Ist der Neubrunnenplatz der neueste „Schandfleck“ von Mainz?

Am Neubrunnenplatz sollen sich Wohnungslose zuletzt wiederholt ungebührend verhalten haben - so zumindest die Einschätzung einiger ansässiger Gewerbetreibender. Doch wie ist die Situation tatsächlich zu bewerten, was sagen die zuständigen Behörden?

Ist der Neubrunnenplatz der neueste „Schandfleck“ von Mainz?

Schockierend sind die Bilder vom Neubrunnenplatz, die die Merkurist-Redaktion in diesen Tagen von Lesern erreichen. Darauf zu sehen sind Menschen, die scheinbar ungeniert in aller Öffentlichkeit ihre Notdurft auf offener Straße oder auf einem Mülleimer sitzend verrichten, mutmaßlich betrunken auf den Treppen des Brunnens liegen oder sich mit freiem Oberkörper auf einer Bank für Passanten breitmachen. Leserin Sarah bedauert, was dort aktuell am Neubrunnenplatz passiert. Sie meint, dass der Platz der neue „Schandfleck“ von Mainz ist.

Mit ihrer Meinung löst Sarah eine hitzige Diskussion unter den Lesern aus. Einige können ihre Sicht der Dinge nicht nachvollziehen. So kommentiert Anja: „Der Neubrunnenplatz ist einer der wenigen Orte auf die ‘Mainz lebt auf seinen Plätzen’ noch zutrifft. Die verschiedenen sozialen Schichten, die dort miteinander verweilen, sollte man alles andere als negativ bewerten.“ Ähnlich sieht es Sam: „Ich kann Anja nur zustimmen, meine Erfahrungen am Neubrunnenplatz waren bisher immer sehr positiv.“ Aber es gibt auch Leser, die die aktuelle Lage am Neubrunnenplatz eher negativ bewerten. „Jeden Morgen sind dort stark alkoholisierte Personen anwesend und lärmen rum. Warum wird von der Stadt so etwas toleriert und warum wird den Trunkenbolden keine Hilfe angeboten?“, meint Teo.

„Ort Tag und Nacht überwachen“

Die Situation vor Ort schnellstens ändern möchte jedenfalls der Mainzer Ex-Gastronom Dieter Grünewald, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Mainzer City-Carré, der sich inzwischen rund 20 Händler angeschlossen haben. „Die Lage ist dramatisch“, sagt er gegenüber Merkurist. Das große Problem seien die vielen Obdachlosen, die sich betrinken. So sei beispielsweise von diesen schon einmal der Betriebsleiter des Gastrobetriebs „Maxim“ mit einem Messer bedroht worden. Generell gehe die Attraktivität des Platzes durch das Verhalten der Obdachlosen immer mehr verloren. Unter anderem würden diese vereinzelt auf dem Platz sogar urinieren und koten. Genau das stehe jedoch der Idee seiner Interessengemeinschaft, nämlich den Platz aufzuwerten, entgegen, sagt Grünewald. Grundsätzlich wolle er aber bei den Obdachlosen zwischen denjenigen unterscheiden, die sich nur betrinken, und denen, die psychisch krank seien und Hilfe benötigen.

Um nun zu einer Lösung für den Neubrunnenplatz zu gelangen, will Grünewald noch einmal einen „runden Tisch“ organisieren, an dem Vertreter der Stadt und auch der Polizei sitzen sollen. Im Idealfall könne dort ein gemeinsames zielgerichtetes Vorgehen aller Beteiligten erreicht werden, um das Problem am Neubrunnenplatz in den Griff zu bekommen. Wie Grünewald sagt, könne er sich auch vorstellen, dass man den Platz Tag und Nacht überwacht. „Möglicherweise könnte man auch sogenannte Stadtteilkümmerer heranziehen, die das Geschehen vor Ort im Blick behalten, wie es zum Beispiel in Köln der Fall ist.“ Vielleicht böten sich für diesen Job sogar Langzeitarbeitslose an, meint Grünewald.

„Obdachlose über einen Kamm zu scheren, verbietet sich“

Grünewalds Vorschläge stoßen nun aber vor allem beim Verein „Rheinhessen hilft!“, der sich unter anderem für Obdach- und Wohnungslose engagiert, komplett auf Unverständnis. Wir sind einfach nur fassungslos“, sagt Marcio Demel, 1. Vorsitzender des Vereins. Grünewald vermische sehr viele Begriffe wie Obdachlose, Alkoholabhängige und psychisch kranke Menschen. „Von hemmungslosem Saufen könne nach unserer Erkenntnis überhaupt keine Rede sein.“ Das von ihm nun eine 24-Stunden-Überwachung des Platzes gefordert werde, zu der Langzeitarbeitslose herangezogen werden sollen, sei mehr als beschämend und zeige, dass er mit seiner Initiative den sachlichen Duktus verlasse, so Demel.

„Herr Grünewald möchte die Obdachlosen Menschen also wohl gerne an anderen Plätzen haben, um den Neubrunnenplatz ‘sauber’ zu halten.“ Doch Obdachlose zu verjagen, sei nicht effektiv und schaffe für eine Stadt nur mehr Probleme, sagt Demel. Natürlich müsse auch einmal einer von ihnen mangels Möglichkeiten in eine Ecke urinieren. Das sei sehr unbefriedigend für Gewerbetreibende mit Außengastronomie. Es handele sich hierbei nach unserer Erkenntnis aber wirklich um Ausnahmen“, so Demel. „Alle Obdachlosen über einen Kamm zu scheren, verbietet sich.“ Wer am Neubrunnenplatz nicht ins Bild passe und mal lauter werde, soll nun nach ‘Türsteher-Manier’ gehen - absolut unvorstellbar, sagt Demel. „Der Mainzer Neubrunnenplatz wird von meinen Kollegen im übrigen regelmäßig angefahren. Bereits ab 20 Uhr abends halten sich dort fast keine Obdachlosen mehr auf, sondern eher Studenten und junge Menschen, die sich Corona-bedingt nun draußen treffen.“

Der Pressesprecher der Stadt Mainz, Marc Andre Glöckner, gibt im letztgenannten Fall Demel Recht. Am Neubrunnenplatz träfen sich in letzter Zeit in der Tat größere Personengruppen - vorrangig an den Wochenenden, da die üblichen Lokalitäten zum Ausgehen auf Grund von Coronaregelungen nach wie vor geschlossen seien. „Es handelt sich nach unseren Erkenntnissen um friedliches, jüngeres Publikum.“ Der Vollzugsdienst bestreife den Bereich am Neubrunnenplatz nun im Rahmen seiner personellen Möglichkeiten, so Glöckner.

Die Mainzer Polizei erklärt auf Anfrage, dass sich am Neubrunnenplatz jedenfalls nachts verschiedene gesellschaftliche Schichten aufhielten. Dazu könne man sowohl Obdachlose als auch die Partyszene zählen, so eine Sprecherin.

Stadt Mainz: Zuletzt „vermehrt Obdachlose“ am Neubrunnenplatz

Doch wie ist die Einschätzung Grünewalds im Bezug auf die Obdachlosen zur aktuellen Lage am Neubrunnenplatz - zumindest tagsüber - dann einzuschätzen? Auf Anfrage der Allgemeinen Zeitung (AZ) erklärt Stadtsprecherin Ellen König: „Die geschilderten Entwicklungen sind dem Ordnungsamt seit einiger Zeit bekannt.“ Der Neubrunnenplatz habe sich erst seit einiger Zeit zu einem Platz entwickelt, an dem sich vermehrt Obdachlose aufhielten. Doch „Obdachlose gehören – so auch schon die langjährige Rechtsprechung – zum Stadtbild einer jeden Stadt“, so König gegenüber der AZ.

„Solange der Personenkreis nicht in flagranti beim Verstoß gegen die Gefahrenabwehrverordnung der Stadt erwischt wird, bestehen von rechtlicher Seite her keine wirklichen Möglichkeiten des Einschreitens.“ In den geschilderten Situationen würden Platzverweise erteilt. „Eine dauerhafte Lösung ist aber auf Basis des Ordnungsrechts nicht zu erreichen. Es kommt vorwiegend zu Verdrängungs- und Verlagerungseffekten“, erklärt die Stadtsprecherin der AZ.

So bleibt also abzuwarten, wie sich die Situation am Neubrunnenplatz in den kommenden Wochen entwickelt. Merkurist bleibt am Thema dran. (mo)

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