Trauriges Aus für Mainzer Tradition

Der Newweling ist ein Mainzer Unikum: Seit dem Mittelalter stand er traditionell an Allerheiligen auf den Friedhöfen. Nun teilt der Betreiber der letzten Kerzenfabrik mit: Es wird keine mehr geben.

Trauriges Aus für Mainzer Tradition

73 Jahre alt ist die Maschine, mit der Franz-Hubertus Tusar gemeinsam mit seiner Schwester Maria Theresia jedes Jahr kurz vor Allerheiligen die „Zutaten“ für die Newwelinge produziert hat. Aus unzähligen feinen Wachsschnüren werden dann in mühevoller Handarbeit die Kegel hergestellt. Die „August Tusar Erben AG“ in der Binger Straße war bis heute in ganz Mainz der einzige Ort, an dem die Newwelinge überhaupt noch produziert wurden.

Doch nun ist Schluss. „Es geht nicht mehr“, erklärt Tusar auf Merkurist-Anfrage. Seine Schwester hatte im vergangenen Jahr einen Schlaganfall erlitten. Sie könne zwar noch bei der Kerzenproduktion unterstützen, aber die hohe Geschwindigkeit, die das Schnüreziehen erfordert, sind ihr nicht mehr möglich. Seit vielen Jahren machen die beiden die Newwelinge als eingespieltes Team. „Das hat so keinen Sinn mehr“, erklärt der Bruder.

Tradition seit dem Mittelalter

Die Mainzer Newwelinge gibt es seit vielen hundert Jahren. 1367 wurden sie erstmals urkundlich erwähnt. Verewigt ist der Newweling etwa im alten Fastnachtslied „Määnz bleibt Määnz“. Verkauft wird er traditionell an Allerheiligen an den Mainzer Friedhöfen. Dann steht er an den Gräbern oder wird mit nach Hause genommen. Angezündet wird er an dem Wachsfaden, der dann langsam abbrennt, solange man am Grab steht. Der Newweling ist damit den Wachsstöcken ähnlich, die früher den Betenden in der Kirche Licht spendeten. Richtige Kerzen waren kostbar und wurden daher weniger verwendet. „Es war die Kerze der armen Leute, da sie innen hohl ist und dadurch günstiger“, sagte Tusar einmal gegenüber Merkurist. Jeden einzelnen Kegel hatten er und seine Schwester aus den 200 Meter langen Wachsschnüren per Hand gewickelt.

Verdient habe er an den Newwelingen noch nie, er und seine Schwester haben sie vor allem gemacht, um die Tradition aufrechtzuerhalten, so Tusar. „Inzwischen ist der Aufwand für die Newwelinge so hoch, dass ich dafür Hunderte von Kerzen produzieren könnte“, hat Tusar ausgerechnet. Das liege auch an den hohen Belastungen durch die Energiekrise. Kerzen werden aus Paraffin hergestellt, dafür ist Erdöl notwendig, das – ähnlich wie Bienenwachs – immer teuer und knapper wird.

Das inzwischen übliche Ersatzmaterial könne er für seinen Handwerksbetrieb nicht verwenden. „Das lässt sich nicht ziehen und damit nicht bearbeiten.“ In ein paar Jahren wird der 70-Jährige seine Fabrik schließen. „So lange ich noch in der Lage bin, Kerzen zu machen, werde ich noch weitermachen.“ Einen Nachfolger werde es wohl nicht geben.

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