Martin Ehrhardt: „E-Scooter sind für mich ein Spielzeug“

Martin Ehrhardt ist Bewerber um das Amt des Oberbürgermeisters. Der angehende Lehrer tritt für die „Die PARTEI“ an. Im Interview erzählt er, was er für Mainz plant und mit wem er gerne in einer Stichwahl wäre.

Martin Ehrhardt: „E-Scooter sind für mich ein Spielzeug“

Am Sonntag, 27. Oktober, wählen die Mainzer ein neues Stadtoberhaupt. Außer Amtsinhaber Michael Ebling (SPD), dem parteilosen Nino Haase, der Grünen-Politikerin Tabea Rößner und dem Linken-Kandidaten Martin Malcherek tritt auch der angehende Lehrer Martin Ehrhardt („Die PARTEI“) an.

Im Interview mit Merkurist erzählt Ehrhardt, wie in Mainz mehr Wohnraum geschaffen werden kann, was er gegen das Kneipensterben tun würde und wie ihm sein Beruf in der Politik hilft. Zum Merkurist-Interview begleitete ihn Partei-Kollegin Daniela Zaun.

Herr Ehrhardt, wie kommt man darauf, in die „Die PARTEI“ einzutreten?

Ich war ja mal bei den Grünen und wurde dort ein bisschen desillusioniert. Ausgetreten bin ich, nachdem es dort in einer Diskussion um Säkularisierung ging. Und ich dachte, das Thema wäre schon lang durch in der Bundesrepublik. Ehrlich gesagt finde ich, es gibt größere Probleme auf der Welt als die Frage, ob der Kreisverband der Grünen in einem Raum der Katholischen Kirche tagen darf. Ich bin ein politischer Mensch, schon immer gewesen, meine Eltern haben mich auch so erzogen. Ich habe mir das sehr lange angeguckt und ich halte es nicht mehr aus, was hier in Deutschland gerade passiert. Ich möchte zumindest den Diskurs verschieben.

Die „Die PARTEI“ selbst ist ja von der reinen Blödelei ein bisschen weggekommen und hat sich mittlerweile richtigen Inhalten zugewandt. Sehen Sie sich als ernsthaften Politiker?

Das ist eine gute Frage. Es gibt diesen Turn zur Ernsthaftigkeit, aber das darf man nicht zu weit treiben, weil man sich sonst irgendwann verrät. Ich finde, die größte Satire ist, wenn eine inhaltsleere Partei, wie wir uns nennen, bessere Politik macht und Impulse liefert als eine der konservativen Parteien – zu denen ich mittlerweile auch die Grünen zähle. Obwohl sie für mich immer noch die wählbarste Partei sind, natürlich außer der „Die PARTEI“!

Dann kümmern wir uns mal um ernsthafte Themen: Das Thema Wohnen ist in Mainz wohl eines der zentralsten. Wird hier genügend gemacht?

Es gibt ja diese Diskussion um den neuen Stadtteil. Was man davor klären sollte, ist: Was will man denn überhaupt? Will man einen Stadtteil, der autark ist, wo alle Grunddaseinsfunktionen vorhanden sind? Oder will man einen Stadtteil, der quasi Substitut ist für die innerstädtische Wohnungsnot? Und solange diese Frage nicht geklärt ist, muss man in meinen Augen diese Diskussion gar nicht aufmachen. Zumal ein neuer Stadtteil viele ökologische Probleme nach sich zieht, zum Beispiel Flächenversiegelung oder das Verbauen einer Frischluftschneise. Beton ist außerdem der katastrophalste Werkstoff, den es gibt, wenn man sich die Energiebilanz anschaut. Die Fragen müssen wir zuerst als gesamte Stadt klären, dann können wir gucken, welchen Acker wir wie bebauen.

Wie kann man denn sonst in der Stadt bezahlbaren Wohnraum schaffen?

Einerseits sind Hochhäuser in Deutschland nicht gesellschaftsfähig, weil sie oftmals Banken repräsentieren. Zum anderen haben Hochhäuser, zum Beispiel in Gonsenheim, ein schlechtes Image, weil die Bewohnerschaft nicht der Mitte der Gesellschaft entspricht. Man könnte also überlegen, in Mainz zentral ein, zwei Hochhäuser zu bauen. Das verändert natürlich massiv das Stadtbild und das müsste man natürlich auch mit der Bevölkerung abstimmen. Das wäre so die Brechstange unter den Lösungen.

Es gibt aber noch eine andere Idee, die ich gerade mit einem Architekten diskutiere: Wohnungen in Containergröße, die beweglich sind. Man kann sie also hinstellen, wo immer man möchte. In 10, 15 Jahren wird es weniger Autos in der Stadt geben, es werden also Parkplätze frei. Dann kann man dort diese Container platzieren, man kann sie stapeln oder sie auch wegfahren, wenn man dort ein Naherholungsgebiet entstehen lassen will. Clever ausgestattet bieten Container genügend Wohnfläche für eine Person. Und wenn wir das Wohnungsproblem anders gelöst haben, können wir sie wegfahren und woanders nutzen.

In Ihrer Masterarbeit haben Sie sich mit der Gentrifizierung der Neustadt beschäftigt. Wie würden Sie dem Thema als OB begegnen?

Das große Problem an Gentrifizierung ist, dass es die Heimat von Menschen verändert oder sogar vernichtet. Die urbane Landschaft, die soziale Struktur verändern sich. Das Extrembeispiel ist, dass Menschen nicht aus größeren Wohnungen in kleinere umziehen können, weil Letztere zu teuer sind. Wenn die also umziehen müssen, ist ihre Heimat weg. Und da möchte ich unseren Heimatminister Horst Seehofer (CSU) in die Pflicht nehmen, denn wenn er sich schon so nennt, dann muss er sich auch mit diesem Thema befassen.

Seit knapp zwei Wochen gibt es die E-Scooter in Mainz. Was sind Ihre Pläne für klimafreundliche Verkehrspolitik?

Die Grunddaseinsfunktionen einer Stadt wie Erholung oder Bildung sind alle durch Verkehr miteinander verbunden. Vorher muss man sich also Gedanken machen, wie die Stadt aussehen soll. Daher ist die Diskussion sehr verfrüht. Aber ich sage mal, E-Scooter sind für mich ein Spielzeug. Zum Beispiel auf dem Frauenlobplatz fahren die Leute einfach hin und her. Da frage ich mich, kennen die Leute überhaupt noch den Wert eines ausgedehnten Spaziergangs?

Es haben in letzter Zeit viele Kneipen in Mainz geschlossen. Kann man als OB etwas dagegen tun?

Klar! Man kann zum Beispiel diese Wohncontainer auch als Kneipe ausstatten. Ich war mal in Japan, da gibt es das schon und das war sehr gemütlich. No Problem!

Ein Punkt auf Ihrer Agenda ist ja die Eingemeindung von AKK. Aber das liegt ja nicht in der Hand von Mainz…

AKK müsste sich dazu bekennen, zu Mainz zu gehören. Wir waren ja mit einem transparenten Trojanischen Pferd drüben, um zu zeigen: Wir kommen und wir kommen in Frieden. Ein anderer Ausweg wäre noch, ein Rathaus in Kastel zu bauen, das gleichzeitig Verwaltung und Touristenmagnet ist. Die Stadt Mainz soll in Kastel auch noch Grundstücke haben, über deren Bebauung die Stadt Wiesbaden entscheiden müsste (lacht).

Es ist abzusehen, dass es eine Stichwahl geben wird. Mit wem wären Sie am liebsten darin?

Am liebsten mit einem aussichtslosen Kandidaten.

Sie sind angehender Lehrer. Was können Sie aus Ihrem Job in die Politik mitnehmen?

Ich habe gelernt, dass eine Lehrerpersönlichkeit souverän, gelassen und humorvoll ist. Und so gibt sich auch ein guter Politiker. Lehrer müssen sehr genau auswählen, welches Thema sie betrachten. Die Welt ist krass vernetzt, überall gibt es Querverbindungen. Und man muss in einer Unterrichtsstunde ein Thema auswählen und es so präsentieren, dass die Schüler dabei denken. Und ich glaube, das ist in der Politik genauso, man muss die Menschen motivieren mitzumachen, auch bei Utopien. Keine Partei hat Utopien. Eine begrünte Picknickmeile Kaiserstraße, wie wir sie uns vorstellen, ist eine Utopie. Und wir werden noch viele mehr davon in die Welt setzen.

Das Interview führten Ralf Keinath und Denise Frommeyer. (pk)

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