Viele Mainzerinnen und Mainzer betreten die Christuskirche nie. Genau das möchte die „Oase 26“ ändern. In den Sommermonaten soll die Kirche zu einem offenen, kühlen Treffpunkt für alle werden, unabhängig von Religion oder Kirchenzugehörigkeit.
„Viele sagen zu uns: 'Ich laufe hier seit Jahren vorbei, aber ich war noch nie drin’“, sagt Marcel Ritter, Referent für Innovation im Evangelischen Dekanat Mainz. „Und jetzt merken sie, die Christuskirche ist zugänglich und hier sind sie willkommen.“
Aus Hitzeschutz wurde eine Oase
Die Idee entstand bereits vergangenen Sommer. Damals richtete das Team die Christuskirche als kühlen Rückzugsort während der Sommerhitze ein.
„Wir haben gedacht: Dieser Ort ist doch sowieso offen“, sagt Kirchenmusiker und Dekanatskantor Arno Krokenberger. „Wir haben nur nie richtig kommuniziert, dass man sich hier auch einfach vor der Hitze schützen kann.“ Dass Menschen die Kirche auch ohne Gottesdienst besuchen dürfen, sei vielen gar nicht bewusst gewesen. „Wenn man ein bisschen Coworking machen oder lernen will, dann darf man das immer tun.“
In diesem Jahr wurde die „Oase“ um ein vielfältiges Programm erweitert. Aus dem Abkühlort ist ein Ort der Begegnung geworden. Das Motto lautet deshalb: Ein Wohnzimmer für die Gesellschaft.
„Wir laden die gesamte Nachbarschaft ein“, sagt Ritter. „Wer ein Geschäft, einen Verein oder eine Initiative hat und etwas ausprobieren möchte, kann das hier tun.“
Die Resonanz sei größer als erwartet. Bereits jetzt müsse das Team erste Interessierte auf das kommende Jahr vertrösten, weil das Programm fast vollständig gefüllt sei.
Yoga, Pokémon-Turniere und feministische Lesungen
Das Programm ist gezielt divers gestaltet. Ein Yogastudio veranstaltet zum Beispiel eine Mantra-Sing-Session, der Spieleladen „Glitchless“ organisiert ein Pokémonkarten-Turnier, dazu kommen feministische Lesungen, Diskussionsveranstaltungen mit der Architektenkammer oder Drag-Queens sowie ein offener Chor. Auch eine Seelsorge wird zweimal die Woche angeboten.
„Es geht eben nicht darum zu sagen: Das ist unsere Kirche und ihr dürft hier den Jesus anschauen," sagt Krokenberger. Stattdessen wolle das Team einen nachbarschaftlichen Ort schaffen, an dem sich Menschen begegnen können. „Ihr müsst hier gar nicht dran glauben. Ihr müsst auch überhaupt nicht christlich oder getauft sein. Wir wollen, dass ihr für eure Ideen und eure Lebendigkeit hier einen Ort findet."
Sinkende Mitgliederzahlen und weniger Kirchensteuereinnahmen stellen viele Gemeinden vor Herausforderungen. „Wir können diesen Ort nicht mehr lange alleine tragen", sagt Krokenberger. Sein Wunsch sei deshalb, dass die Christuskirche immer stärker als gemeinsamer Ort des Stadtteils verstanden wird.
„Vielleicht wird hier sonntagvormittags Gottesdienst gefeiert. Aber Samstagabend hört man ein Konzert oder der Spieleclub trifft sich. Ich wünsche mir, dass die Oase irgendwann nicht mehr nur zehn Wochen dauert, sondern eigentlich das ganze Jahr."
Begegnungen statt Mitgliedergewinnung
Dabei gehe es ausdrücklich nicht darum, neue Kirchenmitglieder zu gewinnen.
„Wir möchten, dass der Raum Kirche – so wie er eigentlich gedacht ist – wieder für Gemeinschaft zur Verfügung steht“, sagt Krokenberger.
Ritter ergänzt: „Wir wollen christliche Werte wie Gemeinschaft und Nächstenliebe fördern. Zusammenzukommen und sich zu respektieren ist die Basis von allem. Darauf kann man vieles aufbauen. Einen Yoga-Abend genauso wie eine Lesung."
Besonders bewegt hat Krokenberger eine Begegnung kurz nach einem Instagram-Beitrag über die Oase.
„Am nächsten Morgen kamen mehrere Mütter mit kleinen Kindern herein", erzählt er. „Eine hat gesagt: 'Mein Wohnzimmer ist zu klein, ihr habt eine Spielecke. Ich gehe jetzt hierher.'"
Für ihn sei genau das der Moment gewesen, in dem klar wurde, dass das Konzept aufgeht.
Die Oase soll bleiben
Das Projekt ist zunächst auf drei Jahre angelegt und wird unter anderem durch einen Innovationsfonds der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau unterstützt. Nach den ersten Wochen fällt das Zwischenfazit positiv aus.
„Wir hatten am Anfang schon die Sorge, ob das Ganze überhaupt angenommen wird", sagt Ritter. „Aber die positive Rückmeldung ist wirklich überwältigend."
Krokenberger wünscht sich deshalb vor allem eines: „Ich fände es schön, wenn dieser Ort nicht einfach nur ein weiterer Veranstaltungsort wird. Sondern wenn sich hier Leute treffen, die sich vielleicht sonst nicht begegnen würden. Dass man Unterschiede zwischen einander erkennt und aushalten möchte. Dass die Menschen finden, dass dieser Ort irgendwie anders funktioniert – und, dass sie wollen, dass er bleibt."
Weitere Infos und das Programm findet ihr auf der Website der Oase 26 und auf Instagram.