Mareike von Jungenfeld: „Das Beste wäre, wenn in der ganzen Innenstadt Tempo 30 gelten würde“

Zur kommenden OB-Wahl schickt die Mainzer SPD Mareike von Jungenfeld ins Rennen. Warum sie noch mehr Tempo-30-Zonen in Mainz gut fände und welche Visionen sie für die Stadt hat, darüber haben wir mit ihr im Merkurist-Interview gesprochen.

Mareike von Jungenfeld: „Das Beste wäre, wenn in der ganzen Innenstadt Tempo 30 gelten würde“

Der Name von Jungenfeld taucht in der Liste der Mainzer Oberbürgermeister schon auf: Von 1814 bis 1831 war Franz Gedult von Jungenfeld nämlich Mainzer Stadtoberhaupt. Geht es nach ihr und der Mainzer SPD, dann wird Mareike von Jungenfeld den Namen zum zweiten Mal in die Liste eintragen. Die 41-jährige SPD-Politikerin ist studierte Betriebswirtin, seit 2017 Finanzreferentin der Landespartei und bildet gemeinsam mit Christian Kanka die Doppelspitze der SPD-Mainz. Wie groß ihre WM-Begeisterung ist und warum sie Mainz zur europäischen Kulturhauptstadt machen will, darüber hat sie im Merkurist-Interview gesprochen.

Merkurist: Frau von Jungenfeld, wir starten das Interview etwa eine halbe Stunde vor der WM-Partie zwischen Deutschland und Japan. Gehen wir recht in der Annahme, dass Sie die Fußballweltmeisterschaft in Katar nicht sonderlich interessiert?

Von Jungenfeld: Grundsätzlich interessiere ich mich für Fußball und bin auch Mainz 05-Fan. Ich war auch 2006 beim Sommermärchen infiziert und sogar auf relativ vielen Spielen – von München bis Schalke. Aber ich finde fatal, wie der DFB agiert hat in der Frage der One-Love-Binde.

Zwischen dem DFB und Mainz gibt es zumindest eine Parallele. Sowohl Jogi Löw als auch Michael Ebling (SPD) waren lange im Amt, 15 Jahre beziehungsweise zehn Jahre. Jogi Löws größter Erfolg war ohne Zweifel der WM-Sieg 2014. Was war Michael Ebling größter Erfolg?

Was Michael Ebling sehr gut hinbekommen hat: Er hat eine Verbindung in die Zukunft geschaffen. Mit seinen Projekten Straßenbahnausbau, Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, Entsiegelung von Flächen in der Innenstadt war er immer progressiv. Und er ist auch ein Vorbild, wie er sein Amt ausgeführt hat: mit hoher Fachkompetenz und einer sehr nahbaren Art.

Und sein größter Misserfolg? Was ist zum Beispiel mit dem Bibelturm, der 2018 bei einem Bürgerentscheid deutlich scheiterte?

Aus dem Bibelturm hat man viel gelernt. Die Leitlinien zur Bürgerbeteiligung wurden angepasst, was ich persönlich richtig gut finde. Das ist auch mein Ansatz für die nächsten acht Jahre: Wie gelingt ein konstruktiver Austausch mit den Menschen in dieser Stadt? Die Akteure wissen ja selbst am besten, was ihre Bedürfnisse sind. Und dann möchte ich auch keine Oberbürgermeisterin sein, die sich im Rathaus verkriecht und nur hinter ihrer Akte sitzt und sagt: „Ich erkläre euch jetzt die Welt.“ Man muss die Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen und sie auch entsprechend bei Entscheidungen einbinden. Aber natürlich muss man als Oberbürgermeisterin auch einen Führungsanspruch mitbringen. Und man muss eine Idee haben, wohin sich die Stadt in der Zukunft entwickeln soll.

Strategisch hat Ihnen Michael Ebling doch einen Bärendienst erwiesen. Wenn er sein Amt acht Jahre ausgefüllt hätte, hätte man zum Beispiel Sie oder Herrn Kanka als Nachfolger oder Nachfolgerin aufbauen und schon mehr ins Rampenlicht stellen können.

Ich finde es gut, dass wir uns an den Spekulationen nicht beteiligt haben. Auf Landesebene fiel bei der Lewentz-Nachfolge nie der Name Michael Ebling – und er wurde es am Ende. Auf Stadtebene fiel nie der Name Mareike von Jungenfeld – und jetzt bin ich die Kandidatin. Ich glaube, das ist kein Manko. Ich komme aus einem sozialdemokratischen Elternhaus, wo auch Kommunalpolitik immer eine große Rolle gespielt hat. Das hat mich ganz früh geprägt. Und ich bin schon 25 Jahre Mitglied in der SPD und habe vor zehn Jahren angefangen, mich im Ehrenamt zu engagieren. Ich sitze seit 2019 im Stadtrat und kenne die Verwaltungsabläufe. Außerdem habe ich lange in einer Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungskanzlei gearbeitet. Ich bin Anfang 40, stehe mit beiden Beinen im Leben und habe auch noch zwei Kinder erzogen. Und jeder der Kinder hat, weiß, dass man das nicht mit links macht. Von daher glaube ich, dass das Gesamtpaket bei mir passt.

„Ich halte es für sehr fatal zu sagen, dass alle in der Verwaltung in den letzten Jahren nichts gemacht hätten.“ - Mareike von Jungenfeld

Dennoch sind Sie wohl in der ungünstigsten Position im Wahlkampf. Sie müssen neue Impulse setzen, aber können im Gegensatz zu anderen Kandidaten nicht sagen: Hier ist alles so schlecht gelaufen in den letzten Jahren.

Weil diese Aussage auch einfach nicht stimmt, Mainz steht in sehr vielen Bereichen sehr gut da. Trotzdem kann ich auch als Teil der SPD-Fraktion darauf hinweisen, dass es an anderen Stellen auch noch Potenziale in dieser Stadt gibt. Ich halte es für sehr fatal zu sagen, dass alle in der Verwaltung in den letzten Jahren nichts gemacht hätten. Das ist einfach falsch, extrem anmaßend und respektlos. So führe ich keinen Wahlkampf und so führe ich auch später nicht die Verwaltung. Wenn man Ziele verfolgen will, braucht es einen respektvollen, wertschätzenden Umgang mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir haben Potenzial in der Stadt und was wir verwirklichen wollen, das schaffen wir am besten gemeinsam.

Verwirklichen wollen Sie unter anderem, dass Mainz die „familienfreundliche Stadt in Rheinland-Pfalz“ wird. Wie soll das gelingen?

Bei all meinen Themen überlege ich mir: Wie wird Mainz in acht Jahren aussehen und wie hat sich die Stadt bis dahin entwickelt? Deswegen ist es mein Ziel, in acht Jahren familienfreundlichste Stadt in Rheinland-Pfalz zu sein. Das fängt bei Krippen- und Kitaplätzen an, bei Jugendlichen, die Aufenthaltsmöglichkeiten in der Stadt brauchen. Und es geht weiter über Eltern bis hin zu Seniorinnen und Senioren. Es ist essenziell, dass wir im Kita- und Schulbereich schneller werden, vor allem bei der Fertigstellung von neuen Kitas. Das würde ich als erstes angehen, dass die Verwaltung diese Projekte priorisiert.

Die Kinder müssen gute Rahmenbedingungen vorfinden und das dient auch dem Personal in den Einrichtungen. Wenn ich als Erzieherin oder Erzieher in einem Container arbeite, ist das von der Arbeitsqualität viel schlechter als in einer Kita. Und für berufstätige Eltern ist es wiederum essenziell, eine gute Betreuung ihrer Kinder zu haben. Auch die Kommunikation zwischen Verwaltung und Eltern muss sich verbessern. Es darf zukünftig nicht mehr vorkommen, dass man sich für den Betreuungsplatz anmeldet, eine Eingangsbestätigung bekommt und dann ein halbes Jahr nichts mehr hört.

Das ist ja ein klassisches SPD-Thema. Aber warum erst jetzt? Das hätte man doch schon früher angehen können. Die SPD ist seit Jahrzehnten mit einem Oberbürgermeister in der Verantwortung, der Sozialdezernent ist in der SPD. Das ist doch kein neues Thema, oder?

Das stimmt und deswegen ist in den vergangenen Jahren auch in diesem Bereich schon sehr viel Gutes umgesetzt und auf den Weg gebracht worden. Zudem haben sich auch rechtliche Rahmenbedingungen verändert. Was den Druck noch verschärft hat, war auch, dass der Rechtsanspruch auf Bundesebene eingeführt wurde. Was aber auch vollkommen richtig ist. Ich habe ja selbst Kinder und weiß, wie wichtig das ist. Und das ist ja auch genau der Grund, warum ich sage, das muss oberste Priorität haben.

Wo sehen Sie weitere Aufenthaltsmöglichkeiten für Jugendliche?

Da schwebt mir als schnelle Maßnahme vor, die Große Bleiche ab Allianzhaus bis zum Schloss zu einer autofreien Zone zu machen. Wir haben links die Wiese vom Ernst-Ludwig-Platz und den Brunnen, der in einem schlechten Zustand ist. Aber das ist ein riesiges Areal. Und auch hier wieder die Frage: Wie soll es in acht Jahren aussehen? Man könnte daraus eine tolle grüne Innenstadtoase machen, eine Fläche, auf der sich alle Generationen gerne aufhalten. Eine Wiese, ein toller Spielplatz und ein Brunnen, den man wieder instand setzen sollte. Ich glaube, das hätte eine große Strahlkraft, auch als Verbindung von Neustadt zu Altstadt.

Auch das Thema Kultur haben Sie auf Ihre Agenda gesetzt. Sie haben gesagt, dass Mainz sich als europäische Kulturhauptstadt bewerben könnte.

Kunst und Kultur sind mir extrem wichtig. Kulturschaffende wurden die letzten Jahre besonders gebeutelt. Jetzt haben wir auch den finanziellen Spielraum, um eine Schnittstelle zu schaffen zwischen Uni, Hochschule, Kunsthochschule und Stadtgesellschaft. Ich will, dass sich Kultur jeder leisten kann. Kulturschaffende setzen sich sehr oft mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Und wenn man da ein breites Angebot hat, stärkt das den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Und deswegen sage ich: Lasst uns doch Kulturhauptstadt Europas werden. Diese Städte stehen dann für einige Zeit im Fokus. Und Mainz stand ja schon früher im Fokus wegen Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks und jetzt wieder wegen der Biotechnologie. Außerdem können wir unser römisches Erbe noch viel sichtbarer in der Stadt machen. Wir sind zudem eine der SchUM-Städte, die letztes Jahr zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurden. Ich glaube, man kann das alles super gut vereinen unter dem Titel „Kulturhauptstadt Europas“.

Zur Sichtbarmachung des römischen Erbes gibt es ja derzeit eine sehr konkrete Idee: das Velodukt über das Zahlbachtal. Wie finden Sie diesen Vorschlag?

Ich habe mich schon mit den zwei Architekten getroffen. Es ist toll, wenn Menschen für eine Idee brennen und eine Vision haben. Das ist genau das, was wir in der Stadt brauchen: mal ein Stück wegzukommen von diesem Mainstream-Gedanken. Die Idee ist grandios. Wir müssen sowieso unsere Radwege-Beziehungen enorm verbessern. Deshalb soll die Verwaltung das jetzt unbedingt prüfen.

Und wie sieht es in ihrer Acht-Jahres-Vision von Mainz aus? Prüft die Verwaltung dann immer noch?

Oh Gott, nein. Ich kann am Ende nicht sagen, ob das Velodukt dann stehen wird und ob es überhaupt so aussieht wie bei den Visualisierungen. Das hängt auch mit Eigentumsverhältnissen zusammen. Und da gibt es sehr viele Dinge, die man beachten muss. Aber meine Vision ist schon, dass wir Achsen von äußeren Stadtteilen in die Innenstadt per Radweg schaffen und dass es auch attraktiv wird, diese Wege mit dem Rad oder zu Fuß zurückzulegen.

Nochmal zurück zum Thema Kultur: Die Zukunft der Programmkinos „Capitol und Palatin“ beschäftigt derzeit die Stadt. Die Betreiber zeigen sich von den Plänen des SPD-geführten Bau- und Kulturdezernats enttäuscht. Jetzt droht das endgültige Aus. Wie wollen Sie verhindern, dass Mainz bald ganz ohne Programmkinos dasteht?

Ich habe immer schon sehr gerne das Capitol und das Palatin besucht und habe auch letztes Jahr die Petition unterzeichnet. Für mich steht außer Frage, dass Mainz als Kultur- und Medienstadt auch weiterhin Programmkinos braucht. Ich fand es gut, dass Marianne Grosse (SPD) sich darum bemüht hat, bei einem privaten Eigentümer dafür zu sorgen, dass er die drei Kinosäle einplant. Das ist erstmal ein Erfolg des Kulturdezernats. Ich verstehe aber auch, dass es für die Betreiber schwierig ist, drei Jahre zu überbrücken während der Bauzeit. Es müssen jetzt wieder alle an einen Tisch geholt werden und dann muss man überlegen: Wie könnte eine Lösung aussehen?

Ein entscheidendes Thema im Wahlkampf wird der Verkehr in der Stadt sein. Michael Ebling hat sich immer für eine autoärmere Innenstadt, aber gegen einen kostenlosen ÖPNV ausgesprochen. Sein Argument war: „Was nichts kostet, ist auch nichts wert“. Sehen Sie das auch so?

Ich bin da schon bei Michael Ebling. Es war toll, dass wir das 9-Euro-Ticket hatten. Es hat viele zum richtigen Zeitpunkt entlastet. Aber dass es jetzt gelungen ist, ein 49-Euro-Ticket bundesweit einzuführen, ist ein ganz großer Wurf. Und es ist auch eine große Entlastung für die, die bisher mit dem Jobticket durch das Rhein-Main-Gebiet gefahren sind. Sie sparen damit bis zu 40 Euro pro Monat. Für einen kostenlosen ÖPNV bräuchten wir die nötige Infrastruktur, es müsste ausreichend Busfahrer und Busfahrerinnen geben. Und wir müssten die Mainzer Mobilität in deutlich stärkerem Umfang durch den städtischen Haushalt quersubventionieren. Ich weiß nicht, ob das eine realistische und verantwortungsvolle Linie für die Zukunft ist. Es herrscht mittlerweile eine große Einigkeit darüber, dass wir die Infrastruktur verbessern müssen, dass wir eine höhere Frequenz brauchen – und dass der ÖPNV deutlich günstiger sein muss als Autofahren. Und das finde ich auch.

Aber braucht es nicht radikalere Maßnahmen, um die Stadt autoärmer zu machen? Es ist ja schon ein großer Schritt, auf das Auto zu verzichten und nur noch mit dem ÖPNV zu fahren.

Ja, deshalb muss er günstiger werden, aber nicht unbedingt kostenlos. Die Preise im ÖPNV sind auch nicht der einzige Punkt. Es geht auch darum, dass die Autos in den Parkhäusern parken. Wir müssen den Menschen den öffentlichen Raum zurückgeben: für Radwege, für entsiegelte Flächen, für eine bessere Aufenthaltsqualität in der Stadt. Eine Übergangslösung sind Park-and-Ride-Plätze am Stadtrand, langfristig müssen die Menschen aus dem Umland besser mit dem ÖPNV nach Mainz kommen. Dafür müssen wir die Infrastruktur ausbauen. Und es führt in Zukunft auch kein Weg daran vorbei, Platz für Autos wegzunehmen. Klimafreundliche Verkehrsmittel müssen Vorrang haben.

„Das Beste wäre, wenn in der ganzen Innenstadt Tempo 30 gelten würde.“ - Mareike von Jungenfeld

Viele Autofahrer in Mainz sehen das anders und beschweren sich zum Beispiel über Tempo 30 in der Innenstadt. Vor allem auf der Rheinachse, wo man durchaus schneller fahren könnte. Wollen Sie dennoch an Tempo 30 festhalten?

Das Beste wäre, wenn in der ganzen Innenstadt Tempo 30 gelten würde. Viele wissen oft nicht, ob sie jetzt mit Tempo 30 oder 50 fahren dürfen. Wir brauchen eine einheitliche Linie. Ich muss wissen: Wenn ich ins Zentrum fahre, gilt jetzt Tempo 30. Ich erinnere mich noch an die Zeiten, in denen man überall in Kneipen und Clubs rauchen durfte. In meinem Umfeld wurde es damals sehr kritisch gesehen, Kneipen rauchfrei zu machen. Irgendwann wurde aber so entschieden und hinterher fanden es alle gut. Ich glaube, so ist es auch mit Tempo 30: Die Menschen gewöhnen sich daran, es ist ein entspannteres Fahren. Es dient auch dem Schutz von anderen Verkehrsteilnehmenden.

Der Hauptgedanke von Tempo 30 war ja der Klimaschutz. Finden Sie denn, dass die Stadt in den letzten Jahren genug fürs Klima getan hat? Viele kritisieren, dass es zu wenig Grün in der Stadt gibt.

Ja, ich finde absolut, dass wir mehr Grün in der Innenstadt brauchen. Wir brauchen mehr entsiegelte Flächen…

Ganz kurz: Alle reden immer von entsiegelten Flächen. Aber was bedeutet das für Sie konkret?

Ich gebe Ihnen gerne ein konkretes Beispiel: die Schöfferstraße. Das ist der Weg vom Höfchen zum Leichhof an der Johanniskirche. Das ist ein total schmaler Fußweg mit ganz kleinen Bäumen und auf der Straße stehen Taxis und ab und zu fährt der Lieferverkehr durch. Schrecklich. Das kann man innerhalb von zwei, drei Jahren anders machen. Macht doch die Straße zu und schafft Platz. Aktuell ist es dort asphaltiert. Das braucht man da nicht. Da haben viele Leute sicher gute Ideen, wie man die Straße schöner gestalten kann. Das könnte man zum Beispiel Studierenden der Mainzer Uni als Projekt geben. Und ich bin sicher: Das wird fantastisch aussehen.

Bleiben wir beim Thema Grün. Am Rheinufer wird derzeit schon gearbeitet. Viele wollen, dass es dort grün und belebt wird, auf der anderen Seite finden dort die Mainzer Volksfeste statt. Man braucht also einen Kompromiss. Wie soll es in der volksfestfreien Zeit dort aussehen?

Ich habe ja auch in Mainz studiert und es gab genau zwei Orte, an denen wir uns immer aufgehalten haben: am Winterhafen und in der Nähe des Spielplatzes am Kaisertor. Da war es attraktiv, weil dort große Rasenflächen sind. Ich glaube zwar schon, dass man rund um die Theodor-Heuss-Brücke eine teilversiegelte Fläche haben muss für die Schaustellerinnen und Schausteller. Das ist auch wichtig, dass wir diese Feste in der Innenstadt haben. Das sonstige Areal muss aber überwiegend entsiegelt sein. Es ist auch total wichtig, dass wir uns als Stadt zum Rhein hin öffnen müssen. Ich hoffe sehr, dass wir mit dem Denkmalschutz eine Lösung für die Freitreppe finden. Dort könnte man etwas Tolles schaffen.

Sie waren neulich mit den anderen OB-Kandidaten bei einer Diskussion in „The Pier“. Dort ging es unter anderem um die Belebung der Mainzer Innenstadt. Man hat dort bei den Wortmeldungen immer wieder rausgehört, dass die Einzelhändler sehr unzufrieden sind. In den letzten beiden Jahren Corona, dieses Jahr Energiekrise und auch vorher gab es schon Probleme. Können Sie diesen Frust verstehen – und was wollen Sie dagegen tun?

Ich kann den Frust nachvollziehen, auch wenn die Beweggründe oft sehr unterschiedlich sind. Ich bin derzeit viel mit Händlern im Gespräch. Ganz wichtig ist das Thema Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit. Da müssen wir schneller werden und unbürokratische Hilfe leisten. Die Inhaber sehen „Okay, Mülleimer voll“, dann melden sie das bei der Stadt oder beim Entsorgungsbetrieb und müssen sich dann auch darauf verlassen können, dass er bis zum nächsten Morgen geleert ist. Außerdem müssen sich die Leute sicher fühlen in der Stadt. Das Ordnungsamt muss dafür gut aufgestellt sein. Wenn sich zum Beispiel Personengruppen dauerhaft vor Geschäften aufhalten, müllen und betrunken sind, muss schnell jemand da sein. Sonst machen die Kunden einen Bogen um die Geschäfte.

Ein weiterer Punkt: Es gibt ganz viele Vergünstigungen, die Händler erhalten können, die aber oft überhaupt nicht bekannt sind. Es gibt zum Beispiel die Aktion „Parken aufs Haus“. Die Kunden können sich ihr Parkticket im Geschäft abstempeln lassen und dann günstiger parken. Das gibt es schon länger, aber viele wissen das nicht. Als Stadt müssen wir bei solchen Aktionen auf die Händler zugehen und besser kommunizieren.

Die Stadt Mainz hat jetzt dank Biontech deutlich mehr finanziellen Spielraum. Man stellt es sich manchmal fälschlicherweise so vor, dass die Stadt jetzt einen Topf Gold hat. Aber die Finanzsituation hat sich natürlich dennoch drastisch verbessert. Wo sollte man Ihrer Meinung nach diese Möglichkeit am besten nutzen?

Wir haben bisher noch gar nicht über Klimaneutralität gesprochen. Aber das ist für mich der wichtigste Dreiklang: familienfreundliche Stadt, wirtschaftlicher Erfolg und eben die klimaneutrale Stadt. Ich fände es toll, wenn Mainz eine Vorzeigestadt wird, eine Art Innovationshauptstadt. Wir sollten zeigen, dass es möglich ist, Quartiere zu entwickeln, in denen Arbeiten, Leben und kulturelles Angebot an einem Ort vereint sind. Wir sollten die Stadt sein, die den Konflikt zwischen sozialer Gerechtigkeit, wirtschaftlichem Erfolg und Klimaschutz erfolgreich auflöst. Und dafür würde ich gerne die finanziellen Spielräume nutzen.

Danke für das Gespräch, Mareike von Jungenfeld.

Das Interview führten Ralf Keinath und Peter Kroh.

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