ein beachtliches Ergebnis eingefahren. Aber gerade nach einigen personellen Wechseln in der CDU in den letzten Jahren ist es unser Anspruch, in die Regierungsverantwortung zu kommen und stärkste Kraft zu werden. Deswegen war schnell klar, dass wir selbst gute Leute in unseren Reihen haben.

„Das halten die Unternehmen nicht mehr lange durch.“

Sie sind Wirtschaftsdezernentin, ist die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt ein Schwerpunkt in Ihrem Wahlprogramm?

Gerade was Gründerförderung angeht, waren wir bisher schon sehr stark in der Wirtschaftsförderung. Wir haben über 50 Veranstaltungen im Jahr mit Themen für Gründer. Das soll natürlich weiter vorangetrieben und auch ausgebaut werden. Und unsere Mittelständler machen sich gerade viele Sorgen wegen der allgemeinen Situation. Corona war schon ein harter Schlag für sie, nun kommen die Energiekrise und die Inflation. Wir schauen, wie wir als Kommune helfen können und wollen dem Bund Druck machen. Ich bin nämlich sehr verärgert darüber, dass die Unterstützung, die schon Mitte des Jahres zugesagt worden war, so lange auf sich warten lässt. Bisher ist erst ein Bruchteil von dem, was als Summe ausgelobt wurde, ausgezahlt worden. Das halten die Unternehmen nicht mehr lange durch.

Wie kann eine Stadt wie Mainz die Händler hier vor Ort nun unterstützen?

Zum Beispiel durch Beratung. Wir können Händlern aufzeigen, welche Hilfen ihnen zustehen. Das bringt aber nur etwas, wenn der Bund dann auch liefert. Aber einzelne Unternehmen retten, das können wir als Stadt natürlich nicht leisten. Ich war selbst Unternehmerin und weiß daher sehr gut, welche Sorgen einen da umtreiben.

Auch die Ansiedlung neuer Unternehmen ist in Ihrem Wahlkampfprogramm ein wichtiger Punkt.

Ja, denn nur wenn eine Kommune Einnahmen erzielt, kann sie guten Gewissens Geld ausgeben. Dafür müssen wir jetzt deutlich in die Wirtschaft investieren. Wir müssen beim Thema Biotechnologie schnell sein. Denn jetzt ist das Eisen noch heiß und kann geschmiedet werden. Leider lernen wir gerade, dass andere Städte uns in Sachen Biotechnologie 30 Jahre voraus sind. Wir müssen Cluster bilden, Netzwerke aufbauen.

Mal abgesehen von der Biotechnologie: Gibt es auch Firmen in anderen Branchen, die sich Ihrer Meinung nach vermehrt in Mainz ansiedeln könnten?

Alle reden vom Klimawandel, den gibt es und der wird kommen. Ich bin überzeugt, dass wir ihn verlangsamen können, aber das geht nur mit Ökotechnologie. Meine Vision ist es, dass wir zusätzlich zu den Biotechnologie-Clustern auch solche für Ökotechnologie in Mainz schaffen. Also Firmen ansiedeln, die als Kerngeschäft diese Klimaanpassung haben oder die Verlangsamung der Erwärmung, also CO2-Reduktion und ähnliche Themen. Und damit müssen wir jetzt endlich anfangen.

Sie wollen sich außerdem dafür einsetzen, die Mainzer Innenstadt grüner zu machen. Welche Stellen haben Sie im Auge?

Zum Beispiel bei Beeten und Hochbeeten in Mainz: Es wurde ja viel über Schottergärten gesprochen, aber wenn ich mich so umsehe, finde ich, dass auch in den Beeten und Hochbeeten in Mainz zu viele Steine sind. Viele Ecken in Mainz könnten auch einfach grundsätzlich grüner gestaltet werden. Es gibt zum Beispiel eine alte Metro-Bahn-Linie in New York, die auf einem Hochplateau ist und komplett begrünt wurde. Links und rechts von der Begrünung führt dort nun ein Fußgängerweg entlang, warum machen wir so etwas ähnliches nicht auch in Mainz?

So eine Idee gab es ja mal für die Mombacher Hochbrücke

Ja, genau. Man muss sich wirklich überlegen, ob man manche Dinge nicht einfach noch mal eine Ebene höher legt. Es gibt ja auch eine interessante Idee mit dem Velodukt, das Fußgänger und Radfahrer von der Uniklinik bis zur Johannes Gutenberg-Universität bringen soll. Spannend finde ich zum Beispiel auch Fahrradhochstraßen, wie es sie in Kopenhagen oder den Niederlanden gibt. Über die kann man dann radeln, ohne mit dem Verkehr unten in Berührung zu kommen. Warum schauen wir also nicht mal in Mainz, was noch möglich ist? Aber zurück zur grüneren Innenstadt: Ich denke, die Erwärmung der Stadt wird auch ein immer größeres Thema in Zukunft. Daher ist es sinnvoll, wieder mehr Wasser in die Innenstadt zu bringen.

„Warum nicht mal einen Wasserspielplatz in die Innenstadt legen?“

Wie soll das aussehen?

Warum nicht mal einen Wasserspielplatz in die Innenstadt legen? Oder die vielen Bäche in Mainz wieder offenlegen? Ich habe das in Freiburg erlebt, wo viele Bäche durch die Stadt laufen: Man muss sich daran gewöhnen, kriegt vielleicht manchmal nasse Füße, aber es macht die Stadt auch schöner.

Welcher Platz sollte aus Ihrer Sicht besonders dringend grüner werden?

Der Münsterplatz. Er ist das Entrée unserer Stadt, über ihn kommen unsere Gäste vom Bahnhof in die Innenstadt, doch der Platz ist eigentlich nur grau. Die Hochbeete vor Ort sehen nicht schön aus, es fehlen richtige Bäume.

Trotz zahlreicher Diskussionen um ÖPNV und Radfahrer betonen Sie in Ihrem Wahlprogramm, auch Autofahrer nicht aus den Augen verlieren zu wollen. Was sind Ihre konkreten Pläne?

Dass manche Menschen auf das Auto schlichtweg angewiesen sind, fällt derzeit aus dem Blickfeld. Es gibt viele Gründe dafür, aber einer ist sicher: dass unser ÖPNV nicht für jede Mainzerin und jeden Mainzer als Alternative wahrgenommen wird. Den Alltag mit dem ÖPNV zu bewerkstelligen, ist für viele kaum möglich. Wenn die ganze Familie in die Innenstadt fahren will, ist das Parkhaus günstiger als Bus oder Bahn. Derzeit sollen Autos aus der Stadt raus, aber es fehlt die Alternative, das halte ich für den falschen Weg.

Mein Sohn hat sein Studium in München aufgenommen, und wie er mir berichtet, ist man dort schon viel weiter. Es gibt Pendlerparkhäuser, in denen das Kennzeichen erfasst wird und in denen man dann 24 Stunden für einen Euro parken kann, bevor man in der Nähe in den ÖPNV umsteigen kann. Wer länger als 24 Stunden stehen bleibt, zahlt den Aufpreis dann stündlich, womit Dauerparken verhindert oder zumindest erschwert wird.

Ist das ein Modell für Mainz?

In der Generaloberst-Beck-Straße in Hechtsheim gibt es beispielsweise ein Parkhaus am Studentenwohnheim, das man nach diesem Vorbild nutzen könnte. Aber wir müssen uns auch überlegen, an welchen anderen Stellen wir das strategisch umsetzen könnten.

Wie stehen Sie zum 49-Euro-Ticket, das im kommenden Jahr eingeführt werden soll?

Wir sollten noch radikaler denken! Das 1-Euro-Ticket müssen wir hier in der Stadt einführen, wenn der ÖPNV dadurch angenommen wird. Wir haben nun die finanziellen Möglichkeiten dazu, und ich denke, der ÖPNV muss noch stärker subventioniert werden. Wir müssen aber nicht nur im ÖPNV mehr Geld in die Hand nehmen. Wenn zum Beispiel keine zusätzliche Rheinbrücke mehr gebaut werden soll, wie wäre es mit einem Tunnel? Der Rhein ist nicht so tief, dass das unmöglich wäre. Klar, das kostet Geld, aber wir müssen in Infrastruktur investieren. Auch in Radwege, die sind nach zwölf Jahren der Grünen im Stadtvorstand nämlich eine Katastrophe, genauso wie der ÖPNV.

„Ideologisch geprägte Auswahl der Tempo-30 Straßen“

Nochmal zurück zum Autoverkehr in Mainz, wie stehen Sie zu den vielen Tempo-30-Zonen in Mainz, vor allem in Bezug auf den Klimaschutz?

Tempo 30 ergibt nur dann Sinn, wenn wir in der Stadt einen besseren Verkehrsfluss haben. Denn wenn man nur an den Ampeln steht, spart man auch kein CO2. Daher halte ich die aktuell teils sehr ideologisch geprägte Auswahl der Tempo-30 Straßen für falsch. Ich bin nicht gegen Tempo 30, aber mit mehr Augenmaß und Verstand. Es gibt Bereiche, da ist Tempo 30 angemessen, besonders dann, wenn es um Kinder geht, Schulen oder Kindergärten. Da müssen sich die Autofahrer zurückhalten.

Weiterhin Thema ist auch der Wohnraum in Mainz, vor allem aber auch der sozial geförderte. Wie würden Sie als Oberbürgermeisterin das Problem beheben wollen, dass sozialer Wohnraum fehlt?

Das ist eine ganz wichtige Frage und hat auch in meinen Augen eine ökologische Komponente: Je näher man am Arbeitsort wohnt, desto besser ist es eigentlich für das Klima. Und da müssen wir ran. Oberbürgermeister Ebling war auch mit dem Thema „neuer Stadtteil für Mainz“ angetreten. Das ist aus meiner Sicht auch absolut notwendig. Und wir müssen vor allen Dingen auch wieder dazu kommen, dass wir Wohnraum für junge Familien schaffen, die ihre Kinder mit kleinem Gärtchen großziehen wollen. Das ist in letzter Zeit komplett vernachlässigt worden, eigentlich wurde immer nur in Etagen investiert.

Weil sie gerade den neuen Stadtteil, den Herr Ebling damals aufgemacht hat als Thema, angesprochen haben: Wo sehen Sie da Potenzial?

Ein neuer Stadtteil bedeutet, dass man von einem bestehenden Stadtteil Fläche herausschneiden muss, ganz einfach gesagt – ob das jetzt ein Stadtteil wird oder ob man ein organisches Wachstum bei einem Stadtteil macht. Daher sollten wir hier sehr vorsichtig vorgehen. Mein Vorschlag: Wir schauen, wo man noch eine Flächenentwicklung an Stadtteile heran realisieren kann. Ich glaube, dafür gibt es in Mainz Akzeptanz.

Würden mit der zusätzlichen Flächennutzung nicht auch wieder Frischluftschneisen für die Stadt wegfallen?

Wenn man so einen neuen Stadtteil oder Stadtbereich plant, muss das Thema Ökologie natürlich eine Rolle spielen. Das fängt bei Dachbegrünung an, über Photovoltaik und energetischer Heizung. Es gibt auch gute Möglichkeiten, Stadtteile zu entwickeln, die ökologisch sehr gelungen sind. In Freiburg gab es zum Beispiel das erste ökologische Stadtviertel, das in Deutschland gebaut wurde. So etwas könnte ich mir gut für Mainz vorstellen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Sandra Werner und Peter Kroh.

Logo